Müll-Chaos in Mallorcas Dörfern

Ein neues Recycling-System sorgt in Santa María, Mancor, Alaró, Campanet und Búger für Verwirrung und Unmut

21.05.2017 | 07:35
Die Rote Tüte sorgt in mehreren Gemeinden auf Mallorca für Wirbel

Dass Spanien nicht unbedingt Vorreiter beim Thema Mülltrennung ist, ist weithin bekannt. Während in Deutschland zig verschiedene Abfalltonnen in den Vorgärten ihre Stammplätze haben und die Besitzer sie seit gefühlten Ewigkeiten quasi mit traumwandlerischer Sicherheit befüllen, steckt das Thema Recycling auf Mallorca noch in den Kinderschuhen. „Ich finde das alles übertrieben. So viele verschiedene Säcke, und dann muss man auch noch auf den Tag achten, wann was abgeholt wird", schimpft eine ältere Mallorquinerin aus dem Dörfchen Búger beim Müllentsorgen.

Die Gemeinde im Inselinneren ist eine von fünf, in denen seit Ende April ein neues Abfall-System gilt: In Alaró, Campanet, Santa María, Mancor und eben Búger wird seit Ende April mit der Bolsa Roja getrennt. Auch wenn der Begriff aus den Mündern vieler Einwohner fast wie ein Schimpfwort klingt – Bolsa Roja bedeutet nicht mehr und nicht weniger als „Rote Tüte". Sie soll die Haushalte zur Mülltrennung zwingen, oder „motivieren", wie Búgers Bürgermeisterin Liniu Siquier es ausdrückt. Das Prinzip ist simpel: Restmüll darf ab sofort ausschließlich in der roten Tüte entsorgt werden, und die kostet – je nach Gemeinde – zwischen 75 Cent und einem Euro pro Stück. „Das entspricht natürlich nicht dem Wert der Tüte, wohl aber den Kosten, die die Gemeinde für die Restmüllentsorgung des Tüteninhalts aufbringen muss", so Siquier. Tatsächlich macht es für die Gemeindekassen auf Mallorca einen großen Unterschied, ob die Einwohner fleißig trennen oder eben nicht. Denn der Abfall wird zentral zur Müll-entsorgungsanlage Son Reus in Palma gebracht. Für sauber separierten Plastik-, Glas- und organischen Müll müssen die Gemeinden nichts bezahlen, für Restmüll kassiert die Betreiberfirma Tirme dagegen gut 130 Euro pro Tonne ab. „Das macht sehr viel aus", sagt Siquier. Vor allem bei Gemeinden wie Búger und Co., denn sie schneiden im inselweiten Vergleich bisher schlecht ab: Während beispielsweise Esporles, wo es die rote Tüte schon seit Jahren gibt, eine Recycling-Quote von 76 Prozent hat, haben die Haushalte in Búger bisher nur 37 Prozent ihrer Abfälle zur Wiederverwertung sortiert, die übrigen 63 Prozent wanderten in den teuren Restmüll.

Siquier ist gleichzeitig auch Vorsitzende der Mancomunitat Raiguer, dem Gemeindeverband, dem die neuen Bolsa-Roja-Orte angehören. Als in der Nacht auf Freitag (21.4.) hier zum ersten Mal die roten Tüten an den ­Haustüren abgeholt wurden, war das Chaos groß: Zahlreiche Haushalte ignorierten die neue Regelung und trennten entweder gar nicht oder stellten ihren Restmüll in herkömmlichen Müllsäcken vor die Tür. „Die Leute müssen sich natürlich erst einmal daran gewöhnen", so Siquier. Die Kritik, dass zuvor zu wenig informiert worden sei, weist sie entschieden zurück. „Im November 2016 wurde die Entscheidung gefällt, die rote Tüte einzuführen. Seitdem gab es zahlreiche öffentliche Infoveranstaltungen und zwei Wochen vor dem Start sind Angestellte der Gemeinden sogar von Tür zu Tür gelaufen und haben die Menschen informiert."

Alle der rund 26.000 Menschen, die in den fünf Raiguer-Gemeinden leben, scheinen sie damit nicht erreicht zu haben. „Ich wusste nichts von einer neuen Tüte, bis ich im Nachhinein in den Medien von dem Chaos gehört habe", sagt ein alter Herr, der in einem Café vor der Kirche von Búger sitzt." Seine Frau fügt hinzu: „Wir finden das aber auch keine gute Sache. Immer wieder lassen sie sich etwas Neues einfallen im Rathaus." Ein junger Kellner, der belustigt zuhört, ist nicht so kritisch: „Hier wird sich doch immer beschwert, wenn etwas neu ist – ganz egal, worum es sich handelt. In ein paar Wochen haben sich die Wogen bestimmt geglättet. Wie immer."

Die Rathäuser versuchen den Bürgern entgegenzukommen: Die allgemeine Müllgebühr wurde um fünf Prozent gesenkt. „Langfristig, wenn alle richtig trennen, wollen wir sie um 15 Prozent senken." 20 Tüten pro Jahr stehen jedem Haushalt gratis zur Verfügung – weniger als zwei pro Monat also. Mehr brauche man aber auch nicht, beteuert Siquier. Das habe man vorher mithilfe von Experten errechnet. „Kaum ein Abfall gilt als Restmüll. Nur Zigarettenstummel, kaputte Teller, Dreck, den man vom Boden aufkehrt – und das war es praktisch schon." Großfamilien können zusätzliche Gratistüten beantragen, alle anderen, die mehr brauchen, müssen eben zahlen – quasi als Strafe fürs Nichttrennen.

Richtig teuer wird es für diejenigen, die sich gar nicht an das neue System halten. Es gibt drei Monate Schonfrist, danach – ab Ende Juli also – müssen die Müllsünder mit Strafen von 30 bis 3000 Euro rechnen, je nach Schwere des Vergehens. „Uns ist klar, dass ein paar Leute ihren Müll dann vielleicht einfach irgendwo anonym auf die Straße stellen, aber wir hoffen, dass der Großteil der Menschen sein Bewusstsein ändert, schließlich geht es ja auch um den Umweltgedanken."

Der ältere Herr aus dem Café hat diesen jedenfalls noch nicht verinnerlicht. „Ich bin ohnehin mehrmals die Woche in Palma. Da kann ich den Müll ja einfach mitnehmen und dort in die Container werfen. Dann brauche ich keine rote Tüte und muss auch nicht darauf achten, welcher Wochentag gerade ist."

Bleibt nur die Frage, wie lange es noch Gemeinden auf Mallorca gibt, die auf die strikten Trenn
regeln verzichten. Denn die Europäische Kommission fordert ab dem Jahr 2030 eine Recyclingquote von mindestens 70 Prozent. Und die ist mit Containern sicherlich nicht zu erreichen.

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