Vom glücklichen Ruheständler zum Sozialfall

20-12-2007  
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Viele deutsche Rentner kommen mit Wunschvorstellungen vom sorgenfreien Ruhestand nach Mallorca,haben aber nicht bedacht, wer sich in schlechteren Zeiten um sie kümmert.  Bendgens

Die Aktenstapel auf seinem Tisch bereiten dem deutschen Konsul Wolfgang Wiesner Kopfzerbrechen. Hinter jeder Mappe mit Vermerken, Notizen und Formularen verbirgt sich das Schicksal eines Mallorca-Residenten, für den sich sonst keiner zuständig fühlt - soziale Notfälle, die zwischen nationalen Zuständigkeiten durchrutschen oder sich so zuspitzen, dass sie schließlich bei Wiesner auf dem Tisch landen.

Von Frank Feldmeier

Die zunehmende Zahl der Mallorca-Senioren in finanziellen und gesundheitlichen Nöten bereitet der deutschen Auslandsvertretung schon seit Längerem Sorgen. Der deutsche Konsul bekommt derzeit beispielsweise von Pflegeheimen zu hören: „Wenn Sie sich nicht um den Fall kümmern, laden wir die Patientin vor Ihrer Tür ab." Familienangehörige sind verschollen oder fühlen sich nicht zuständig, der spanische Staat auch nicht, die Betroffenen brauchen sofortige Hilfe. „Allein in den vergangenen zwei Wochen waren es vier sehr schwere Fälle", sagt Wiesner. „Und wir erfahren im Konsulat nur von der Spitze des Eisbergs."

Nun will der Konsul das Problem mit einer Doppelstrategie angehen. Strategie Nummer eins: Das Auswärtige Amt in Deutschland überzeugen, dass es Mittel bereit stellt. So könnte beispielsweise ein deutscher Sozialarbeiter eingestellt werden, der ältere oder verarmte Mallorca-Deutsche an die Hand nimmt. Dieser würde sie über ihre rechtlichen Möglichkeiten informieren, mit auf die Behörde gehen und Formulare ausfüllen. Wiesner hat damit gute Erfahrungen im Generalkonsulat in Amsterdam gemacht, wo er bis zum Sommer dieses Jahres tätig war: Dem Konsulat sei dadurch viel Arbeit abgenommen worden.

Der Konsul macht sich jedoch nicht allzu große Hoffnungen, dass Gelder bereit gestellt werden. Frühere Vorstöße des Konsulats in Palma scheiterten. Aber das Problem bestehe weiter und werde sich durch die demographische Entwicklung und die Preissteigerung auf Mallorca weiter verschärfen. „Ich gebe nicht auf", sagt Wiesner mehrmals und verweist darauf, dass in Amsterdam viele Initiativen erst nach vier Jahren - also in den letzten Wochen seiner Amtszeit - Früchte getragen hätten.

Für den Fall, dass die Bundesregierung keine Hilfe beisteuert, bereitet der Konsul eine zweite Strategie vor, die auf dem Europäischen Fürsorgeabkommen von 1953 basiert, das Spanien im Jahr 1982 ratifiziert hat. Die unterzeichnenden Staaten verpflichten sich darin, EU-Ausländern in gleicher Weise und unter den gleichen Bedingungen wie den eigenen Staatsangehörigen Fürsorgeleistungen zu gewähren, die in der jeweils geltenden Gesetzgebung vorgesehen sind. Wiesner will die zuständigen Stellen auf der Insel an das Abkommen erinnern. Bislang mangele es an der Kenntnis und Umsetzung des Fürsorgeabkommens. Auf dem Festland funktionierten die sozialen Institutionen zudem deutlich besser als auf Mallorca, meint Wiesner.

"Können nur helfen, wenn die Menschen hier gemeldet sind"



Ein noch viel größeres Problem: Das Fürsorgeabkommen greift nur dann, wenn sich Mallorca-Deutsche legal in Spanien aufhalten. Dazu gehört, sich spätestens nach drei Monaten nach dem Umzug auf die Insel bei seiner neuen Gemeinde anzumelden. Trotz der zahlreichen Appelle aber passiert das häufig nicht, sei es aus Unkenntnis oder Furcht vor dem Finanzamt. „Der rechtmäßige ­Aufenthalt ist der Knackpunkt", sagt Wiesner. „Wir können nur helfen, wenn die Menschen hier gemeldet sind." In drei von vier Problemfällen läge kein Nachweis für den rechtmäßigen Aufenthalt vor, und damit handle es sich nach Interpretation der spanischen Behörden formal um Touristen.

Der deutsche Staat wiederum springt nicht in die Bresche, solange die Betroffenen außerhalb der Grenzen der Bundesrepublik wohnen. Bislang können Mallorca-Deutsche nur in bestimmten Fällen auf Hilfe aus der Heimat hoffen: So wird Pflegegeld zwar auch im Ausland ausgezahlt, wenn Ansprüche aus der deutschen Rentenkasse bestehen. Ein Pflegedienst auf Mallorca kann jedoch nicht durch die deutsche Pflegeversicherung übernommen werden. Auch Hilfsmittel wie Rollstühle werden nicht bezahlt. In Mallorcas einziger deutscher Seniorenresidenz, Es Castellot in Santa Ponça, wird privat abgerechnet.

Und auch bei der Sozialhilfe vom deutschen Staat sieht es schlecht aus seit dem Skandal um „Florida-Rolf" im Jahr 2003: Nachdem die „Bild-Zeitung" über einen „Sozialschmarotzer" in Miami berichtet hatte, der mit der „Stütze" ein Apartment in Strandnähe finanzierte, wurden die Richtlinien für Sozialhilfe innerhalb von Monaten verschärft.

Eine Rückkehr nach Deutschland aber haben nur wenige Mallorca-Rentner ins Auge gefasst: In einer Studie des Sozial­geographen Klaus Friedrich (s. li.) äußerten 78 Prozent der befragten deutschen Senioren auf Mallorca keine Rückkehrabsicht, 16 Prozent antworteten mit „vielleicht", konkrete Rückkehrpläne gaben nur sechs Prozent an. Und auch bei den nur saisonal auf Mallorca lebenden Rentnern und den über 70-Jährigen ist von Rückkehr ins kalte Deutschland nur bei einem Drittel die Rede.

Vom Traum des Lebensabends auf Mallorca nimmt niemand gerne Abschied. Wenn Konsul Wiesner Betroffenen diesen Vorschlag macht, stellt sich nicht nur das Problem der Umzugskosten. Die Antwort lautet oft: „Was soll ich noch in Deutschland?"

In der Druckausgabe lesen Sie außerdem:
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Info: Hilfe vom spanischen Staat auch für Deutsche

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