Alltagstest für die Protestpartei Podemos

Nach dem Senkrechtstart droht der Partei in Richtungsstreitigkeiten und Klüngel zu versinken. In Palma rang man jetzt um Programm und Disziplin

05.02.2017 | 17:58
Besuch aus Madrid: Podemos-Star Pablo Echenique, Balearen-Generalsekretär Alberto Jarabo (li.).

Die Frau ist überhaupt nicht mehr zu beruhigen. Sie steht in einer der hinteren Stuhlreihen im Auditorium der Blinden-Vereinigung ONCE in Palma und beschimpft Alberto Jarabo, den Generalsekretär der linken Protestpartei Podemos auf den Balearen. Es geht um einen persönlichen Fall, um die Entziehung des Sorgerechts für ihre Enkel durch den Inselrat, in dem auch Podemos mitregiert, und um den Vorwurf, dass die Partei sie im Stich gelassen habe.

Sobald Jarabo auf der Bühne etwas antworten will, fährt ihm die Frau wieder über den Mund, bis der Generalsekretär schließlich aufgibt. „Nächste Frage", meint er nur. Er macht keine gute Figur – genauso wenig wie derzeit die gesamte Partei auf den Balearen, die mit dem Parteiausschluss von Xelo Huertas, der Ex-Präsidentin des Balearen-Parlaments, und deren Ablehnung eines Rücktritts eine institutionelle Krise ausgelöst hat.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung an diesem Samstag (21.1.) steht eigentlich Pablo Echenique, aus Madrid angereister Sekretär für die Organisationsstruktur in Podemos und spanienweit Nummer drei hinter Frontmann Pablo Iglesias und Vize Íñigo Errejón. Er reist seit Wochen durch Spanien, um Vorschläge der Basis zu hören und diese für den Parteitag Vistalegre II am 11. und 12. Fe­bruar zu sammeln und zu bündeln. Auf dem Parteitag will die erst drei Jahre alte Formation ihren seit Monaten andauernden Richtungsstreit beilegen. Es geht vor allem um die Frage, ob die aus der Protestbewegung 15-M hervorgegangene Partei, die seit gut einem Jahr im spanischen Parlament vertreten ist, weiter auf die Agitation der Straße und Radikalopposition setzt (Iglesias) oder es mit klassischer und konstruktiver Oppositions­arbeit versuchen soll (Errejón).

Schulterschluss mit Jarabo

Dass beim Vorschlägesammeln in Palma nicht allzu viel herauskommt, hat mehrere Gründe. Da wäre der Gewitterregen, wegen dem nur knapp hundert ­Mitglieder aus den Podemos-Zirkeln der Parteibasis gekommen sind. Da wäre die Tatsache, dass Echenique schon nach einer knappen Stunde wieder aufbrechen muss – die für ihn gebuchte Fähre fällt aus. Vor allem aber wären da die derzeitigen Probleme der Insel-Partei, die Echeniques Auftritt überschatten.

Nachdem er sich mit seinem Rollstuhl im Foyer vor den Kameras und Mikrofonen in Position gebracht hat – Echenique hat spinale Muskelatrophie –, ist er vor allem damit beschäftigt, den Medienvertretern zu versichern, dass Generalsekretär Jarabo das volle Vertrauen der Parteiführung genieße. Wenn es derzeit rumore, zeige das nur, dass Podemos im Gegensatz zu den traditionellen Parteien Transparenz ernst nehme und beim geringsten Verdacht auf Verstöße gegen die politische Ethik auch handle. „Wir sind anders als die anderen, wir sind enorm selbstkritisch", so der studierte Politologe. Hinzu komme, dass die Medien Podemos weiterhin mit Argusaugen beobachteten.

Die derzeitigen Querelen beschränken sich freilich nicht auf die Ende vergangenen Jahres getroffene Entscheidung, Huertas aus der Partei zu schmeißen. Aufnahmen interner Gespräche, die weiterhin ihren Weg in die Presse finden, führen zu Schlagzeilen über angebliche Fälle von Mobbing oder frauenfeindliche Sprüche. Eine Kandidatin sei bei einem Bewerbungsgespräch für einen Posten im Inselrat gefragt worden, ob sie gedenke, schwanger zu werden, berichtet etwa „El Mundo". Dann wäre da Huertas, die gegen die Parteiführung mit dem Vorwurf stichelt, dass man sie im Grunde als unliebsamen Kritiker loswerden wolle. Ermittlungen gegen eine Podemos-Abgeordnete wegen der Fälschung einer Unterschrift machen die Sache nicht leichter.

Womit die Unterstützung aus Madrid gerade zur rechten Zeit kommt. Der abgekämpfte Eindruck von Jarabo steht im Gegensatz zum Elan von Echenique. Als sie nebeneinander auf der Bühne sitzen, wirkt der balearische Podemos-Frontmann nervös und wippt beständig mit dem Fuß seines übergeschlagenen Beins, während sein Parteikollege im Rollstuhl souverän die Fragen abarbeitet, die die Parteimitglieder zuvor auf lilafarbenen Karten eingereicht haben. Nach bereits rund 20.000 Kilometern Reise auf seiner Tour durch die Regionen Spaniens merkt man ihm die Routine an.

Die Kampagne passt genauso gut zum Zustand der gesamtspanischen Partei wie auch zu dem der Balearen: #atarseloscordones lautet das Motto, auf Deutsch: sich die Schnürsenkel binden. Gemeint ist, sich nach dem Sprint in der Gründungsphase von Podemos auf einen Langstreckenlauf einzustellen, mit Regionalwahlen im Jahr 2019 und gesamtspanischen Wahlen spätestens im Jahr 2020 am Horizont. „Alleine läuft man schneller, gemeinsam gelangt man weiter", räsoniert Echenique, der auch zum Parteilogo passende lilafarbene Schnürsenkel trägt.

Podemos als Allheilmittel

Es ist eben ein bunter Haufen, der da in Podemos zusammengefunden hat. Die Mitglieder, die mit ihren Fragen an diesem Samstag an die Reihe kommen, gefallen sich zum Teil in der Selbstdarstellung, verbeißen sich in Verfahrensfragen oder wollen vor allem ihrem Ärger Luft machen. „Viele sehen in Podemos so etwas wie ein Allheilmittel für alle Pro­bleme", meint nach der Veranstaltung ein älterer Herr, der extra von Menorca gekommen ist, um Echenique zu hören. Die jetzigen Probleme sorgten zwar für Missstimmung an der Basis, doch seien sie weniger politischer als organisatorischer Natur. Er jedenfalls gehöre nicht zu denen, die sich so leicht entmutigen ließen.

Während Echenique schon auf dem Weg zur Fähre ist, steht Jarabo im Foyer des Auditoriums weiter Rede und Antwort. Er räumt im Gespräch mit der MZ ein, dass das Image derzeit leide und die Nerven blank lägen, widerspricht aber dem Eindruck interner Grabenkämpfe in der Partei. Es handle sich vielmehr um eine kleine, genau definierte Gruppe, die derzeit Probleme bereite. Es stimme schon, der Partei fehle es noch an Reife, so Jarabo, „aber wir sind eben noch ein politisches Baby".

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