Flüchtlingsdrama: "Spanien stellt sich stur und mauert"

„Wir wollen Flüchtlinge aufnehmen", riefen 6.000 Menschen bei einer Demonstration in Palma. Ein Gespräch mit dem Organisator

04.03.2017 | 10:18
Flüchtlingsdrama: "Spanien stellt sich stur und mauert"

Viele Spanier haben genug von der passiven Haltung ihrer Regierung in der Flüchtlingsfrage. In Barcelona haben am Samstag (18.2.) etwa 160.000 Menschen dafür demonstriert, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Laut den Veranstaltern waren es gar 300.000. Mit dabei war auch Bürgermeisterin Ada Colau (Podemos). In der Innenstadt von Palma gingen beinahe zeitgleich an die 6.000 Demonstranten auf die Straße, die die spanische Politik lautstark kritisierten. Das Land hatte sich verpflichtet, bis Herbst 2017 rund 17.000 Flüchtlinge im Rahmen des europäischen Umverteilungsprogramms aufzunehmen. Bisher sind gerade einmal knapp über 1.000 eingetroffen. Und: 70 Prozent der Asylanträge werden abgelehnt. Die MZ sprach drei Tage nach der Kundgebung mit Organisator Antoni Seguí (29), einem Freiwilligen des Moviment Escolta i Guiatge Mallorca, das sonst Freizeitcamps für Kinder und Jugendliche auf die Beine stellt.

Wie kam es zu dieser Demons­tration für mehr Flüchtlinge?
Wir haben festgestellt, dass es auf Mallorca viele Menschen gibt, die es wütend macht, dass bisher gerade mal um die 100 Flüchtlinge angekommen sind. Die Leute sind der Meinung, dass wir viel mehr aufnehmen könnten. Zwar gab es in der Vergangenheit immer wieder mal punktuelle Aktionen, wie etwa das Entzünden von Signalfeuern in den Wachtürmen rund um die Insel vor einigen Wochen, aber diese Dinge geraten nach ein paar Tagen wieder in Vergessenheit. Wir haben die Demonstration in Barcelona zur gleichen Zeit zum Anlass genommen, um auch in Palma etwas Größeres auf die Beine zu stellen.

Aber wieso demonstriert man für die Aufnahme von mehr Flüchtlingen?
Hier auf Mallorca haben wir schon immer Menschen aus aller Welt aufgenommen. Die Insel hat vielen Nationalitäten eine Heimat gegeben, und eine große Mehrheit der Mallorquiner sieht das positiv. Deutschland muss man aus meiner Sicht wirklich applaudieren. Das Land hat sehr viele Flüchtlinge aufgenommen und seine Zusagen gehalten. Auch der Libanon hat deutlich über seinen Möglichkeiten Menschen aufgenommen. Natürlich ist es manchmal verständlich, dass die Leute wütend werden, aber viele verwechseln da etwas: Die Immigration ist nicht schuld daran, dass sie keine Arbeit haben oder ein niedriges Gehalt. Das ist ein anderes Thema, das natürlich auch dringend angegangen werden müsste. Aber unabhängig von den Flüchtlingen.

Einwanderung könnte bestehende Probleme in Spanien aber verstärken.
Die Leute fliehen ja aus Syrien nicht, weil sie kein Geld haben. Sie wollen ihr Leben retten. Und Europa schließt seine Grenzen. Wir machen immer wieder dieselben Fehler. Woher die Flüchtlinge auch kommen, immer wieder stellt sich gerade auch Spanien stur und mauert.

Die Politiker der Balearen scheinen den Flüchtlingen aufgeschlossener gegenüberzustehen als die Zentralregierung.
Die autonomen Regionen sind bestens darauf vorbereitet, viel mehr Menschen unterzubringen. Das hat man uns hier auf den Inseln immer wieder bestätigt. Der Zentralregierung in Madrid fehlt einfach der politische Wille, von dort ist nicht viel zu erwarten. Die Inselregierung könnte aber durchaus in Ma­drid mehr Druck machen.

Man hört kaum noch etwas von den Auffanglagern. Sie waren im vergangenen Herbst in einem dieser Lager in Griechenland. Wie sieht es dort aus?
Es war ein beklemmendes Erlebnis. Die Menschen sind dort in Vasilika in einer ehemaligen Geflügelfarm in mehreren
Hangars untergebracht. Darin gab es riesige Zelte. Als es einmal stark regnete, wurde eines der Zelte überflutet. Die Menschen standen bis zu den Knien in Exkrementen, die es aus den mobilen WCs gespült hatte. Ihre Kleidung konnten sie wegwerfen. Viele sagten, sie kehren lieber nach Syrien zurück, um wenigstens daheim zu sterben. Nicht wenige sind umgekehrt.

Wie wird denen, die dableiben, Hoffnung gemacht?
Die Menschen warten vor allem auf Antworten. Manche schon über ein Jahr. Sie warten darauf, dass sie irgendwo hinkommen und ein neues Leben aufbauen können. Man darf nicht vergessen, dass viele vom Krieg traumatisiert sind. Während ich im Lager zu Gast war, brach auf einem benachbarten Hügel ein kleiner Waldbrand aus. Als sich die Löschflugzeuge näherten, verstummten die Menschen plötzlich. Sie schauten voller Angst nach oben und erinnerten sich an die Bomber in ihrer Heimat.

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