Das Casino, das kein Glück mit der Stadt hatte

Im Palma steht seit über zwei Jahren eine Spielbank betriebsbereit, die nicht öffnen darf. Dabei hat sie doch eine Lizenz

04.04.2017 | 16:21
Das Casino, das kein Glück mit der Stadt hatte

Die Nerven liegen blank bei Rafael López López. Der 81-jährige einstige Bingo-König von Madrid steht im großen Saal des Gran Casino Teatro Balear und ist den Tränen nahe. Er trägt einfache Turnschuhe und eine Jeans und würde in jeder drittklassigen Vorort-Bar fast übersehen. Er kann hier zusehen, wie sein Vermögen von Tag zu Tag schmilzt. „15 Millionen Euro habe ich hier investiert, und die Unterhaltskosten muss ich weiter tragen." Ohne dass auch nur eine Roulettekugel rollt. Und das schon seit über zweieinhalb Jahren.

Don Rafael, wie der frühere Besitzer Dutzender Bingo-Hallen in Madrid in der Glücksspielszene respektvoll genannt wird, gewann zusammen mit seinem Geschäftspartner Eusebio Cano im November 2013 für viele überraschend eine Ausschreibung der Landesregierung, um auf der Insel ein zweites Casino neben dem in Porto Pí zu betreiben. Ein deutscher Mitbewerber, die Merkur-Gruppe, war schon ausgeschieden, als Favorit galt ein Casino-Projekt für die Playa de Palma mit angeschlossenem Hotel.

Das große Los aber zogen die Glücksspiel-Experten vom Festland: Ihr Projekt sah den Umbau des Bingo Teatro Balear an der Plaça Comtat de Rosselló nahe dem Mercat de l´Olivar in Palma vor. Ein aufwendiges Unterfangen, wie Don Rafael und sein agiler Spielleiter Javier Fernández vor Ort am Ergebnis beweisen können: „Allein 120 Tonnen Holz haben wir hier weggeschafft." Das einstige Varieté-Theater, in dem sogar Elefanten-Shows veranstaltet worden waren, und das erst 1987 zur Bingo-Halle wurde, ist heute ein mit allen Schikanen ausgestatteter Spielertempel von insgesamt 760 Quadratmetern.

Im Erdgeschoss stehen 85 ungenutzte Spielautomaten. „Jeder einzelne ist 5.000 bis 6.000 Euro wert", sagt Javier Fernández. Auch die daneben stehenden Roulette- und Blackjack-Tische gingen mit 4.500 bis 5.000 Euro pro Stück ins Geld. Hinzu kommen acht Poker­tische, an denen verschiedene Varianten gespielt werden könnten, darunter sogenanntes Karibik-Poker. Unweit davon tut in einem separaten Raum eine Bürokraft Dienst, die sich um den Verwaltungsraum kümmert. Alles blitzt und leuchtet, alles nagelneu: die Kacheln im Klo, der Tresor hinter der Kasse, die Pop-Art an der Wand.

Die erste schlechte Nachricht kam bereits im Januar 2014, zwei Monate nach Gewinn der Ausschreibung, deren Ausgang die Mitbewerber flugs angefochten hatten. Die Stadt Palma verweigerte die Genehmigung für den Umbau. Das Rathaus gab dafür eine ganze Reihe von Gründen an: eine für das historische Zentrum unzulässige Quadratmeterzahl, eine fehlende Tiefgarage im gleichen Gebäude, ein Glücksspielbetrieb in unmittelbarer Nachbarschaft von Wohnungen. Eindeutig und unbestreitbar ist das alles nicht. Vor allem aber: Die Stadt hatte im Rahmen der Ausschreibung im Juli 2013 den Standort an der Plaça Comtat de Rosselló für geeignet befunden. Die entsprechende Stellungnahme hatte sogar der stellvertretende Bürgermeister Álvaro Gijón unterschrieben. Damals regierte noch die konservative Volkspartei (PP), und Gijón war in Personalunion Verantwortlicher für die Sanierung der Playa de Palma und Tourismusstadtrat. Als solcher hatte er sich im Vorfeld deutlich für das Projekt an der Playa und gegen die Bingo-Halle ausgesprochen.

Die Stadt blieb hart, versiegelte sogar das Gebäude. Don Rafael mochte das nicht glauben, legte Einspruch ein, unterlag zunächst vor Gericht, ließ weiter bauen. Dann erwirkte er eine sechsmonatige Frist, um alle städtischen Genehmigungen vorzulegen, aber auch diese verstrich ergebnislos. Schließlich erlosch im Juli 2015 auch die ursprünglich von der Landesregierung erteilte Lizenz.

Das schien das endgültige Aus für das Casino Teatro Balear, doch der Rechtsstreit ging und geht weiter. Im Januar 2016 konnten Rafael
López und seine Kollegen den ersten großen Erfolg verbuchen: Der Oberste Gerichtshof der Balea­ren bestätigte die Rechtmäßigkeit der ursprünglichen Lizenzvergabe.

