So reagieren Mallorca und Spanien auf den Brexit

Spanische Politiker warnen in Bezug auf die bevorstehenden Parlamentswahlen am Sonntag (26.6.) vor Populismus und unüberlegten Referenden. Aktienindex Ibex 35 schließt mit dem schwersten Verlust der Geschichte

12.07.2016 | 10:18
Die Brexit-Entscheidung trifft Briten auf Mallorca wie ein Erdbeben.
Die Brexit-Entscheidung trifft Briten auf Mallorca wie ein Erdbeben.

Das politische und wirtschaftliche Beben der Brexit-Entscheidung der Briten wirkt sich direkt auf Mallorca und ganz Spanien aus. Mit dem fallenden Kurs des Britischen Pfunds verloren die sogenannten "Expats" und britische Touristen in Spanien über Nacht an Kaufkraft. Die Balearen-Regierung wertet die Entscheidung auch als Mahnung: Die EU müsse einen anderen Kurs einschlagen. In Bezug auf die spanischen Parlamentswahlen am Sonntag (26.6.) warnen die Spitzenkandidaten der großen Parteien vor populistischen Bewegungen und deren Forderungen nach Referenden.

Brexit - das politische Beben
Im Referendum vom Donnerstag (23.6.) entschieden sich die Briten mehrheitlich für einen Austritt aus der EU. Als sich diese Tendenz in der Nacht auf Freitag abzeichnete, fiel das Britische Pfund stark ab. Die Kurse an den wichtigsten europäischen Börsen verzeichneten große Verluste. Der britische Premier David Cameron kündigte seinen Rücktritt für Oktober an.

Reaktionen auf Mallorca
"Die Kaufkraft der Briten auf Mallorca ist innerhalb von zwölf Stunden um zehn Prozent gesunken", erklärt Kate Mentink, Gründerin des Residentenverbands Europeos Ciudadanos im Gepräch mit der MZ. Der Kurs des Britischen Pfunds sank kurz nach Bekanntwerden des Abstimmungsergebnisses. Das sei nicht nur für die auf der Insel lebenden Rentner ein Schock, die über Nacht viel weniger Geld zur Verfügung hätten, sondern auch für die britischen Urlauber, die fortan Mallorca besuchten.

Mittelfristig würden noch größere Probleme auf die auf der Insel lebenden Expats zukommen. Unklar seien insbesondere Fragen in Bezug auf Arbeitserlaubnis und Berechtigung, das spanische Gesundheitssystem zu nutzen.

Beruhigend äußerte sich die Ministerpräsidentin der Balearen, Francina Armengol, am Freitagvormittag zur Brexit-Entscheidung. Den auf den Balearischen Inseln lebenden Briten versicherte sie, dass sich für sie vorerst nichts verändern werde. In den kommenden zwei Jahren müsse man verhandeln, es gebe allerdings "keinerlei Grund zur Beunruhigung".

Als "überzeugte Europäerin" stelle sie sich die Frage, warum sich die Briten mehrheitlich für einen Austritt aus der EU entschieden hätten. Man müsse nun darüber nachdenken, wie die Union wieder attraktiver werden könnte für die Bürger. Die Sparpolitik stehe mehr denn je auf dem Prüfstand, die Europäer verlangten mehr Demokratie und mehr soziale Rechte, erklärte Armengol.

Der balearische Tourismusminister Biel Barceló reagierte am Freitagmorgen (24.6.) per Twitter. Unabhängig von den Auswirkungen auf den Tourismus der Inseln interpretierte er das Ergebnis der britischen Bürger zunächst als Mahnung an die Politiker in ganz Europa: "In Bezug auf den #Brexit muss sich die EU Gedanken über Änderungen machen, hin zu mehr interner Demokratie und einer Politik, die den Bürgern nutzt, statt Mittel zu kürzen." 

Sorgen der Unternehmen
Die Inhaber von Geschäften auf Mallorca sind über die Entwicklungen besorgt. Der Einzelhandelsverband Pimeco twitterte: "Der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union ist ein Schlag für unseren Tourismus und den Einzelhandel." Der balearische Unternehmerverband CAEB fürchtet "negative Auswirkungen durch die Abwertung des Britischen Pfunds". Dies werde zumindest kurzfristig die Einnahmen im Tourismus und britische Investitionen senken.

Die Einbußen an den Börsen betrafen auch die Tourismuskonzerne auf der Insel. Die mallorquinische Hotelkette Meliá war das spanische Unternehmen mit den größten Verlusten nach dem Brexit. Innerhalb der ersten Stunden büßte die Aktie vorübergehend 28,9 Prozent ein und sank auf einen Wert von 7,63 Euro pro Aktie.  

Analysten des hiesigen Geldinstituts Banca March gehen von negativen Folgen durch den Brexit aus - auf europäischer und internationaler Ebene. Allerdings würden die Auswirkungen "nicht so stark" sein, dass eine Rezession zu befürchten sei. Viel hänge jetzt von den weiteren Austrittsverhandlungen zwischen Großbritannien und der EU ab, hieß es in einem Bericht vom Freitag.  

Reaktionen in Spanien
Am Freitag fielen die Börsen weltweit. Auch in Madrid bezeichneten die Medien den Tag als "viernes negro" – als "schwarzen Freitag". Der Aktienindex Ibex 35, der die Bewertung der wichtigsten spanischen Unternehmen anzeigt, stürzte 12,35 Prozent ab - der höchste Verlust seiner Geschichte. Die Aktien von Banken und Tourismuskonzernen verloren spanienweit zwischen 10 und 26 Prozent ihres Börsenwerts.

Parlamentswahl am Sonntag
Der spanischen Politiker reagierten auf den Brexit auch in Hinblick auf die unmittelbar bevorstehenden spanischen Parlamentswahlen am Sonntag (26.6.). Premier Mariano Rajoy - Spitzenkandidat der regierenden Volkspartei (Partido Popular, PP) - warnte davor, leichtfertig mit Referenden umzugehen. Bevor man das Volk befrage, sollte man sich das "gut überlegen" und die möglichen Konsequenzen bedenken. Referenden solle man nur bemühen, wenn es "unbedingt notwendig" ist. "Mit wichtigen Dingen spielt man nicht" und Politiker dürften "keine Entscheidungen auf andere abwälzen, die man selber treffen muss", sagte Rajoy am Freitag. Mit diesen Äußerungen zielte indirekt auf das Vorhaben separatistischer Kräfte in Katalonien, über ihre Unabhängigkeit in einem Referendum abstimmen zu wollen. 

Der Kandidat der oppositionellen Sozialsten, Pedro Sánchez (PSOE), sprach das Referendum in Katalonien sogar direkt an und sagte, dass Volksbefragungen "einer Einheit und nicht einem Bruch" dienen sollten: "Was in Großbritannien geschehen ist, muss uns über die Verantwortungslosigkeit einiger nachdenken lassen, die in Form einer vereinfachten Ja- oder Nein-Antwort auf komplexe Probleme antworten wollen, die mithilfe der Politik gelöst werden müssen", erklärte Sánchez dem Radiosender Cadena SER.

Sowohl Rajoy als auch Sánchez lehnen ein von den Katalanen gefordertes Rererendum ab. Das linke Wahlbündnis Unidos Podemos spricht sich gegen eine Abspaltung der Region aus, will diese Entscheidung aber den Bürgern überlassen.  /tg

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