Neue Medizinfakultät: "Das ist eine große Bereicherung"

Zum Semesterstart bietet die Balearen-Universität für 60 Studenten erstmals einen Medizin-Studiengang an. Dekanin Margarita Gili im Interview

08.09.2016 | 15:06
Margarita Gili ist die Dekanin der neuen Medizinfakultät
Margarita Gili ist die Dekanin der neuen Medizinfakultät

Neue Fakultät trotz klammer Kassen

  • Die Balearen-Universität UIB wurde 1978 gegründet und bestand bisher aus den Fakultäten für Naturwissenschaften, Jura, Erziehungswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Geisteswissenschaften, Psychologie sowie einer Fakultät für Physiotherapie und der Ausbildung von Krankenschwestern und -pflegern. Hinzu kommen eine Politechnische Hochschule und die Fachhochschule für Tourismus. UIB-Außenstellen befinden sich in Ibiza-Stadt und in Alaior auf Menorca. Zuletzt waren an der UIB gut 14.000 Studenten eingeschrieben. Hinzu kommen jedes Jahr viele Austauschstudenten, im kommenden Semester sind es exakt 263 aus 31 Ländern, darunter 53 Italiener und 40 Deutsche. Auch 408 UIB-Studenten absolvieren 2016/17 ein Semester im Ausland. Während der Krise litt die UIB unter Mittelkürzungungen, zwischen 2009 und 2013 wurde das Budget um gut 20 Prozent auf 85 Millionen Euro zusammengestrichen. Wegen der weiterhin angespannten Finanzlage wurde die Einrichtung einer Medizinfakultät vor allem von der Protestpartei Podemos scharf kritisiert. Der Medizinstudiengang soll im ersten Jahr 600.000, später aber bis zu 1,5 Millionen Euro jährlich kosten.

Margarita Gili ist promovierte Psychologin, lehrte bisher an der Psychologie-Fakultät der BalearenUniversität UIB und forschte schwerpunktmäßig im Bereich Depression. Mit Beginn dieses Semesters wartet eine neue Herausforderung auf die Mallorquinerin: Als Dekanin leitet sie Mallorcas erste Medizinfakultät, um die sich UIB und Inselpolitiker seit Langem bemühen. Mitte September nehmen die ersten 60 Studenten ihre Mediziner-Ausbildung auf.

Spanien hat nun 42 Medizinfakultäten und nach Südkorea weltweit die meisten Medizinstudienplätze pro Einwohner. Ist der neue Studiengang wirklich nötig?
Vor rund zehn Jahren wurde ein Gutachten vorgelegt, wonach es in etwa so viele Studienplätze geben sollte wie Stellen an den Krankenhäusern für die anschließende Facharzt-Spezialisierung zur Verfügung stehen. Damals kam man auf etwa 7.000 Plätze spanienweit – eine Zahl, die längst erreicht und inzwischen sogar ein wenig überschritten ist. Es ist auch nicht abzustreiten, dass es viele Medizinfakultäten gibt. Fakt ist aber auch, dass in Spanien Ärzte fehlen, insbesondere auf den Balearen – der einzigen spanischen Autonomieregion neben La Rioja (eine Region in Nordspanien, die flächenmäßig so groß ist wie die Balearen, aber nicht mal ein Drittel so viele Einwohner hat, Anm. d. Red.), in der es bisher keinen Medizinstudiengang gibt. Erst kürzlich wurden Zahlen veröffentlicht, wonach auf den Balearen mehr Patienten auf einen Hausarzt kommen als im Rest Spaniens. Es kommt auch nicht von ungefähr, dass viele Gesundheitszentren jetzt im Sommer nachmittags geschlossen bleiben mussten.

