Erdbeeren aus Andalusien: Nur bedingt zum Reinbeißen

Ein Drittel der Früchte, die in Europa angebaut werden, wachsen in der spanischen Region. Die Plantagen saugen dem Schutzgebiet Doñana das Wasser ab. Auf Druck der EU denken die Bauern jetzt um

14.03.2017 | 11:39
Größer als die auf Mallorca: Erdbeeren aus Andalusien.

120.000 Pflänzchen wachsen bei Cristóbal Picón auf dem Acker. Ordentlich in Reih und Glied stehen sie da, auf Hochbeeten, die der Bauer mit schwarzer Plastik­folie abgedeckt hat. Darunter sind Wasserleitungen vergraben, die den sandigen Boden konstant feucht halten. Von oben schützt Picón seine Erdbeeren mit langen Plastiktunneln vor Wind und Regen. Der 43-jährige Andalusier verpäppelt seine Beeren, denn sie sind die Lebensgrundlage seiner Familie, seit drei Generationen.

Picón ist einer von 2.000 Erdbeerbauern in der andalusischen Provinz Huelva. Sie bauen ein Drittel aller europäischer Erdbeeren an, 300.000 Tonnen pro Saison. In den Supermarktregalen, aber auch in Palmas Markthallen oder auf den Bauernmärkten der Dörfer sind die großen, roten Früchte jetzt die ersten Frühlingsboten. Mallorca-Beeren sind kleiner und meist später dran. Denn nirgendwo in Spanien scheint die Sonne mehr als in der Provinz Huelva, im äußersten Südwesten Spaniens.

Dort liegen die Plantagen direkt neben der geschützten Naturlandschaft Doñana, einem riesigen Feuchtgebiet im Mündungsdelta des Guadalquivir, an der südspanischen Atlantikküste. Doñana ist neben dem Donaudelta und der Camargue Europas wichtigstes Brut- und Rastgebiet für Vögel. Hunderttausende kommen jedes Jahr. Außerdem leben hier, zwischen Wanderdünen, Überschwemmungsgebieten, Strauchlandschaft und Pinienwäldern, Pardelluchse und Spanische Kaiseradler, zwei endemische, extrem bedrohte Tierarten.

Doñanas Lebensgrundlage ist das Wasser. Doch das brauchen auch die Erdbeeren, die hier auf immer größeren Flächen wachsen. Jahrzehntelang wurden unkontrolliert Brunnen gebohrt und Wälder gerodet. Immer mehr Plastik überzog das Land. Die Verwaltung blickte weg, denn Andalusiens Erdbeerbauern sind stark: Sie bieten 60.000 Arbeitsplätze in einer Provinz, wo mehr als 30 Prozent Arbeitslosigkeit herrscht.

Jetzt muss der Konflikt gelöst werden. Die EU-Kommission hat Spanien verwarnt, das Ultimatum läuft: Entweder schützt das Land Doñana besser oder es muss vor den Europäischen Gerichtshof. Das Gebiet sei für ganz Europa von außerordentlicher ökologischer Bedeutung, heißt es. Die Bauern müssen Frieden schließen mit ihrem Nachbarn.

Fährt man mit dem Auto übers Land, zwischen Dörfern wie Lucena del Puerto, Almonte oder Moguer, dann sieht man den Wildwuchs: Weiße Plastikplanen hier und dort, dazwischen Kiefernwäldchen und sandiges Niemandsland. Der intensive Anbau von Erdbeeren, und neuerdings auch von Himbeeren und Heidelbeeren, ist lukrativ: Rund drei Euro bringt ein Kilo Erdbeeren derzeit. Ein Tomatenbauer bekommt weniger als einen Euro. Dort, wo die Früchtchen wachsen, bedrohen sie ein ganzes ­Ökosystem. Denn der Grundwasserspiegel im Umland von Doñana sinkt. Wird der Prozess nicht gestoppt, dringt salzhaltiges Wasser vom Atlantik ein. Das hätte fatale Folgen für Mensch und Tier.

So weit soll es nicht kommen. Die Region ist in Aufruhr. 2014 wurde ein Raumordnungsplan erstellt, der seitdem unter großen Spannungen umgesetzt wird. „Wir sollten schneller vorankommen", sagt Andalusiens Umweltreferent José Fiscal, „aber die Verhandlungen mit den Bauern sind zäh". Die wollen, dass alles im Nachhinein legalisiert wird, denn es gab ja keine verbindliche Rechtslage. Doch damit geben sich weder der WWF noch die EU-Kommission zufrieden. Ein Drittel der Anbaufläche muss stillgelegt und Hunderte Brunnen müssen geschlossen werden.

Umweltschützer werfen den Bauern seit Jahren Wasserraub und Landbesetzung vor. Sie haben immer wieder harte Kampagnen entworfen. Druck machen auch Großabnehmer wie Lidl oder Aldi, die ihren Kunden keine „illegalen Erdbeeren", wie das der WWF ausdrückt, anbieten wollen. Auch Multis wie Danone, Coca-Cola oder Unilever drängen die Bauern zu Nachhaltigkeit. Sie alle sind in dem internationalen Verband „Sustainable Agriculture Initiative Platform" (Sai) organisiert und haben die Agrarkooperativen in Huelva zur Umstellung auf Feuchtigkeitssensoren in der Erde, zu Tröpfchenbewässerung und integriertem Landbau gedrängt. Wer nicht nachhaltig anbaut, bleibt auf seinen Beeren sitzen.

Cristóbal Picón und seine Bewässerungsgemeinschaft haben das erkannt. Sie haben ihre Brunnen geschlossen. Das Wasser kommt jetzt von einem Nebenfluss des Guadalquivir, auch Regenwasser soll demnächst genutzt werden. „Wir wollen nicht plötzlich ohne Wasser dastehen", sagt Picón zwischen seinen Erdbeerpflanzen.

Die Umweltschützer sieht er mittlerweile als Verbündete. „Wenn sie nicht gewesen wären, herrschte hier immer noch Chaos", sagt er. Der Mentalitätswandel ist spürbar. Früher hätten sich viele Bauern gewünscht, Doñana würde verschwinden, erzählt Picón. Manche Bauern seien geradezu zornig geworden. Über Nacht hätten sie Bäume gefällt und Gewächshäuser aufgestellt.

„Heute wissen wir: Doñana ist unsere Chance," sagt er. Die Landwirte arbeiten jetzt an einer Herkunftsbezeichnung „Erdbeeren aus Doñana". Sie wollen das positive Image des Nationalparks und Unesco-Weltnaturerbes für sich nutzen und sich damit gegen Konkurrenten aus Marokko oder Ägypten durchsetzen. Und sie setzen auf Transparenz, auch um den Ruf der Wasserdiebe und Landräuber loszuwerden. Sie lassen Besucher auf ihre Plantagen. Im vom Plastik gefilterten Sonnenlicht schimmern die Früchte hellgrün oder hellrot. Man möchte sie pflücken und sich in den Mund stecken. Kaum zu glauben, welch große Konflikte sie auslösen.

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