Die Segelmacher aus der alten Schuhfabrik

17-10-2008  
Francisco Gil in der oberen Etage des Lofts in Alaró. Im Hintergrund das riesige Großsegel der TP52-Yacht ýQuantum Racing
Francisco Gil in der oberen Etage des Lofts in Alaró. Im Hintergrund das riesige Großsegel der TP52-Yacht ýQuantum Racing".  Foto: John

ANDREAS JOHN In einer Fabrikhalle in Alaró werden die modernsten Regatta- und Fahrtensegel der Welt hergestellt. Bis zu 12.000 Quadratmeter pro Jahr werden hier auf Maß gefertigt.

Als der neuseeländische Profi-Skipper Terry Hutchinson Ende September in Portimão (Portugal) die Siegertrophäe des „Audi MedCup“ in die Höhe riss, knallten über 1.000 Kilometer entfernt, in einer ehemaligen Schuhfabrik auf Mallorca, die Sektkorken. Denn an dem Triumph von Hutchinson und dem US-amerikanischen Team „Quantum Racing“ bei der Regattaserie für die schnellsten Offshore-Einrumpfsegler der Welt hatte auch ein kleines Segelmacher-Team in Alaró seinen Anteil.

„Wir haben in den sechs Monaten, in denen die Yacht an den verschiedenen Regatten teilnahm, eigentlich nur einige kleinere Veränderungen der Membran-Einlage des Großsegels durchgeführt“, gibt sich Francisco Gil bescheiden. Er leitet seit zwei Jahren den mallorquinischen Außenposten für den Hauptsponsor von Hutchinsons Crew, den größten Segelfabrikanten der Welt: Quantum Sails. Unfreiwillig, wie er spaßeshalber sagt, denn so richtig wohl fühle er sich nur auf See.

Früherer Nationalcoach

Kein Wunder, möchte man meinen: In den 80er Jahren gehörte Gil zu den besten Sportjollenseglern Spaniens, gewann zahlreiche nationale Meisterschaften und machte sich später auch bei Offshore-Regatten einen Namen. Noch bis 2004 trainierte er die spanische Nationalmannschaft in den unteren Kategorien, vom Optimisten bis zu den 420ern. Dieser Erfahrung ist es wohl zu verdanken, dass Quantum eines Tages auf ihn aufmerksam wurde. „In Barcelona war 2002 der spanische Ableger von Quantum Europa gegründet worden. Dort fiel irgendwann mein Name. Und als man vor zwei Jahren über den Aufbau einer Fabrik auf Mallorca nachdachte, machte man mir ein Angebot“, erzählt Gil. Und das konnte der heute 46-jährige Segler aus Palma einfach nicht ausschlagen.

Seine Fabrik ist eines von 73 sogenannten Quantum-Lofts in ganz Europa, die sich der Herstellung und Reparatur von Schiffsegeln widmen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Lofts werden in Alaró aber insbesondere Segel für Großyachten mit einer Länge von mehr als 50 Fuß hergestellt. Und was ist das Besondere an Quantum-Segeln? „Das Unternehmen entwickelte in den 90er Jahren eine spezielle Laminat- segelart mit Membranen aus Carbonfaser“, erklärt Gil. Die Fasern werden dabei in dünnen Bahnen auf eine transparente Segelhaut geklebt, darüber kommt später eine weitere Haut. Die notwendigen Berechnungen für die Plottermaschine, die vorgibt, wo die Fasern auf die Segelhaut geklebt werden, werden von einer Computersoftware erstellt. Während das Know-how aus den USA stammt, wird die Carbonfaser aus Deutschland angeliefert.

„Anfangs wurde diese kostspielige Technik nur für Regattayachten angewandt“, erklärt Gil. Aufgrund der gesunkenen Kosten für das Hightech-Material Carbon würden sich heutzutage aber auch Besitzer von Fahrten-yachten die im Vergleich zu herkömmlichen Polystersegeln druckstabileren und damit leistungsfähigeren Membran-Segel leisten.

Billig sind sie nicht, dafür aber einzigartig. „Wir fertigen fast jedes Segel nach Maß. Und bevor es losgeht, schauen wir uns das Schiff genau an, probieren mit anderen Segeln die Fahreigenschaften“, sagt Gil.

