Der falsche Arzt und die gefrorene Leiche

Der Deutsche, der 2011 wegen Hochstapelei an der Playa de Palma Schlagzeilen machte, starb jetzt auf Gran Canaria – und entging so möglichen Mordermittlungen

06.09.2016 | 01:00
Bungalow auf Gran Canaria.
Bungalow auf Gran Canaria.

Es war am 8. August, als der Deutsche es wagte, die mit Vorhängeschlössern gesicherte Tiefkühltruhe zu öffnen. Sein kurz zuvor an einem Herzinfarkt verstorbener Lebensgefährte M. K. hatte ihn stets davor gewarnt. Ein Schild auf der Truhe in dem Anwesen auf der Kanarischen Insel Gran Canaria wies auf angebliche Algen mit gefährlichen Bakterien hin.

In der Tiefkühltruhe fand sich stattdessen eine tiefgefrorene Leiche in Embryo-Haltung, eingewickelt in Plastikfolie, zudem an Händen und Füßen mit Isolierband gefesselt. Mit der Autopsie konnte erst einige Tage später begonnen werden, als der Eisblock aufgetaut war. Die Nationalpolizei geht laut kanarischer Lokalpresse davon aus, dass es sich um einen früheren Lebensgefährten von M. K. handelt, der bereits vor zwei Jahren verschwunden war. Der Verdacht der Ermittler: Der inzwischen verstorbene Lebensgefährte soll ihn getötet haben.

Dieser hatte zuvor auch auf Mallorca Schlagzeilen gemacht, als falscher Arzt von der Playa de Palma. Die Mallorca Zeitung hatte den Fall im September 2011 zusammen mit einem Privatermittler in Palma (www.vsspanien.info) aufgedeckt: Wie die Recherchen ergaben, hatte der Deutsche jahrelang ohne Medizin-Studium und ärztliche Zulassung auf der Insel Patienten behandelt und war deswegen im April 2012 wegen unerlaubter Berufsausübung und Urkundenfälschung festgenommen worden. Das Urteil folgte erst am 17. März dieses Jahres: Ein Gericht in Palma belegte den Deutschen, der inzwischen auf die Kanaren umgesiedelt war, mit einer Haftstrafe von sechs Monaten, die in eine Geldstrafe umgewandelt wurde.

Ein Arzt ohne Titel

Eigentlich war M. K. gelernter Koch und führte in den 90er-Jahren ein Restaurant an der Playa de Palma. Nach einem Aufenthalt in Deutschland, wo er nach Recherchen des Privatermittlers eine Freiheitsstrafe wegen Betrugs in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal verbüßte, kehrte er auf die Insel zurück und setzte von nun an unter falschem Namen Spritzen, gab Kortison, verordnete Antibiotika. Im Nachtleben der Playa trug er eine Notarztjacke, die ihn als Arzt auswies. Auf seiner Website schmückte sich der Deutsche, der nebenbei ein Travestie-Kabarett an der Playa betrieb, auch mit dem Titel des plastischen Unfallchirurgen und Internisten. Auf einigen Rezepten benutzte er sogar die Zulassungsnummer eines echten deutschen Internisten auf Mallorca. Und er scheute sich auch nicht, die Rolle als Notarzt für einen Beitrag im deutschen Fernsehen zu spielen.

Die Schlinge begann sich ab Frühjahr 2011 zuzuziehen. Die deutsche Krankenversicherung Allianz leitete Nachforschungen ein, nachdem hohe Rechnungen eingegangen waren, die sich als Fälschungen entpuppten. Eine Nachfrage der MZ bei der Ärztekammer auf Mallorca ergab im Sommer 2011, dass unter dem Namen, mit dem M. K. Rezepte ausstellte, keine ärztliche Zulassung vorlag. Auch die Organisation Ärzte ohne Grenzen, die gar keine Zulassungen für Ärzte ausstellt, wies eine ähnliche Behauptung des Hochstaplers zurück.

Trotz der vielen Hinweise zog sich die Festnahme noch einige Monate hin, weil der Deutsche verschiedene Identitäten benutzte. Bei einem ersten Versuch hatte der Mann einen falschen Ausweis vorgezeigt und war so in Freiheit geblieben. In dem schließlich folgenden Verfahren trat die Ärztekammer als Nebenkläger auf.

Nachdem die Hochstapelei aufgeflogen war und während die Mühlen der Justiz mahlten, siedelte M. K. nach Gran Canaria um - unklar ist, ob mit dem deutschen Lebenspartner, dessen Leiche jetzt in einer Abstellkammer an dem Bungalow des Wohnkomplexes Betancuria an der Playa del Inglés entdeckt wurde. Hier legte sich der Mann nach Recherchen des deutschen Privatermittlers, der den Mann auch mit Hilfe von Fotos identifiert hat, wieder einen neuen Namen zu und erzählte seinen Bekannten, er sei Arzt. Der Lebenspartner verschwand vor rund zwei Jahren. „M. K. erzählte den Bekannten und seinem neuen Freund, er sei nach Deutschland zurückgekehrt und dort verunfallt" – er läge im Koma.

Fiestas an der Kühltruhe

Das berichteten Anwohner auch gegenüber der MZ-Schwesterzeitung „La Opinión de Tenerife": „Niemals hätten sie sich vorgestellt, dass sich die Leiche seit damals nur wenige Meter vom Bungalow entfernt befand, wo K. Fiestas schmiss, über deren Lärm sich die Nachbarn beschwerten", schreibt das Blatt am 15. August.

Laut Autopsie in Las Palmas hatte das Opfer starke Schläge auf den Kopf erhalten, die den Schädel zertrümmerten. Eine Prüfung der Identität per Genanalysen wurde eingeleitet. Unklar ist, ob es bei der Tat einen Komplizen gegeben haben könnte, der dem mutmaß­lichen Täter beim Verstecken der Leiche in der 1,20 Meter langen und 70 Zentimeter breiten Truhe half.

Dass die Leiche mindestens zwei Jahre in der Tiefkühltruhe lag, darauf deutet auch ein hinterlassener Brief vom Mai 2014 hin, in dem M. K. festlegte, wie mit seinen Besitztümern und seinen beiden Hunden im Fall einer Festnahme oder seines Todes umzugehen sei. Laut der kanarischen Zeitung „Canarias en hora" schreibt der Deutsche unter anderem, dass die Tiefkühltruhe Anwohnern in der Urbanisation gehöre und geschlossen bleiben müsse, bis diese im Sommer auf die Insel kämen.

Gegen den falschen Arzt kann nun nicht mehr ermittelt werden. Er starb Anfang Juli im Alter von 48 Jahren an einem Herzinfarkt. Der letzte Eintrag in seinem Facebook-Profil, das unter einem falschen Namen angelegt ist und ein ausgelassenes Partyleben in der Schwulen-Szene zeigt, stammt vom 5. Juli. Es folgen mehrere Nachrufe von Freunden und Bekannten, darunter auch von Mallorca: „Ich habe es gerade gehört, bin echt sehr traurig. Danke für die schöne Zeit auf Mallorca!"

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