Schon zuvor hatten Don Rafael und seine Partner, zu denen auch José Antonio Fernández gehört, der ehemalige Geschäftsführer des Bingo Balear und jetzige Geschäftsführer des Bingo Rosales, mit der Personalsuche begonnen. Für das neue Casino gründeten sie im Zentrum von Palma eigens eine Croupier-Schule, in der mehr als zwei Jahre lang 180 junge Menschen ausgebildet wurden – nicht nur zu Croupiers, sondern auch zu Köchen, Sicherheitsleuten, Barkeepern und anderen Mitarbeitern. „Wir haben sie alle mit unbefristeten Arbeitsverträgen ausgestattet", sagt Rafael López. Den 65 Mitarbeitern der alten Bingo-Halle war zuvor gekündigt worden.

Auch unter dem im Mai 2015 ans Ruder gekommenen Linksbündnis aus Sozialisten, Més und Podemos hat sich an der Ablehnung der Stadt nichts geändert: „Unsere Beamten sagen, dass es ein solches Etablissement im historischen Zentrum nicht geben darf", bekräftigt Toni Gomila, Sprecher der Behörde für Stadtentwicklung. Das anfänglich positive Gutachten sei einzig und allein von den konservativen Amtsvorgängern zu verantworten. Auch sonst will sich Gomila nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Sollten die Gerichte anders über diese Vorgänge urteilen, dann sei das eben so: „Die Legalität ist die Legalität."

Mittlerweile hat sich in den Fall auch die Antikorruptions-Staatsanwaltschaft eingeschaltet und die entsprechenden Akten der Stadtentwicklungsbehörde eingefordert. Über allem schwebt der Verdacht, dass der damalige Lizenzentzug seitens der Stadt mit der Einflussnahme mächtiger Bosse der Playa de Palma oder sonstiger Potentaten zusammenhängen könnte. Der Sprecher Toni Gomila streitet das ab: „Hier geht es nicht um die Korruption der Ortspolizei."

Der Rechtsstreit dürfte noch eine ganze Weile weitergehen, Don Rafael hofft nun auf ein neuerliches Urteil des Obersten Gerichtshofs der Balearen. „Angesichts der vielen Urteile, die uns schon Recht gegeben haben, vertraue ich so sehr auf die Justiz, dass ich das Casino darauf verwetten würde, dass wir diese ­Auseinandersetzung gewinnen", sagt José Antonio Fernández. Wie auch immer der Streit ausgeht: Die Stadt müsse sich auf die Forderung von Entschädigungszahlungen im oberen zweistelligen Millionenbereich einstellen.

Der zur Schau getragene Optimismus ist das eine. Doch zugleich ist die Nervosität mit den Fingerspitzen zu spüren. Das zeigt sich bei einem weiteren Treffen mit den MZ-Reportern in einem Büroraum des Bingo Rosales: Don Rafael und sein Geschäftsführer José Antonio Fernández geraten sich dort wegen Detailfragen in die Haare, der vorher gepflegt verlaufene Tonfall weicht Wutausbrüchen. Mitunter gleicht das Ganze einer Szene aus einem Film von Martin Scorsese.

Zurück im Gran Casino Teatro Balear führt Spielleiter Javier Fernández die MZ-Reporter konzentriert durch die Räumlichkeiten: „Damit nichts kaputtgeht, müssen wir jeden Tag zeitweise die Klimaanlage anwerfen und das Licht anschalten", sagt er. „Außerdem müssen Putzkräfte hier in regelmäßigen Abständen sauber machen, damit sich der Staub nicht allzu sehr anhäuft."

Im Restaurantbereich im Erdgeschoss stehen 25 Tische mit viel mehr rosafarbenen Stühlen. Besonders fällt ein großformatiges Gemälde von Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards auf. „Hier soll ein erstklassiges Restaurant entstehen", frohlockt Fernández. „Unsere Gäste müssen sich zwischendurch auch mal entspannen."

Angelangt im ersten Stock betritt Javier Fernández ein hinter einer Tür verstecktes Separee, das besonders wohlhabenden Spielern vorbehalten sein soll. „Wenn wir das Casino endlich aufmachen dürfen, werden wir dort die hübschesten Croupier-Frauen einsetzen", verspricht der Spielleiter. Daneben befindet sich ein Ruheraum fürs Personal mit roten Kuschelsofas. „Der Croupier-Beruf ist anstrengend, die Mitarbeiter können sich nicht stundenlang voll konzentrieren und müssen deswegen Pausen machen."

Ein paar Schritte weiter befinden sich die großflächigen Umkleidekabinen für Frauen und Männer. Zwischen den Spinds hängen rote und gelbe Uniformen. „Die sind nach über zwei Jahren leider aus der Mode gekommen", sagt Javier Fernández.

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