Scheuklappenfreie Zone in Cala Ratjada

Seit 1987 gibt es in dem Küstenort Rundfahrten mit Pferdekutschen. Nach einem Unfall und einer Kehrtwende des Bürgermeisters ist damit ab September Schluss

20.08.2016 | 07:19
Artgerechte Haltung? Darüber gehen in Cala Ratjada die Meinungen auseinander.

Wie immer, wenn es um Vier­beiner geht, schwappen die Emotionen hoch. Das ist im Fall der Kutschpferde von Cala Ratjada nicht anders. Der zuständige Gemeinderat von Capdepera hat beschlossen, die im August beziehungsweise September auslaufenden Kon­zessionen für die sechs Kutschpferde in Cala Ratjada nicht zu verlängern. Tierschützer sind erleichtert, die Kutscher und Pferdebesitzer empört.

Das jetzt verkündete Ende nahm seinen Anfang, so zumindest die Meinung der betroffenen Kutscher in Cala Ratjada, am 25. Mai. Ein junger Motorradfahrer war im Zentrum des Ortes mit einem Kutschpferd zusammengestoßen. Der Zusammenprall ging für den Zweiradfahrer glimpflich aus. Dafür traf es den Kutscher, einen Gitano, hart. Er verletzte sich schwer. Ob er sich jemals wieder uneingeschränkt bewegen kann, ist noch unklar. Sein Pferd starb Tage später an den ­Folgen des Unfalls.

„Statt dass der Bürgermeister mal versucht herauszufinden, wie der Unfall wirklich passiert ist, und eine Lösung sucht, nimmt er uns einfach die Lizenz weg", klagt einer der drei Kutscher, die der Reporter beim Ortstermin in Cala Ratjada antrifft. So wie er vermuten nicht wenige einen Zusammenhang zwischen der Entscheidung des Gemeinderats und dem Unfall. Capdeperas Bürgermeister, der Sozialist Rafel Fernández, weist das von sich. Die Entscheidung sei bereits vor dem Unfall gefällt worden.

Fest steht: Das Aus für die Kutschen wurde erst nach dem folgenschweren Zusammenstoß kommuniziert. Begründet wird der Lizenzentzug vor allem mit dem Zustand der Tiere. Sie seien „misshandelt" worden, so Bürgermeister Rafel Fernández. Das ist ein ­Vorwurf, gegen den sich die Tierhalter vehement wehren. Auch würden die Tiere in der großen Mittagshitze im Sommer nicht ­eingesetzt, sondern lediglich in den Morgen- und späten Nachmittags- und Abendstunden. Eine beantragte Markise und eine Wasserstelle für die Tiere habe das ­Rathaus nicht bereitgestellt.

Ein Tierarzt aus einem Ort an der Ostküste, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, spricht im Zusammenhang mit den Pferden von „Gerippen". Deshalb habe er sich vor einigen Jahren von der Betreuung der Tiere zurückgezogen. „Mit diesen Leuten wollte ich nichts mehr zu tun haben."
Auch Jeanette Haug, Tierärztin in Cala Ratjada, ist erleichtert über die Nachricht, dass die Kutschpferde endlich aus Cala Ratjada verschwinden sollen. „Jeder, der mit Pferden arbeitet, hat gesehen, dass es vielen der Tiere nicht gut ging", sagt sie. Fast alle Pferde lahmten sichtlich oder hätten Schwierigkeiten mit dem Bewegungsapparat, sagt sie der MZ. Auch stünden sie trotz anderslautender Versprechen der Kutscher weiterhin stundenlang in der Sonne, und das ohne einen Tropfen Wasser.

Haug stand vor vier Jahren bereits kurz davor, die Bedingungen für die Tiere zumindest zu verbessern. Nach der besorgten Mail einer Touristin hatte sie ein vielversprechendes Gespräch mit Bürgermeister Fernández, der sie mündlich beauftragte, die Pferde einmal gründlich durchzuchecken. Außerdem habe er versprochen, die Vorgaben ab dem Jahr 2013 deutlich zu verschärfen. Passiert war danach nichts, bedauert Haug.

Dafür, dass sich die Tiere offenbar in einem zumindest stark verbesserungswürdigen Zustand befanden, gibt es das Geschäft mit den Kutschpferden in Cala Ratjada schon eine halbe Ewigkeit. Toni Vaquer und sein Sohn waren die ersten Kutscher, die 1987 begannen, mit zwei eigentlich für die Trabrennen abgerichteten Tieren Rundfahrten durch den Urlaubsort anzubieten. Viele Jahre lang waren sie damit allein. Erst im August 2011 kamen die anderen vier Betreiber mit jeweils einem Pferd dazu. Das Rathaus stellte die entsprechenden Konzessionen aus, Rafel Fernández war schon damals der Bürgermeister.

Beim Ortstermin klagt einer der Kutscher, dass man ihm mit dem Entzug der Konzessionen den Boden unter den Füßen wegzieht. „Niemand hat auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, dass mit dieser Entscheidung sechs Familien ohne Arbeit dastehen", beklagt einer der Fahrer. Man habe, da erst vor fünf Jahren gestartet, noch nicht einmal die Kutsche und das Pferd amortisiert. An der Entscheidung aber gibt es nichts mehr zu rütteln. Unklar ist nur noch, was mit den Pferden ab September passieren soll. Toni Vaquer zumindest will weiterhin als Kutscher bei Privat­feiern oder Hochzeiten seine Dienste anbieten.

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