Spanien muss sich neu erfinden - und das am besten sofort

24.09.2015 | 09:40

Am Dienstag musste sich Präsident Mariano Rajoy von einem Radiomoderator die spanische Verfassung erklären lassen. Die Katalanen könnten qua Gesetz die spanische Nationalität nicht verlieren, wenn die Region unabhängig würde, erläuterte der Journalist. Der Präsident wusste das nicht. Es war ein weiterer Tiefpunkt in einer Debatte, die von Lügen, falschen Versprechen und Unkenntnis geprägt ist. Erst kürzlich hatte der ehemalige Präsident Felipe González die Unabhängigkeitsbewegung mit Nazi-Deutschland verglichen. Ein Nazivergleich ist nicht mal im Internet okay.

Es zeigt sich immer deutlicher, wie fatal die Taktik der unionistischen Parteien ist. „Nein, weil nein" ist kein Argument. Statt den Katalanen zu erklären, warum die Einheit Spaniens auch für sie ein Vorteil ist, wird gedroht, beleidigt und verboten. Spanien benimmt sich wie ein Typ, der seine Frau verprügelt, ihr aber die Scheidung verweigert, weil „wir zusammengehören". Die politischen Befürworter der Unabhängigkeit in Katalonien wiederum haben, mit wenigen Ausnahmen, bisher keine Vision für das präsentiert, was nach der Unabhängigkeit geschehen soll. Was für ein Katalonien soll da aufgebaut werden? Das ist eine zentrale gesellschaftliche Frage, die weit darüber hinausgeht, in welcher Liga dann der FC Barcelona spielt. Dieser Mangel an Vision ist fahrlässig. Unabhängigkeit um ihrer selbst Willen ist Etikettenschwindel. Ein solcher Prozess sollte von konkreten Vorschlägen, nicht von romantischen Gefühlen getragen werden.

Spanien ist zurzeit ein kultureller Aschenbecher, gefüllt mit verqualmtem Potential. Das Land muss sich neu erfinden. Als Nation aus vielen Nationen, die ihre Vielfalt schätzt und fördert, statt sie zu unterdrücken. Als Land, das versucht, einen fairen finanziellen Ausgleich zwischen den Regionen zu schaffen. Die Balearen würden von so einem Land ebenso profitieren wie Katalonien. So ein Land könnte gelassen einem Referendum entgegenblicken. Das Recht zu entscheiden einräumen. In so einem Land hätten Unabhängigkeits­bestrebungen kaum eine Chance.

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