Rund vier Wochen dauert die Herstellung eines solchen Segels, bei Regatta-Teams muss es aber manchmal schneller gehen. Dann haben Gil und sein Team oft nur ein paar Tage Zeit. „Bei der letzten Copa del Rey in Palma vor ein paar Monaten waren wir offizieller Segelausrüster“, erinnert sich Gil. Das sei viel Stress gewesen, da viele Teams erst nach den Testfahrten in der Bucht, also wenige Tage vor den ersten Wettfahrten, neue Segel bei ihm bestellten.

Eine Tonne am Kran

Die Quantum-Fabrik in Alaró besteht aus zwei Etagen. In der unteren Halle werden Segel repariert und gelagert. In der oberen Halle befindet sich die eigentliche Fertigungsabteilung. Hier werden die Segel mithilfe von großen Industrienähmaschinen genäht. Die Näher sitzen dazu in quadratischen, im Boden eingelassenen Werkplätzen, von wo aus sie die Nähte an den Segelrändern bearbeiten.

„Wir arbeiten hier in Größenordnungen von mehreren hundert Quadratmetern“, sagt Gil und lässt zum Beweis dafür eines der Großsegel der „Quantum Racing“ ausrollen. Ein riesiges, grau schimmerndes Dreieck liegt kurze Zeit später auf dem Hallenboden ausgebreitet. „Trotz einer Achterliek-Länge von fast 40 Metern wiegt dieses Segel keine 30 Kilogramm“, sagt Gil. Das liege neben der Carbon-Membrane in seinem Innern vor allem daran, dass es keine Polyester-Außenhaut besitze, erklärt er weiter. Nachteil: Das Segel ist den UV-Strahlen ungeschützt ausgesetzt und hält je nach Einsatz höchstens ein paar Monate.

Eigner von großen Segelyachten ließen sich aus diesem Grund über ihre Hightech-Segel daher immer eine Schutzhaut aus Polyester nähen. Das wiederum ginge zu Lasten des Gewichts. Bis zu einer Tonne könne das 300 Quadratmeter große Segel einer Superyacht wiegen. Und das sei dann selbst für den großen Fabrikkran im Erdgeschoss eine echte Herausforderung. Auch für die Auslieferung der Segel müsste aus diesem Grund manchmal ein Kleinlaster kommen. Mehr als 80 Prozent der Kundschaft befinde sich aber hier auf der Insel, der Transport stelle also kein größeres Problem dar.

Das größte Segel der Welt

Mit dem derzeitigen Geschäftsverlauf ist Gil durchaus zufrieden. Seit August 2006 haben er und sein Team mehr als 23.000 Quadratmeter Segel gefertigt. Und das Auftragsbuch für die kommenden Monate ist gut gefüllt. Im Dezember wartet ein ganz besonderer Kunde. „Wir haben den Auftrag bekommen, für die größte Segelyacht der Welt, die derzeit in einer australischen Werft gebaut wird, das Großsegel zu fabrizieren“, sagt Gil. 500 Quadratmeter soll es groß werden. Mehr dürfe er aber über den Kunden nicht verraten. Ob sich unter seinen Klienten nicht auch der ein und andere America‘s-Cup-Teilnehmer befinde? „Unsere Segel stehen jedem Syndikat offen“, sagt Gil. Sollte sich das Team der „Quantum Racing“ allerdings dazu entscheiden, in zwei Jahren ebenfalls an der prestigeträchtigen Regatta teilzunehmen, sei wohl nicht damit zu rechnen, dass die Konkurrenz bei ihm ein Segel bestelle. „Für die meisten Offshore-Regatten werden mittlerweile einheitliche Boots-typen benutzt, die sich technisch kaum noch voneinander unterscheiden“, sagt Gil. Den kleinen, aber wichtigen Unterschied machen vor allem die Segel aus. Sie entscheiden darüber, wer am Ende die Korken knallen lassen kann.

Quantum Racing: Ein Segel-Assistent ist immer mit an Bord

Die TP-52-Yacht „Quantum Racing“ zählt zu den modernsten Offshore-Seglern der Welt. Den Gewinn des „Audi MedCup“ führt Co-Eigentümer Fred Howe neben der erfahrenen Crew und dem millionenteuren Material auch auf die Unterstützung von Hauptsponsor Quantums Sails zurück. „Mit an Bord war stets ein sailguard des Unternehmens, der auf den perfekten Stand von Großsegel und Gennaker achtete. Oftmals wurden Segel noch bei den Regatten ausgewechselt und modifiziert“, sagt Howe. Das sei ein entscheidender Vorteil gegenüber den anderen Teams gewesen, so der US-Amerikaner.

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