Physio statt Pillen für die Zimmermädchen

Die Reinigungskräfte in den Hotels auf Mallorca verrichten Schwerstarbeit, die auf die Knochen geht. Nun fließen 900.000 Euro aus der Touristensteuer, um die bestmögliche Behandlung zu erkunden

06.11.2017 | 09:36
Wie hier auf einer Kundgebung Grund zu jubeln? Bis den rund 76.000 Zimmermädchen auf den Inseln wirklich geholfen wird, dauert es noch.

Sie haben protestiert, demonstriert und gestreikt, die Zimmermädchen, jene Helferlein, die im Hintergrund Knochenarbeit leisten, um den Hotelgästen auf Mallorca einen angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen. Schlechte Gehälter und Überstunden beklagten die meist weiblichen Hotelangestellten, die in den Apartments für Ordnung sorgen, und immer wieder eins: Schmerzen. Denn tägliches Bettenbeziehen und Möbelrücken im Akkord schlägt eher früher als später auf die Gesundheit. Vor allem Muskel- und Knochenprobleme, speziell in den Händen, im Rücken und im Lendenbereich, sind in diesem Berufsfeld weit verbreitet. Hinzu kommt psychischer Stress durch die hohe Arbeitsbelastung.

Klingt logisch – trotzdem sind die Symptome bis heute nicht offiziell als Berufskrankheit der camareras de piso anerkannt. Statt Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, verschreiben Ärzte bisher meist Schmerzmittel, die Krankenkassen übernehmen nur selten die Kosten für zielführende Therapien.

Doch das könnte sich bald ändern: Nachdem sich die Zimmermädchen Anfang Oktober schon über die Ergebnisse der erfolgreichen Tarifverhandlungen freuen konnten (es winken tatsächlich Gehaltserhöhungen von 17 Prozent), soll auch ihrer Gesundheit bald mehr Bedeutung zugemessen werden. Schritt für Schritt zumindest. Die körperlichen Beschwerden einfach als Berufskrankheiten zu deklarieren wäre zu einfach. Stattdessen startet ein groß angelegtes Projekt, das mit 900.000 Euro Einnahmen aus der Touristensteuer finanziert werden soll.

Die Pilotphase ist bereits im Gange: An der Playa de Palma werden bis Ende des Jahres ausgewählte Arbeiterinnen genauer untersucht, die bereits wegen körperlicher Beschwerden öffentliche Gesundheitszentren aufgesucht haben. Richtig los geht es dann 2018. Dann sollen ­Patientinnen von ­Gesundheitszentren an der Playa de Palma, in Calvià, Alcúdia und Cala Millor sowie je einem in Menorca und Ibiza in ein Experiment einbezogen werden: Ein Teil von ihnen bekommt spezielle Therapien wie Krankengymnastik verordnet, ein anderer wird wie bisher nur mit Schmerzmitteln behandelt. Dann soll verglichen werden, wie wirkungsvoll die „neuen" Therapien sind. Das Gleiche im Großformat ist ab Ende 2019 und im Verlauf von 2020 für alle Gesundheitszentren der Insel geplant. Hier sollen rund 2.000 Zimmermädchen teilnehmen.

Es klingt aufwendig, das neue Programm, irgendwie umständlich – und ist es das nicht auch? Allein auf Mallorca werden je sieben zusätzliche Physiotherapeuten und Krankenpfleger im Einsatz sein. Hinzu kommen Koordinatoren, die die Versuchskaninchen auswählen und die Ergebnisse auswerten. Nur, um irgendwann sagen zu können: Ja, Zimmerreinigung ist Schwerstarbeit. Und Physiotherapie ist besser als Pillen.

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