Die Armut auf der Insel geht auch die Touristen an

20.10.2016 | 10:02

Auf einen Satz sollten wir ab jetzt verzichten. Er geht in etwa so: „Die Mallorquiner sollten dankbar sein für den Tourismus. Schließlich kriegen sie unser Geld." Er wird meist genutzt, um irgendeinen neuen Exzess zu legitimieren oder um gegen irgendeine Beschränkung zu wettern. Manchmal geht er auch so: „Ohne den Tourismus würden die Mallorquiner mit den Schafen aus dem Trog fressen." Da wird zumindest unterschlagen, dass auch früher auf Mallorca erfolgreich gewirtschaftet wurde.

Auf einer Insel, auf der 10,4 Prozent der Bewohner von weniger als 332 Euro leben müssen und auf der insgesamt über ein Viertel der Bevölkerung von Armut bedroht ist, scheint die Idee vom touristischen Reichtum ein hübsches Märchen. Immer mehr arbeitende Menschen können nicht mehr von ihrem Verdienst leben. Es wäre leicht, das zu ignorieren. So wie man vieles andere ausblendet, weil die Welt komplex ist und wir sonst durchdrehen würden. Aber diese verarmten Arbeiter sind keine abstrakten Zahlen. Sie servieren uns im Hotel das Frühstück. Was ist das für ein Reichtum auf der Insel, wenn der Flughafenbetreiber Aena 100 Millionen Euro hat, um sie im kommenden Jahr am Flughafen Son Sant Joan zu investieren, aber kein Geld, um seine Mitarbeiter anständig zu bezahlen? Eine Rekordsaison nach der anderen auf „Malle", aber die Angestellten in den Hotels, mögen sie auch noch so unterqualifiziert sein, hangeln sich mit befristeten Teilzeitverträgen durch den Sommer?

Irgendwann kann man auch als Tourist, der die Insel zu Recht liebt, nicht mehr so tun, als ob man das nicht weiß. Als ob das zu weit weg ist. Zu Hause auf das Wohlbefinden der Legehennen pochen, aber im Urlaub ist es egal, wenn das Zimmermädchen nicht vom Lohn leben kann? Aber lächeln soll es. Wo ist der aufgeklärte Konsument im Tourismus? Die Gründe für die krasse Armut auf der Insel sind ohne Zweifel vielfältig und kompliziert. Aber hier können wir anfangen, unseren Protest gegen diese Zustände kundzutun. Anstatt auch noch Dankbarkeit zu verlangen.

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