Auf 30 derzeit noch nicht vergebene Plätze kommen mehr als 1.000 Bewerber, von denen ein Großteil über den Numerus Clausus zugelassen wird, der mit 12,28 Punkten so hoch wie nirgends sonst im Land ist. Wie groß ist da die Wahrscheinlichkeit, dass an Mallorcas Medizinfakultät tatsächlich Mallorquiner studieren?
Unter den ersten 30 Studenten, die bereits fest zugesagt haben, sind durchaus viele Mallorquiner. Bei den restlichen 30 könnte es aber tatsächlich sein, dass alle vom Festland kommen, das werden wir erst nach dem Ende der definitiven Einschreibefrist am 15. September wissen. Das tut aber gar nichts zur Sache, Medizinstudenten sind in der Regel örtlich sehr flexibel, und das ist doch das Positive: Mit dem Studiengang bekommt die UIB ein weiteres Prestigefach, eines hat sie bereits mit der Biochemie, das Studierende aus allen Landesteilen und sogar aus anderen Ländern anzieht. Das ist eine große Bereicherung für die Universität, es tut ihr wahnsinnig gut.

Die Fakultät wird im Krankenhaus Son Espases untergebracht sein – ein bereichernder Austausch zwischen Medizinstudenten und Studierender anderer Fächer ist da eher unwahrscheinlich.
Das ist richtig, die Mediziner sind etwas isoliert vom Campus. Allerdings stehen auch ihnen die Bibliotheken und die Sportanlagen auf dem Campus offen, sodass es durchaus Kontaktmöglichkeiten geben wird. Und auf der anderen Seite ist es ein großer Vorteil, dass sich die Fakultät direkt am Krankenhaus befindet und den Studenten die Nähe zu den Medizinern bietet. Das ist nicht üblich, aber durchaus sinnvoll. In Barcelona etwa ist die Fakultät direkt neben der Universitätsklinik.

Son Espases wurde bereits beim Bau als Uniklinik konzipiert. Müssen die Studenten also nur noch einziehen?
Die Lehrsäle, Labors und ein Sezierraum existierten bereits und wurden damals mit Geldern aus dem europäischen Entwicklungsfonds Feder finanziert. Wir mussten sie jetzt allerdings herrichten und noch einige Apparate anschaffen, Mikroskope zum Beispiel. Im ersten Semester werden ja noch nicht alle Räume genutzt, sodass noch Zeit ist, um sie bis nächstes Jahr auch für die Kurse der höheren Semester ausrüsten. Zu klären ist beispielsweise noch, woher die Leichen kommen, die die Studenten ab dem zweiten Studienjahr sezieren. Hierfür könnte man ein Abkommen mit Son Espases schließen oder mit einer anderen Universität.

Und wo wird das Lehrpersonal rekrutiert?
Für die zwölf Fächer, die in den ersten beiden Semestern gelehrt werden, benötigen wir 29 Dozenten. Ein Teil davon ist bereits an der UIB, das sind zum Beispiel Biologen oder Chemiker, die die entsprechenden Grundkurse geben. Das Lehrpersonal für die spezifischen Medizinfächer wie etwa Anatomie mussten wir dagegen neu anstellen. Ein Großteil davon sind Ärzte aus den Krankenhäusern Son Espases und Son Llàtzer, die bereits eine Zulassung für eine Lehrtätigkeit an der Uni besitzen. Bis der komplette Studiengang eingerichtet ist, werden wir etwa 100 zusätzliche Professoren und Dozenten benötigen.

Kritiker der Medizinfakultät behaupten, die Posten wären längst verschachert und so manch einer hätte sehnlichst auf den Start des Studiengangs gewartet.
Posten wie der meine sind nicht gerade begehrt, da sie mit viel Arbeit verbunden sind. Und was die Mediziner angeht, die nun als Dozenten zum Einsatz kommen könnten: Der Lehrplan für den Medizinstudiengang liegt seit 2009 vor, und die Leute haben sich eben gerüstet, ihren Doktortitel gemacht, Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht, Lehraufträge an Unis am Festland angenommen, weshalb sie nun einen Lebenslauf vorzuweisen haben, der sie für diese Lehrtätigkeit qualifiziert. Ich sehe daran nichts Verwerfliches.

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