14. April 2018
14.04.2018

Praxistest im Orangental nach dem Ende der Tunnelmaut

Seit Ende Dezember 2017 ist die Fahrt nach Sóller gratis. Über die Folgen für das Gebiet gibt es geteilte Meinungen. Viele zieht´s ins Gebirge

14.04.2018 | 15:02
Fahren Sie weiter, es ist kostenlos: Noch stehen die Kassenhäuschen an der Einfahrt des Sóller-Tunnels.

Seit dem 28. Dezember vergangenen Jahres ist die Durchfahrt durch den Sóller-Tunnel gratis. Die gut 10 Euro für Hin- und Rückfahrt sind weggefallen – und was war nicht alles befürchtet worden? Die Bewohner des Orangentals prophezeiten chaotische Zustände in ihrem idyllischen Fleckchen Erde. Überlaufen werde man von den Einwohnern von Palma, lauteten die Vorhersagen. Die MZ machte am Ostermontag (2.4.) den Praxistest. Ist es denn wirklich so voll geworden? Zumindest für den Ortskern von Sóller sind Zweifel angebracht.

Zwar ist man auf dem Weg von Palma nach Sóller ab Bunyola in einer beachtlichen Autokarawane unterwegs. Parkplätze gibt es an der Umgehungsstraße in Richtung Port de Sóller kurz nach 10 Uhr aber noch in Hülle und Fülle. Viele Autos halten nicht in Sóller an, sondern fahren in Richtung Hafen oder ins Tramuntana-Gebirge weiter.

Auf dem zentralen Platz von Sóller sitzen die Menschen in den Cafés und Bars. „Es ist wesentlich mehr los als zu Beginn der Saison im vergangenen Jahr", sagt die Inhaberin des Café Paris. Wobei sie mit dieser Meinung ziemlich allein dasteht. Tolo, der im Eiscafé Can Pau hinter der Theke steht, schüttelt den Kopf. „Dass deutlich mehr Menschen im Ort sind, kann ich nicht bestätigen. Es ist in etwa so voll wie im vergangenen Jahr." Er arbeite seit mehreren Jahren in dem Eiscafé und lebe selbst in Sóller, aber seit der Gratisdurchfahrt durch den Tunnel habe sich der Ort kaum verändert. Ganz ähnlich klingt die Verkäuferin, die in dem kleinen Modeladen La Boheme in der Einkaufsstraße Carrer Lluna auf Kunden wartet. „Für uns hat sich nichts geändert. Wir hatten vorher hauptsächlich Urlauber als Kunden, und das ist auch so geblieben." Gerade was Touristen angehe, könne sie nicht behaupten, dass in diesem Jahr mehr im Ort unterwegs seien. Ein paar Ausflügler aus anderen Teilen der Insel ja, aber das falle nicht ins Gewicht.

Weiter Kult: der „Rote Blitz"

Unser Eindruck deckt sich mit dem der Gesprächspartner. Es herrscht Betrieb auf der Plaza, aber nicht mehr als in vergangenen Jahren zu dieser Zeit. Größere Gruppen von Menschen kommen nur aus Richtung des Bahnhofs auf die Plaça de la Constitució gelaufen. Gerade ist der „Rote Blitz" eingefahren.

Der junge Mann am Schalter lebt im Zentrum von Sóller und kon­statiert vor allem ein Parkplatzproblem. Das ist nicht ganz neu, aber „ich glaube, dass es sich in den vergangenen Monaten verstärkt hat". Er müsse öfter als zuvor außerhalb des Zentrums parken. Parkplatz­probleme sieht auch Gregori Passador, Fischer und Ratsmitglied in Fornalutx: „Es gibt kaum Kapazität für mehr Autos, weder in Sóller noch im Hafen." Er selbst stellt einen vermehrten Besuch von Insulanern in den ersten Monaten des Jahres fest.

Klar scheint, dass Sóller immer interessanter für Immobilienbesitzer wird – nicht erst seitdem der Tunnel gratis ist, aber seither doch verstärkt. Im Ortszentrum reiht sich ein Immobilienbüro ans andere, die Angebote reichen von Wohnungen über Stadthäuser bis hin zu Fincas im Umland. Kein Wunder, dass Miquel Bauzá von Inmobiliaria Home Estate Sóller gut gelaunt ist. In der Branche ist man überzeugt, dass der Ort und das Orangental deutlich sichtbarer geworden ist. „Die Anfrage für Wohnungen und Häuser in Sóller ist definitiv gestiegen. Durch den Wegfall der Maut ist Sóller als Wohnort attraktiver geworden."

Einfach abgemeldet

Die Statistik spricht zwar eine andere Sprache, denn die Einwohnerzahl von Sóller hat seit Anfang des Jahres abgenommen. Das liegt aber vor allem daran, dass zuvor viele Bewohner der umliegenden Orte, die in Sóller arbeiten, auch dort gemeldet waren, um günstiger durch den Tunnel zu kommen. Die Einwohner von Sóller zahlten nur etwa ein Fünftel des Preises für die Durchfahrt.

In Port de Sóller hingegen ist durchaus ein Effekt zu spüren. Hier schlendern an diesem Montagmittag viele Urlauber, aber offensichtlich auch viele Mallorquiner an der Strandpromenade entlang, Kinder plärren, Hunde bellen, die Menschen sitzen in den Restaurants. Die Straßenbahn, die aus dem Hauptort eintrifft, spuckt dutzendfach Menschen aus.

Kellnerin Patricia, die in einem Eiscafe werkelt, lacht auf. Ob mehr los sei? „Wir haben den Wegfall der Maut vom ersten Tag an deutlich gemerkt. Viele Leute aus anderen Ecken der Insel sagen sich: Ach komm, wir fahren mal nach Port de Sóller." Vor allem Mallorquiner sehe sie durch den Ort flanieren. „Die kommen auch unter der Woche, da spielt der Tag überhaupt keine Rolle."

Wenn sie denn einen Parkplatz fänden, bemerkt die Bedienung im Café No Name nicht ohne Galgenhumor. „Es ist der Wahnsinn, was hier seitdem los ist. Aber es gibt nicht annähernd genügend Stellplätze. Und ich habe gehört, es sollen sogar noch welche wegfallen." Sie lebe in Port de Sóller und bewege ihr Auto überhaupt nicht mehr, wenn es nicht unbedingt sein müsse.

Auch das Tramuntana-Gebirge spürt den Wegfall der Maut. Vor allem das kleine Dorf Fornalutx verzeichnet seither spürbar mehr Besucher. Marga, die Angestellte des Eisladens von Fet a Sóller nahe des Hauptplatzes, lebt in Fornalutx und sagt: „Ich schätze, dass wir zwischen 20 und 30 Prozent mehr Besucher im Ort haben als vor dem Wegfall der Maut. Die Restaurants sind seither ständig voll."

Verkehrschaos am Berg

Bürgermeister Antoni Aguiló (konservative Volkspartei PP) hält das noch für eine vorsichtige Schätzung. Er spricht von einem regelrechten Verkehrschaos, das inzwischen vor allem am Wochenende herrsche. Er selbst habe wenig Handhabe dagegen. „Wir können nicht einfach die Hauptstraße zur Anliegerstraße machen. Das ist eine Straße, für die der Inselrat zuständig ist." Er habe ja vor dieser Situation gewarnt, sei aber nicht gehört worden. „Und jetzt haben wir den Salat."

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