Hausbesetzer: Plötzlich ist die eigene Wohnung weg

Auf Mallorca häufen sich die Fälle. Die rechtmäßigen Besitzer können oft nur zusehen

29.12.2016 | 09:21
Politisch motivierte Hausbesetzungen sind seltener geworden. Heute ist oft soziale Not der Hintergrund.

Das will man nicht erleben, wenn man auf Mallorca eine Immobilie kauft: Als Tomeu Riera (Name von der Redaktion geändert) Ende November seine einen Tag zuvor gekaufte Wohnung nahe den Avenidas in Palma beziehen wollte, traute er seinen Augen nicht. Der Schlüssel, den ihm bei der Unterschrift beim Notar das Immobilienunternehmen aushändigte, passte nicht ins Schloss. Schnell war auch klar, warum. Die Wohnung war wenige Tage vor der Unterschrift von mehreren Personen besetzt worden, die offenbar unverzüglich das Schloss austauschten – und wohl in den kommenden Monaten erst einmal dort leben werden. Die Besetzer zeigten ihm zwischenzeitlich sogar einen offensichtlich gefälschten Mietvertrag. Währenddessen zahlt Tomeu Riera jeden Monat seine Hypothek, ohne dass er die Wohnung nutzen kann.

Sei es aus der Not heraus, in Zeiten rasant steigender Mieten eine Bleibe zu finden, sei es aus krimineller Energie – solche Hausbesetzungen häufen sich derzeit. Theoretisch können sich die Besetzer auf Artikel 47 der spanischen Verfassung berufen, die das Recht auf eine würdige Unterkunft garantiert, aber in den meisten Fällen kommt es gar nicht zu dieser juristischen und politischen Rechtfertigung des eigenen Tuns.

„Zwei bis drei Fälle am Tag"
Fälle wie den von Tomeu Riera gebe es laut einem Sprecher der Nationalpolizei allein in Palma „zwei- bis dreimal am Tag". Die Hausbesetzer suchen systematisch die Websites nach Wohnungen und Häusern ab, die vornehmlich Banken gehören und zum Verkauf stehen. Im Falle von Riera war die Banco Santander der Eigentümer, die Vermittlung lief über eine zur Bank gehörige Immobilienfirma – die offenbar sogar von den Hausbesetzern wusste und Riera trotzdem ins offene Messer laufen ließ. Der 40-jährige Mallorquiner erzählt der MZ, dass er im Gespräch mit dem Hausverwalter herausfand, dass dieser sechs Tage vor der Unterschrift eine Mail an die Bank geschickt hatte mit dem Hinweis, dass die Wohnung offenbar besetzt ­worden sei. Trotzdem habe die Bank die Unterschrift nicht gestoppt.

Schnelle Hilfe hat Tomeu Riera trotz der klaren Ausgangslage nicht zu erwarten. Bei der Nationalpolizei sagte man ihm nur, dass man da nichts ausrichten könne. Auch ein Sprecher der Ortspolizei Palma bestätigt der MZ auf Anfrage: „Wir sind bei derartigen Hausbesetzungen machtlos. Einschreiten können wir nur, wenn es sich um Minderjährige handelt, oder wenn die Bewohner Strom und Wasser anzapfen, ohne zu bezahlen. Ansonsten muss erst ein richterlicher Räumungsbeschluss her."

Der aber kann derzeit in Spanien angesichts der Überlastung der Justiz Monate oder gar Jahre auf sich warten lassen. Tomeu Riera hat ihn vergangene Woche schon mal beantragt.

Hausbesetzer gibt es auf Mallorca nicht nur in Palma, sondern auch in vielen Dörfern. Etwa in Bunyola, wo Besetzer sich in einem Haus breitgemacht haben, das einen Großteil des Jahres leer steht. Ein 53-jähriger Mallorquiner, der von dem Fall berichtet, hat nun Sorge, dass auch das Haus seiner Schwiegereltern in unmittelbarer Nähe besetzt wird. Das ältere Ehepaar lebt inzwischen in einer Wohnung in Palma, die Familie schaut alle paar Wochen nach dem Haus. „Einen Einbruchversuch haben wir vor ein paar Wochen schon festgestellt", berichtet der Mann. Nachbarn der Siedlung etwas außerhalb von Bunyola hätten bereits mehrfach einen Verdächtigen beobachtet, der offenbar auf der Suche nach großteils leer stehenden Häusern ist.

Folgen des Immobilienbooms
Es handelt sich um ein spanienweites Phänomen, das auch schon in das Blickfeld ausländischer Medien wie „Die Welt" gerückt ist. Insbesondere rund um Barcelona und entlang der Costa Brava werden in jüngster Zeit immer mehr Wohnungen und Häuser illegal in Besitz genommen. Viele der Hausbesetzer sehen angesichts ihrer geringen oder gar nicht vorhandenen Einkünfte keine andere Möglichkeit, ein Dach über dem Kopf zu finden. Gleichzeitig stehen infolge der geplatzten Immobilienblase immer noch Hunderttausende Wohnungen leer. Teilweise wird die Not der Menschen von kriminellen Netzwerken ausgenutzt, die Wohnungstüren aufbrechen, das Schloss austauschen und die Immobilie oder auch nur Zimmer darin zu Wucherpreisen illegal vermieten. Solche Fälle sind auch aus den Einwanderervierteln in Palma bekannt.

Die Schläger stehen bereit
Um die illegalen Besetzer wieder loszuwerden, gibt es außer dem richterlichen Räumungsbeschluss noch zwei weitere Optionen. In einigen Fällen zahlen die Besitzer ein saftiges Lösegeld und bewegen so die Besetzer, die Wohnung zu verlassen. Wer das nicht möchte, der kann inzwischen auf Unternehmen wie „Desokupa" zurückgreifen. Die Geschäftsidee ist einfach, die Firma tritt in Verhandlungen mit Hausbesetzern, und wenn diese scheitern, schickt sie mehrere kräftige Männer vorbei, die die Besetzer „einladen", das Haus zu verlassen.

Damit bewegen sich „Desokupa" und Kollegen ebenfalls im rechtlichen Grenzbereich, was sie auch wissen. Auf der Website von Desokupa fehlen deshalb Angaben zur genauen Adresse und dem exakten Vorgehen. Auch diese Räumtrupps dürften allerdings nicht ganz billig sein. Einen Preis für seine Dienstleistung nennt der Chef von Desokupa, Daniel Esteve, in einem Gespräch mit „Die Welt" nicht.

Für Tomeu Riera ist das indes noch keine Option. „Ich werde abwarten, bis der richterliche Beschluss da ist, auch wenn es Monate dauern kann. So lange komme ich zum Glück bei meiner Mutter unter." In der Zwischenzeit hofft er nur, dass die illegalen Besetzer – offenbar vier Erwachsene mit mehreren kleinen Kindern – sein gerade mal 70 Quadratmeter großes Eigenheim nicht zugrunde richten.

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