Not amused: Mallorca-Briten und der "Brexit"

Insel-Residenten, die vor mehr als 15 Jahren ausgewandert sind, dürfen beim Volksentscheid über den EU-Austritt im Juni nicht abstimmen – dabei dürfte er sie besonders hart treffen

03.03.2016 | 15:19
Die Briten haben auf der Insel längst Spuren hinterlassen: Was täten wir nur ohne Mallorca Cricket Club?
Die Briten haben auf der Insel längst Spuren hinterlassen: Was täten wir nur ohne Mallorca Cricket Club?

Voraussichtlich im Juni werden die Briten in einem Volksentscheid über den Verbleib ihres Landes in der Europäischen Union abstimmen. Wahlberechtigt sind aber nur all die volljährigen Personen, die im Vereinigten Königreich leben oder sich seit höchstens 15 Jahren im Ausland aufhalten. Auswanderer, die Großbritannien bereits vor mehr als 15 Jahren den Rücken kehrten, haben hingegen, wie auch bei den Parlamentswahlen in ihrer einstigen Heimat, keine Stimme mehr. Auch Tausende britische Mallorca-Residenten sind von dieser über 30 Jahre alten Regelung betroffen.

„Das ist eine Schande, denn es geht um ein extrem wichtiges Thema", sagt Kate Mentink, Gründerin der Vereinigung Ciudadanos Europeos und Vorsitzende des Vereins Europeos por España, die seit mehr als 30 Jahren auf Mallorca lebt. Sie selbst hat die britische Staatsbürgerschaft inzwischen gegen die spanische eingetauscht und ihr Wahlrecht damit ohnehin verloren, aber in ihrem Bekanntenkreis gibt es viele Betroffene. Schuld an dem Dilemma ist das britische Wahlgesetz aus dem Jahr 1985 – das Premier David Cameron eigentlich reformieren wollte, wie der Konservative im Wahlkampf 2015 großmundig ankündigte. Alle Briten sollten demnach lebenslanges Wahlrecht erhalten, unabhängig von ihrem Wohnort. Allerdings ist allen Betroffenen schon jetzt klar, dass die Zeit für eine solche Gesetzesänderung nicht mehr reicht.

Rund 65.000 Briten wohnen Kate Mentink zufolge zumindest einen Teil des Jahres auf Mallorca und den anderen Balearen-Inseln – wobei offiziell nur knapp 18.000 gemeldet sind. „Mindestens die Hälfte davon hat in Großbritannien kein Wahlrecht mehr, da sie seit mehr als 15 Jahren hier leben", schätzt Mentink. Grund sei die hohe Zahl an Rentnern, die ihre Heimat teils schon vor Jahrzehnten verlassen haben.

Doch gerade sie dürften die Folgen eines „Brexit", der droht, wenn beim Referendum tatsächlich die Euroskeptiker gewinnen, am stärksten zu spüren bekommen. Möglicherweise verliert das Pfund an Kaufkraft, wenn die britische Wirtschaft nach dem EU-Ausstieg einbrechen sollte. Möglicherweise ist es auch nicht mehr ganz so problemlos möglich, hier eine Rente zu beziehen, die EU-Bürger in jedem Mitgliedsland genießen können. Und was ist mit der kostenlosen medizinischen Versorgung? „Für die balearische Gesundheitsbehörde IB-Salut gälten Briten dann als Einwanderer, die nicht mehr automatisch eine Versichertenkarte erhalten", warnt Mentink. Und die Scharen an jungen Leuten, die im Sommer zum Jobben auf die Insel kommen, müssten ein Arbeitsvisum beantragen. „Wie die US-Amerikaner."

Ein noch dramatischeres Szenario zeichnete vor wenigen Tagen der britische Europaminister David Lidington in der Debatte um den „Brexit": Die rund zwei Millionen im EU-Ausland lebenden Briten – davon allein eine knappe Million in Spanien – könnten ihre Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis verlieren, wenn der EU-weite freie Personenverkehr erst einmal Geschichte ist. Das auf der Insel erscheinende „Mallorca Daily Bulletin" vermutet hinter solchen Aussagen allerdings Panikmache der britischen Regierung – der konservative Premier David Cameron kämpft schließlich für den Verbleib in der Union und ist auf Stimmenfang im EU-treuen Lager.

Als Brite auf Mallorca zu leben, würde jedenfalls auch ein EU-Austritt nicht unmöglich machen, schreibt das „Daily Bulletin". Denn zum einen seien viele Landsleute schon lange vor Schaffung des gemeinsamen Binnenmarktes gekommen. Und zum anderen hätten auch Bürger aus anderen Nicht-EU-Staaten das Recht und die Möglichkeit, sich im Ausland niederzulassen.

Dass das Leben auf Mallorca nicht mehr ganz so einfach wäre, streitet aber auch „Daily Bulletin"-Chef Jason Moore nicht ab. In einem offenen Brief an Cameron forderte er den Premier deshalb vor Kurzem auf, den im EU-Ausland lebenden Briten ihr Stimmrecht zurückzugeben – sie seien es schließlich, die die Bedeutung der Europäischen Union am eigenen Leib erfahren und am besten darüber urteilen könnten. „Ich glaube nicht einmal, dass die Mehrheit der britischen Auswanderer für den Verbleib in der EU stimmen würden", schrieb Moore. „Aber sie sollten zumindest die Chance haben, ihre Meinung zu einer so entscheidenden Frage kundtun zu können."

Kate Mentink dagegen ist davon überzeugt, dass bei vielen Mallorca-Briten inzwischen ein Umdenken eingesetzt hat. Zwar wisse sie von vielen Residenten, die tatsächlich sehr EU-feindlich eingestellt sind. Doch nun, wo es ernst werde, würden den meisten von ihnen die Vorteile der Union bewusst. „Sie sind ideologisch gesehen zwar weiterhin für den Austritt Großbritanniens, würden auf persönlicher Ebene allerdings für den Verbleib in der EU stimmen." Und zwar vor allem deshalb, weil zum momentanen Zeitpunkt niemand genau sagen könne, welche konkreten Veränderungen der „Brexit" mit sich brächte. „Wir fragten das David Cameron in einem Brief – und bekamen lediglich zur Antwort: Wir wissen es nicht", erzählt Mentink.

Oliver Neilson, der als selbstständiger Fotograf in s´Arracó arbeitet, hat das Glück, dass er erst seit zwölf Jahren auf Mallorca wohnt und damit am Volksentscheid teilnehmen darf. Wie er abstimmen wird, weiß der Brite längst: „Gegen den Brexit, einfach um auf Nummer sicher zu gehen", sagt Neilson, der unter anderem negative Auswirkung auf die medizinische Versorgung oder den Schulbesuch der Kinder fürchtet. Nun muss nur noch der Eintrag ins Wahlregister gelingen, der unerlässlich, aber laut Neilson ein bürokratischer Kraftakt ist. „Bei Parlamentswahlen hatte ich schon mal Pech, weil die Unterlagen zu spät kamen, da gibt es regelmäßig Beschwerden." Diesmal würde er auch Widerspruch einlegen, sollte es mit der Stimmabgabe nicht klappen. „Das Thema ist zu wichtig."

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