Kanaren schlagen Balearen

Nachlese: Warum der Reiseveranstalter Tui bei der kürzlichen Präsentation des Sommerprogramms Mallorca unter den Teppich fallen ließ

25.11.2016 | 07:08
Frisch renoviert: das Riu Palace Meloneras an der Südküste von Gran Canaria.

Da staunten die vom deutschen Reise­veranstalter eigens eingeladenen mallorquinischen Pressevertreter nicht schlecht: In der Präsentation des Tui-Sommerprogramms 2017 auf dem gerade aus Palma in Las Palmas eingetroffenen Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff 2" fiel am Sonntag (20.11.) der Name ihrer Insel Mallorca nur ganz am Rande.

Und das in dem Jahr, in dem alle Besucherrekorde gebrochen worden sind, ein wenig angetrieben auch von der schon im April von Tui-Deutschland-Chef Sebastian Ebel formulierten Warnung „Es werden nicht alle nach Mallorca kommen, die nach Mallorca wollen."

Eine Unaufmerksamkeit, geschuldet der Tatsache, dass es außer der Neuausrichtung zweier Hotels – das Safari Park in Sa Coma und das Alcúdia Suites werden zu Familienhäusern – wenig Neuigkeiten zu berichten gab? Möglich, schließlich hatte die Beurteilung der Lage auf Mallorca in einem am Vortag stattgefundenen separaten Presse­gespräch im Hotel Riu Palace Meloneras nicht unfreundlich geklungen.

Von guten Ergebnissen, lobenswerter Investitionsfreudigkeit der Hoteliers und überaus positiven Perspektiven war da die Rede gewesen. Auf den Balearen sei der Umsatz in der abgelaufenen Saison im „hohen einstelligen Bereich gestiegen", sagte Ebel verklausuliert und meinte damit wohl schlicht und einfach neun Prozent.

Dabei habe man angesichts der Buchungsexplosion befürchtet, dass Mallorca die Qualität nicht halten könne. Dem aber sei nicht so gewesen, dem Engagement und der Professionalität der Hoteliers und ihrer Mitarbeiter sei Dank. Im Gegenteil: Die Zufriedenheit der Kunden sei trotz pickepackevoller Strände und überlaufener Attraktionen wie der Innenstadt von Palma noch einmal gestiegen.

Selbstläufer im Mittelmeer

Mallorca, so viel darf als sicher angenommen werden, hat sich also in den Augen von Tui Deutschland gut geschlagen. Die Insel ist eine Art Selbstläufer im Mittelmeer und „bleibt unser wichtigstes Zielgebiet", wie Produktmanager Stefan Baumert auf Nachfrage nach der Präsentation am Sonntag noch einmal versicherte.

Nur: Der versammelten Meute von knapp 90 Reisejournalisten wurde das nicht so vermittelt. Stattdessen war viel die Rede von tollen Angeboten in Kroatien und Griechenland, von „mehr Italien war noch nie", von neuen Rundreisen in Alaska und 1.500 Hotels in Australien.

Und natürlich von jenen Destinationen, die aufgrund von Terroranschlägen und autoritärem Machtgehabe einen massiven Einbruch der Urlauberzahlen erlebten und dem Reiseveranstalter trotz des Booms in Spanien das Ergebnis verhagelten. In Ägypten, so die Einschätzung, zögen die Buchungen jetzt wieder an – das Langzeitgedächtnis von Urlaubern ist offenkundig begrenzt –, für Tunesien erwarte man sich sehr bald eine ähnliche Entwicklung, und ­gleiches gelte „eines Tages" sicherlich auch für die Türkei. Für all diese Destinationen statt für die übersättigten Balearen zu trommeln, das hat Sinn.

Vergnügte Hoteliers

Wobei noch ein anderer Aspekt hinzukommt: Mallorca und die anderen Balearen-Inseln werden für die Urlauber immer teurer – in der Tui-Sprachregelung „1 bis 3 Prozent". Vorstandschef Sebastian Ebel bat um eine „gute, sensible Preisgestaltung", doch es scheint so, als ob sich viele Insel-Hoteliers lieber auf die Schenkel klopfen und sich darüber freuen, dass die Reiseveranstalter dazu bereit sind, fast jeden geforderten Preis zu zahlen, um ihre Gäste unterzubringen.

Tui Deutschland ist diesbezüglich in einer misslichen Lage, da man, was die Zahl exklusiver und eigener Hotels betrifft, gegenüber aggressiven Mitbewerbern wie Alltours auf Mallorca ins Hintertreffen geraten ist und es kaum Kauf- oder Neubauoptionen gibt. War die Nicht-Erwähnung als Warnschuss an die Hoteliers gedacht, es mit der „flexiblen Preisgestaltung" nicht zu übertreiben? Im Tui-Zentralbanksprech ist das eine Möglichkeit.

Wo Fantasie drin ist

Blieben noch die Kanaren, wo die Sonne nicht nur für das Tui-Management wesentlich freundlicher scheint. Gran Canaria als Austragungsort der Präsentation und die immer wieder weit über die diplomatischen Erfordernisse hi­nausgehenden Lobeshymnen auf die sieben Inseln – auch El Hierro steht mittlerweile auf dem Programm – ­zeigen: Tui Deutschland hat seine helle Freude an der Inselgruppe vor Afrika.

Zahlen? Aber selbstverständlich, in diesem Fall alle möglichen: knapp 30 Prozent kanarenweites Umsatzwachstum in der abgelaufenen Saison, 20 Prozent mehr Bettenkapazität im Sommer 2017, 29 nicht selten zu 90 Prozent ausgebuchte exklusive Tui-Hotels. Und die erwartete Preissteigerung fällt mit 1,5 Prozent „nur leicht" aus. Da ist, wie ein Börsianer sagen würde, Fantasie drin. „Die Kanaren waren in diesem Jahr unsere Top-Destination und werden es auch im Sommer 2017 bleiben", freute sich denn auch Tui-Vorstand Sebastian Ebel.

Der größte deutsche Reiseveranstalter setzt auf Alternativen zu Mallorca, ohne Mallorca aus den Augen zu verlieren: So könnte das Fazit dieser Präsentation lauten. Was im Übrigen ganz gut dazu passt, dass auch die Balearen-Regierung angesichts der fetten Jahre ihr Tourismusmarketing-Budget gerade herunterfährt.

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