Airport am Limit: Wohin mit all diesen Flugzeugen?

Palmas Fluglotsen stoßen an ihre Grenzen. Maximal 66 Starts und Landungen pro Stunde sind zulässig – und Verspätungen der einzige Weg, um die Sicherheit auch in der Rekordsaison zu gewährleisten

21.08.2016 | 09:06
„Palmas Flughafen hat Kapazitäten. Was fehlt, ist Personal. Man muss in Manpower investieren": Mara Riosalido, Fluglotsin.
„Palmas Flughafen hat Kapazitäten. Was fehlt, ist Personal. Man muss in Manpower investieren": Mara Riosalido, Fluglotsin.

Mara Riosalido ist Fluglotsin am Flughafen Son Sant Joan in Palma und Sprecherin der Fluglotsen­gewerkschaft auf den Balearen. Das Flugaufkommen zum Höhepunkt der Rekordsaison sowie Personal­engpässe bedeuten für sie und ihre Kollegen im Tower Stress pur.

Frau Riosalido, wie bewerkstelligt der Tower das Rekordaufkommen an Flügen?
Wir brechen jedes Wochenende neue Rekorde, und der Andrang ist größer als die Zahl der Flüge, die wir abfertigen können. Das führt Stunde um Stunde zu mehr Verspätungen, die sich gegen Ende des Tages häufen. Am späten Abend, wenn es eigentlich ruhiger werden sollte, haben wir dadurch so viel Flugverkehr wie normalerweise am Nachmittag um 16 Uhr. Verschärft wird die Lage dadurch, dass es an Personal fehlt und wir an unsere Grenzen stoßen – wobei es nicht nur uns Fluglotsen, sondern auch den Piloten und dem Bodenpersonal so ergeht. Wir sprechen in dieser Saison schließlich von einer durchschnittlichen Zunahme der Flüge um 14 Prozent pro Monat.

Um die 1.000 Flüge pro Tag – haben die Fluglotsen das noch im Griff?
Wir sind absolut am Limit der zulässigen Flüge. Eurocontrol, die Europäische Organisation zur Sicherung der Luftfahrt, erlaubt in Son Sant Joan maximal 66 Flugbewegungen, also Starts und Landungen, pro Stunde – und zu Spitzenzeiten erreichen wir die. Wenn wir sehen, dass es bis zu 70 Bewegungen werden, müssen wir anfangen zu schieben. Dann kommen Flieger an, und du weißt nicht mehr, wohin mit ihnen. Das geht nicht den ganzen Tag so, aber doch viele Stunden am Stück. Wir bekommen es hin, aber diese Situation bedeutet für das Personal sehr viel Stress über einen zu langen Zeitraum.

Kann man von einem Kollaps sprechen?
Nein, denn das gesetzlich festgeschriebene Limit kann nicht überschritten werden. Ganz im Gegenteil, das würde Anzeigen zur Folge haben. Wir sind dazu da, um das zu
verhindern. Aber da die Flieger nun mal landen müssen, kommt es zu Verspätungen.

Palma ist europaweit der Flughafen mit den zweitmeisten Verspätungen – haben Sie schon
resigniert?

Die Verspätungen sind nötig, um die Sicherheit zu gewährleisten. Die legen nicht wir fest, die bestimmt Brüssel. Die EU-Bestimmungen geben dieses Zeitfenster von
15 Minuten vor, die ein Flugzeug zum Landen bekommt. Mit Ausnahme der Airline Vueling, die bekam in den vergangenen Wochen sogar 30 Minuten.

Erschweren Ihnen die Billig-Airlines die Arbeit zusätzlich?
Die arbeiten eben absolut am Limit. Die Piloten selbst stehen extrem unter Druck. Eine Zeit lang flogen sie mit dem Nötigsten an Kerosin im Tank. Wir tun, was wir können, aber wenn es zu einem Problem kommt, können wir ihnen nicht immer Priorität einräumen. Das ist ein Faktor mehr, der uns Sand ins Getriebe streut.

Bislang haben 40 Prozent der Flüge eine Verspätung von mehr als einer Viertelstunde, im Schnitt liegt sie bei 50 Minuten. Kann das im Laufe des Sommers noch mehr werden?
Selbstverständlich. Nicht nur wegen der Probleme im Tower, sondern auch wegen jedem beliebigen anderen Zwischenfall, seien es die Wetterbedingungn oder Einschränkungen auf den Start- und Landebahnen. Die Zahl der Variablen in der Luftfahrt ist enorm. Deshalb ist es nicht klug,
vorauszusetzen, dass immer alles nach Plan läuft. Man muss einen gewissen Spielraum lassen.

Die Gewerkschaften fordern seit Jahren mehr Lotsen. Hätten Sie im Moment nicht alle Argumente auf Ihrer Seite?
Seit zehn Jahren werden keine Stellen mehr ausgeschrieben und seit 2009 gibt es keine Neueinstellungen mehr. Im Tower in Palma sind wir derzeit 46, und wir haben elf zusätzliche Lotsen beantragt. Damit könnten wir den Druck auf die Mitarbeiter senken. Wir arbeiten derzeit Schichten von sechs Tagen am Stück, und das über drei, vier Monate hinweg. Aber damit sind wir nicht die Einzigen. Überall in Spanien herrscht Personalnotstand, und das seit Jahren. Doch mittelfristig scheint keine Lösung in Sicht.

Das zuständige Unternehmen Enaire leugnet Personalengepässe und behauptet, die Zahl der Mitarbeiter aufgestockt zu haben.
Das ist deren Version. Aber wir können unsere mit Zahlen belegen. Laut Enaire wurden drei Personen für den Sommer eingestellt. Dass die allein dazu da sind, um Krankschreibungen auszugleichen, wird nicht erwähnt. Das Personal wurde nicht aufgestockt. Die Bereitschaftsdienste, die für den Fall gedacht sind, dass in letzter Minute noch jemand gebraucht wird, werden inzwischen Tage vorher verplant. Wenn dann tatsächlich jemand ausfällt, sind wir schlichtweg einer weniger.

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Die Gewerkschaft kritisiert zudem die Überalterung der Belegschaft.
Das Durchschnittsalter der Fluglotsen liegt bei 48 Jahren. In Spanien arbeiten wir inzwischen bis 64, bis vor einigen Jahren war es bis 55 – wie in den meisten Ländern um uns rum. Mit 63 noch Nachtschichten zu schieben, beansprucht einen doch sehr. Zumal man sich keinen einzigen Fehler erlauben darf. Wenn etwas passiert, bist du als Lotse verantwortlich. Das steigert den Druck zusätzlich.

Sollte man die Zahl der Flüge in Son Sant Joan reduzieren?
Darüber entscheiden nicht wir Fluglotsen. Was wir fordern, ist eine Struktur, die der Nachfrage angepasst ist. Palmas Flughafen hat Kapazitäten. Was fehlt, ist Personal. Man muss in Manpower investieren.

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