Flagge zeigen gegen die Exzesse an der Playa de Palma

Anwohner in Arenal protestieren mit schwarzen Fahnen gegen die Auswüchse des Sauftourismus. Ein Unternehmer hält das für scheinheilig

02.08.2016 | 09:18
? Wer erhobenen Blicks durch Arenal geht, sieht schwarz.
? Wer erhobenen Blicks durch Arenal geht, sieht schwarz.
Fotogalerie: Exzesse an der Playa de Palma

Ist erst einmal der Blick geschärft, lassen sie sich fast in jeder Straße erspähen: schwarze Flaggen, die Anwohner an der Playa de Palma an ihren Balkonen gehisst haben. Aber man muss gen Himmel blicken und zwischen den Balkon­pflanzen, bunten Werbetafeln und den von der EM verbliebenen Spanien-Flaggen Ausschau halten, um die Zeichen des Protests gegen Lärm und Exzesse in der Urlauberhochburg zu entdecken.

„Vor Kurzem hingen noch sehr viel mehr, deutlich über hundert", meint Anwohner David Servera, einer der Initiatoren der Protest­aktion, die über das soziale Netzwerk Facebook ihren Anfang nahm. Doch einige Anwohner wollten keinen Ärger haben – man habe ihnen weisgemacht, dass sie sich damit ins eigene Fleisch schnitten und die Jobs im Tourismus in Gefahr bringen. „Einigen älteren Leuten hat man sogar erzählt, dass Schwarz für die Taliban stehe und sie somit mit Terroristen sympathisierten", sagt Servera.

Dass es in den Sommernächten vor allem in Arenal wild zugeht, ist eigentlich nichts Neues. Gegröle, Urin, Kotze, Randale, nackte Urlauber, öffentlicher Sex – wer hier wohnt, hat so ziemlich alles schon gesehen. Dieses Jahr sei es aber noch exzessiver zugegangen, meinen die Anwohner. „Juni und Juli waren wirklich schlimm", erzählt Isabel Monterrosa, die früher ein Lokal an der Playa de Palma betrieb und deren Apartment direkt gegenüber einem günstigen Hotel liegt. Sie zeigt auf ihrem Handy-Display das Bild eines Autos mit kotbeschmiertem Türgriff. „Die haben tatsächlich vom Balkon aus ihr Geschäft gemacht."

Pinkelfotos gibt es in allen Varia­tionen auf der Facebook-Seite der Anwohnervereinigung Amics de s´Arenal, auch die brennenden Sonnenschirme von vor einigen Wochen wurden zahlreich geteilt. Einmal habe sie mit ansehen müssen, wie Urlauber Papierreste in Brand steckten und vom Balkon warfen, erzählt Monterrosa. „Auch an den Anblick nackter Touristen will ich mich nicht gewöhnen." Grund genug also, die schwarze Flagge am Fenster ihres Apartments zu hissen, wie sie sagt. Zunächst flatterte provisorisch eine schwarze Plastiktüte im Wind, inzwischen ist es ein Stofftuch.

Gar nicht gut zu sprechen auf die schwarzen Flaggen ist Ruben Sousa, Geschäftsführer eines Reisebüros für Abschlussfahrten von spanischen Schulklassen. „Wir leben vom Tourismus, er sichert das Einkommen der Menschen in Arenal", meint er. Hoteliers, Gastronomen und Einzelhändler profitierten von den Einnahmen, sich da über die Begleiterscheinungen zu beschweren sei „scheinheilig", sagt er. Die Playa de Palma sei nun mal nicht Ibiza, das Potenzial für den Qualitätstourismus werde überschätzt, „das geben die Hotels in Arenal doch gar nicht her."

Natürlich schlügen Gruppen jugendlicher Urlauber ab und zu über die Stränge – da müsse halt die Polizei konsequent für Ordnung sorgen. Die Ortspolizei von Llucmajor lasse jedoch Einsatzfreude vermissen, und Beamte der Guardia Civil seien sogar abgezogen worden, so Sousa.

Im Übrigen seien die Exzesse nichts Neues, „das hat es vor 40 Jahren auch schon gegeben." Jetzt aber seien da die sozialen Netzwerke, mit denen sich „vier Hansel" Aufmerksamkeit verschafften.

Das sehen die Initiatoren der schwarzen Flaggen freilich anders, sie verbitten sich auch den Vorwurf, dass sie gegen den Tourismus an sich seien. Die Kritik an der Polizei klingt aber ganz ähnlich. Die Ordnungshüter seien völlig überfordert. Wenn man nachts anrufe, heiße es nur lapidar, dass eine Streife geschickt werde, so Servera. „Wenn die Polizei dann wirklich kommt, dann fährt der Streifenwagen einfach nur vorbei."

Und nicht nur das: Beschwerden auf der Facebook-Seite der Orts­polizei seien unbearbeitet und unbeantwortet einfach gelöscht worden – Belege haben die Anwohner auf ihrer eigenen Facebook-Seite in Form von Screenshots veröffentlicht. Die Polizei entschuldigte sich schließlich und verwies auf „technische Probleme" beim Start der Seite.

Zuständig ist in diesem Fall die Gemeinde Llucmajor, zu der Arenal als östlicher Teil der Playa de Palma gehört. Während Palmas Stadtverwaltung im größeren, westlichen Teil zu Saisonbeginn eine alte Verordnung gegen Saufgelage reaktiviert und erweitert hat und mit teuren Knöllchen droht, gibt es in Arenal ein verwaltungstechnisches Problem. Die eigentlich für diese Saison geplanten Benimmregeln sind noch immer nicht verabschiedet. Gemeindesprecher Miquel Serra verweist auf juristische Bedenken im Rathaus von Llucmajor, nachdem die frühere Verordnung in Palma gerichtlich einkassiert worden war – ähnliche Probleme wolle man vermeiden. Der Gesetzestext werde noch mal geprüft, ein Datum für die Verabschiedung gebe es nicht. Und da die Verordnung nicht von einem Tag auf den anderen in Kraft treten könne, werde sie letztendlich erst kommende Saison angewandt werden, so Serra.

Statt nur nach dem Eingreifen der Ordnungshüter zu rufen, müssten aber auch Hote­liers und Reisever­anstalter ihre Verantwortung wahrnehmen, kritisiert Servera. Einerseits gibt es da seit einigen Wochen die Initiative PalmaBeach von Unternehmern, die das Ekel-Image loswerden und die Playa de Palma als Destination für Qualitätstourismus stärken wollen. Viele Hoteliers haben in ihre Häuser investiert, die Zahl der Sterne steigt. Andererseits seien zu viele Hoteliers weiterhin auf der Billigschiene unterwegs und wiesen die Partyurlauber trotz Beschwerden nicht in ihre Schranken, meint Monterrosa.

Die Anwohnerin verabschiedet sich zum Einkaufen, zeigt auf dem Weg noch auf die Einfahrt zu ihrer Tiefgarage, „die schwimmt manchmal regelrecht vor Körperausscheidungen aller Art." Im Supermarkt könne sie wahrscheinlich wieder beobachten, wie sich die jungen Urlauber für die nächste Partynacht eindeckten, meint Monterrosa – falls noch etwas da sei. „Die Regale mit dem billigen Alkohol sind meistens völlig ausgeräumt."

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