So sieht es nach dem Brexit-Votum auf Mallorca aus

Briten urlauben trotz Brexit ausgabefreudig weiter. Viele Residenten liebäugeln aber mit spanischem Pass

23.07.2016 | 08:42
Muss bislang nicht auf seinen Mallorca-Wein verzichten: das britische Künstlerduo Gilbert & George 2013 in Palma.
Muss bislang nicht auf seinen Mallorca-Wein verzichten: das britische Künstlerduo Gilbert & George 2013 in Palma.

Großbritannien ordnet sich neu. Doch seit dem Brexit-Votum Ende Juni geht es noch immer turbulent zu. Vor allem der Tiefflug des Pfunds macht vielen Briten zu schaffen, besonders denen, die gerade Urlaub im EU-Ausland machen, noch machen wollen oder dort leben. Ein Zurück gibt es nicht. Das hatte die neue Premierministerin Theresa May bei Amtsantritt klargestellt. Sie muss die Entscheidung des Referendums jetzt umsetzen. Für Briten auf Mallorca, aber auch für die Tourismusbranche hat das Votum schon jetzt konkrete Auswirkungen.

Die Währung

Das Pfund hat gegenüber dem Euro stark an Wert eingebüßt. Kurz nach dem Brexit fiel die britische Währung von 1,31 Euro auf 1,23 Euro. Mittlerweile liegt der Wert nur noch bei 1,19 Euro (Stand 19.7.), ein Wertverlust von rund neun Prozent. Das bedeutet, dass sich Briten in EU-Ländern weniger für ihr Geld leisten können als noch vor dem Brexit. Gegenüber dem US-Dollar ist das Pfund auf ein 31-Jahres-Tief gefallen, von 1,50 Dollar vor dem Brexit-Votum auf 1,32 Dollar danach (Stand 19.7.).

Der Tourismus

Die Tourismusbranche schaut mit Besorgnis auf den Tiefflug der britischen Währung. Sie fürchten weniger Umsatz in den kommenden Jahren. Das balearische Tourismusministerium will nun mit Promotion-Aktionen und einem PR-Service in Großbritannien gegensteuern. Man sei sich über den Wertverlust des Pfunds und mögliche Konsequenzen für die Insel im Klaren, so Tourismusminister Biel Barceló jüngst auf einer Pressekonferenz. Die Sorge, dass dadurch weniger Touristen auf die Insel kommen, teile er aber nicht. Laut einer Studie von GfK Insights haben die Besucher aus dem Vereinigten Königreich in diesem Jahr um 18,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugenommen – allerdings wurden diese Reisen zumeist vor dem Referendum gebucht.

Auch Joan Espina, Vizepräsident des Hoteliersverbandes in Palmanova und Magaluf, sieht in diesem Jahr keinen Grund zur Sorge. „Die Hotels sind ausgebucht, es gibt nicht weniger Reservierungen." Dieses Jahr habe der Brexit wohl keinen oder nur wenig Einfluss auf die Branche. Kopfzerbrechen bereitet den Hoteliers allerdings das nächste Jahr. Man habe Sorge, dass die Reiseveranstalter die Verträge stark verändern, also zum Beispiel weniger Belegungs-Garantien geben. Die Verhandlungen laufen derzeit.

Die Barbesitzer in Magaluf sehen die Situation noch gelassener: „Bis jetzt merken wir noch nicht, dass weniger ausgegeben wird", so Bar- und Restaurantbesitzerin Monica Molina. „Aber wir haben gerade Hochsaison." Alles sei ausgebucht, und es seien nicht nur die Briten, die die Kassen füllen. „Man wird sehen, wie sich das Pfund entwickelt. Wir müssen die nächsten Monate abwarten." Auch Barbesitzer Alfonso Solis ist bis jetzt noch zufrieden mit seinen Umsätzen. „Ich glaube auch nicht, dass die Briten weniger ausgeben werden", sagt er, „zumindest nicht, wenn sie hier im Urlaub sind." Denn dann achte man sowieso nicht so sehr aufs Geld.

Was vielen Gastronomen aber schon zu schaffen machen könnte, sind All-inclusive-Angebote, die derzeit laut der britischen Zeitung „Daily Bulletin" stärker nachgefragt werden. Britische Fluggesellschaften reagierten indes auf den Wertverlust des Pfunds mit einer Preis­offensive: Bis zu 50 Prozent günstiger haben sie ihre Flugtickets nach Mallorca für den August auf den Markt gebracht, um den Kaufkraftverlust der Briten auszugleichen.

Die erste Insolvenz

Ganz konkret betroffen vom Brexit-Votum und vom Wertverlust des Pfunds ist der britische ­Reiseanbieter Low Cost Travel Group (LCTG) mit Sitz im Parcbit in Palma. Das bereits zuvor in Schwierigkeiten geratene Unternehmen hat am vergangenen Wochenende Insolvenz angemeldet. Die Rettungsversuche seien von den „jüngsten turbulenten finanziellen Rahmenbedingungen" behindert worden, heißt es auf der Website. Etwa 20.000 britische Touristen, die Flug, Hotel oder beides mit der Firma gebucht hatten, sind von der Insolvenz betroffen. Problematisch könnte das für Reisende werden, die ihren Mallorca-Urlaub noch nicht angetreten und keine Versicherung abgeschlossen haben.

Die Staatsbürgerschaft

Werden Briten, wenn der Brexit erst einmal vollzogen ist, Probleme haben, im EU-Ausland zu leben und zu arbeiten? Diese Frage treibt derzeit viele Residenten in Spanien um. Die britischen Journalisten Giles Tremlett und William Chrislett haben im Internet eine Petition gestartet, die die spanische Regierung dazu auffordert, doppelte Staatsbürgerschaft für Briten zuzulassen, die mehr als zehn Jahre in Spanien leben. Die Petition hat rund 15.850 Unterstützer (Stand 19.7.).

Kate Mentink, Gründerin und langjährige Vorsitzende der Ciudadanos Europeos, hält diese Option für nicht sehr wahrscheinlich. „Die spanische Regierung müsste die Verfassung ändern." Dennoch bestätigt sie: „Viele britische Residenten informieren sich, ob und wie sie die spanische Staatsbürgerschaft beantragen können. Sie denken also zumindest darüber nach."

Das sei vor allem der Unsicherheit der letzten Wochen geschuldet. „Keiner weiß, wie Großbritannien verhandeln wird", sagt Mentink. Besonders die Frage, ob man noch Zugang zum balearischen Gesundheitssystem habe, treibe viele Residenten um. „Die britische Regierung muss mehr Sicherheit schaffen, und das geht nur, wenn sie in Verhandlungen mit der EU tritt", sagt Mentink.

Für Robert Eldidge, selbstständiger Bootsbauer in Palma und seit mehr als 15 Jahren in Spanien, wäre die spanische Staatsbürgerschaft eine letzte Option. „Ich hoffe, dass sich die Länder irgendwie einig werden und dass ich als Brite weiter hier leben und die Freiheiten genießen kann, die man als EU-Mitglied hat." Er würde eher die spanische Staatsbürgerschaft beantragen, als das Land verlassen zu müssen. „Aber dann müsste ich die britische ablegen." Er hoffe, dass es nicht so weit kommt.

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