Das Verbrechen hinter dem Balkonsturz

Im Sommer 2011 stürzte eine 20-Jährige aus dem sechsten Stock eines Hotels in Palma in den Tod. Ein Unfall? Wohl nicht. Zwei Männer bedrängten sie

03.01.2017 | 08:00
Die Italienerin Martina Rossi kurz vor ihrem Tod. Den beiden Landsleuten, die sie bedrängten, soll demnächst in Genua der Prozess gemacht werden.

Nach und nach kommt Licht ins Dunkel um den Tod von Martina Rossi. Die 20-jährige Studentin aus Genua war am frühen Morgen des 3. August 2011 vom sechsten Stock eines Hotels in Cala Major gestürzt und noch an Ort und Stelle gestorben. Ein weiterer Fall von balconing, von Balkonstürzen leichtsinniger oder gar angetrunkener junger Urlauber, hieß es damals in den Medien. Doch das greift, wie praktisch in allen diesen Fällen, zu kurz.

Inzwischen wird davon ausgegangen, dass zwei Männer, ebenfalls Italiener, die Studentin in den Tod trieben. Auf deren Zimmer hatte sich Martina Rossi in den Minuten vor ihrem Tod aufgehalten. Es gilt mittlerweile als erwiesen, dass die beiden versuchten, die junge Frau zu sexuellen Handlungen zu zwingen. Martina Rossi flüchtete wohl nach draußen und versuchte, auf einen benachbarten Balkon zu klettern. Dabei stürzte sie offenbar in die Tiefe.

In Italien hat in den vergangenen Tagen ein 40-sekündiges Video für Aufsehen gesorgt, das die beiden Tatverdächtigen sechs Monate nach dem Tod von Martina Rossi in einem Warteraum einer Polizeidienststelle zeigt. Die Fernsehsendung „Chi l´ha visto?" (Wer hat ihn/sie gesehen?) strahlte es am vergangenen Mittwochabend (7.12.) aus. In dem kurzen Mitschnitt sind die beiden jungen Männer zu sehen und zu hören, wie sie sich im Flüsterton unterhalten. Einer der Männer wiederholt mehrfach erleichtert, dass der Obduktionsbericht keine Anzeichen sexueller Gewalt am Körper von Martina Rossi erwähnt, und dass dieser Umstand positiv für sie sei.

Schon kurz nach der Tat diente dieses Video den italienischen Ermittlern dazu, den Verdacht der Eltern von Martina Rossi zu untermauern, dass der Tod ihrer Tochter kein Unfall oder Selbstmord war. Eine sexuell motivierte Straftat stand zuvor gar nicht im Raum, weshalb der Fall auf Mallorca schnell zu den Akten gelegt worden war. Die Ermittler in Palma sahen keinerlei Hinweise auf eine Straftat, obwohl auf dem Balkon die Hose und die Turnschuhe der jungen Frau gefunden worden waren.

Die Eltern der jungen Frau hatten nie an die Version der Ermittler auf Mallorca geglaubt und waren selbst auf die Insel gereist, um Nachforschungen anzustellen. Sie brachten bereits im Jahr 2012 den italienischen Staatsanwalt dazu, den Fall neu aufzurollen und im Sommer 2014 eine erneute Autopsie von Martinas Körper zu veranlassen.

Ein Selbstmord galt für die Familie als völlig ausgeschlossen. Martina sei ein fröhliches Mädchen gewesen, das sich sehr auf ihren Urlaub auf Mallorca gefreut hatte. Auch an einen Unfall infolge von Alkoholgenuss glaubten ihre Eltern nicht. Die Studentin soll nie Alkohol getrunken haben. Die Obduktion bestätigte, dass die junge Frau weder Alkohol noch Drogen zu sich genommen hatte.

Die beiden Männer hatten sich im Lauf der Ermittlungen in Widersprüche verwickelt. Gegenüber der Nationalpolizei in Palma hatten sie ausgesagt, in jener Nacht nicht mit Martina Rossi zusammen gewesen zu sein. Bei Befragungen in Italien gaben sie später zu, dass die junge Frau doch bei ihnen im Zimmer war. Sie habe angefangen sich auszuziehen und dann plötzlich einen der beiden Männer angegriffen. Dann sei sie auf den Balkon hinausgerannt. Große Skrupel hatten die beiden offenbar auch nach dem Tod von Martina nicht. Auf Facebook verbreiteten sie weiter gut gelaunte Meldungen über ihren Urlaub auf der Insel.

Jetzt liegt der Antrag auf die Eröffnung der Hauptverhandlung gegen die beiden Männer bei der italienischen Staatsanwaltschaft. Mit einem baldigen Prozessbeginn in Genua ist zu rechnen. Martinas Vater Bruno Rossi übt indes Kritik an den mallorquinischen Behörden. Die Zeitung „Südtirol News" zitiert Rossi mit den folgenden Worten: „Ich hoffe, Martina bekommt endlich Gerechtigkeit. Aber ich hoffe auch, dass jemand nachsieht, was an Orten wie Palma passiert. Haltet eure Kinder von diesen Orten fern. Haltet sie fest."

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