Fall Cursach: Volkspartei stellt sich hinter beschuldigte Politiker

Álvaro Gijón, Abgeordneter im Balearen-Parlament und Ratsherr in Palma, wird durch eine Zeugin schwer belastet

22.06.2017 | 09:27
Eine bedrohte Zeugin im Fall Cursach sucht die Flucht in die Öffentlichkeit. Hier im Interview mit dem "Diario de Mallorca".

Dass bei den Ermittlungen im Skandal um den sogenannten König des Nachtlebens auf Mallorca, Bartolomé Cursach, schmuddelige Details ans Licht kommen würden, hatten viele erwartet – einige erhofft, andere befürchtet. Was aber nun eine Zeugin über hohe Politiker, ehemalige Polizeichefs und namhafte Unternehmer aussagte, stellt die Erwartungen in den Schatten und zeichnet ein widerwärtiges Bild von mehreren Herrschaften – darunter Abgeordnete und hochrangige Vertreter der Volkspartei (PP), ehemalige Chefs der Ortspolizei Palma und Hoteliers. Die Zeugin – nach eigenen Angaben die Betreiberin eines Bordells in Palma – nannte dabei genaue Namen, Orte, gezahlte Geldsummen und die sexuellen Vorlieben ihrer Kunden.

Da die Frau, nach eigenen Angaben, unmittelbar vor ihrem Aussagetermin vor Gericht von Schägern aufgesucht, bedroht, misshandelt und verletzt wurde, wählte sie nun die Flucht in die Öffentlichkeit und erzählte ihre Version auch der MZ-Schwesterzeitung „Diario de Mallorca". Die Zeitung filmte das in der Redaktion geführte Interview – die Zeugin blieb dabei vermummt, um auf der Straße nicht erkannt zu werden kann – und stellte das Video am Mittwoch (21.6.) ins Internet.

Besonders schwer treffen die Aussagen die bekannten PP-Politiker José María Rodríguez – ehemals Parteichef in Palma – und Álvaro Gijón, zur Zeit Abgeordneter im Balearen-Parlament und Ratsherr in Palma. Beide sollen demnach regelmäßig Orgien mit Sex und Drogen in dem diskret in einer Wohnung in Palma versteckten Bordell gefeiert haben. Besonders delikat: Die üppigen Rechnungen für die oft viele Stunden andauernden Gelage mit mehreren Prostituierten – Frauen und Männern – seien jeweils anschließend von Cursach persönlich bezahlt worden.

Sollte sich das beweisen lassen – die Zeugin will dem Gericht auch Fotos vorgelegt haben – wäre das ein Beleg für den Verdacht, Cursach habe durch Geld, Sex und Drogen Gefälligkeiten von Politikern und Polizisten erkauft.

In einem Fall, so erzählt die Frau, habe die Rechnung für eine tagelange Orgie 36.000 Euro betragen. Die Summe setze sich aus dem Stundenlohn der Prostituierten – 400 Euro – und dem Preis für die Getränke – vor allem Cava im Wert von 50 Euro pro Flasche. Der seit März in Untersuchungshaft sitzende Disco-König habe die hohen Summen stets ohne Zögern oder Verhandeln beglichen. Die konsumierten Drogen – angeblich Kokain in großen Mengen – hätten die Kunden selbst mitgebracht oder von der Zeugin kaufen lassen.

Sowohl Rodríguez als auch Gijón wiesen die Vorwürfe zurück. Auch die Parteiführung der PP verteidigte den aktiven Politiker Gijón. Die Fraktionssprecherin im Balearen-Parlament, Marga Prohens, wies am Mittwoch Forderungen zurück, Gijón zum Rücktritt zu bewegen. „Warum sollte Gijón politische Konsequenzen ziehen, wenn hier Aussage gegen Aussage steht?", fragte Prohens. Gijón habe nicht „gegen den sehr strengen Ehrenkodex der Partei" verstoßen.

Auch zur mutmaßlichen Bestechung der Ortspolizei Palma machte die Zeugin präzise Aussagen. Vor ihren Augen hätten hochrangige Polizeichefs, die sie mit Namen nennt, von einem bekannten Hotelier und Bordellbetreiber, den sie ebenfalls mit Namen nennt, Umschläge voller 500-Euro-Scheine erhalten. Dies habe sie bei einem gemeinsamen Abendessen beobachtet. „Woher wussten Sie, dass Geld in den Umschlägen war?", fragt der Richter bei der Vernehmung. „Weil er ihn öffnete, um mich zu bezahlen", erklärte die Zeugin, die an dem Abend als Dinner-Begleitung im Dienst war. „Wieviel hat man Ihnen bezahlt?", bohrte der Richter weiter. „1.500 Euro." /tg

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