Katalanisch-Offensive: Das Ende der Zweisprachigkeit

14-05-2008  
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Werbeplakat der Landesregierung für Katalanisch als erste Amtssprache.  Govern
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Die Sprachpolitik der balearischen Landesregierung ist wie eine mehrstufige Rakete: Nach und nach wird eine weitere Stufe gezündet. Zunächst standen die Geschäftsleute im Visier der Sprachschützer: Kaum war die neue Mitte-Links-Regierung vor einem Jahr im Amt, pochte sie auf die Einhaltung des bereits 2003 in Kraft getretenen Handelsgesetzes. Eine Klausel darin sieht vor, dass in Läden mit mehr als drei Angestellten mindestens einer Katalanisch sprechen können muss. Auch Verstöße wegen fehlender Beschilderung auf Katalanisch sollten geahndet werden. Der Unternehmerverband reagierte empört. 

Von Frank Feldmeier

Jetzt wird die nächste Stufe gezündet. Der Govern (Landesregierung) hat allen Mitarbeitern der öffentlichen Verwaltung ein Faltblatt (siehe Bilder oben) zukommen lassen, das der in den vergangenen Jahren zum Teil noch praktizierten Zweisprachigkeit ein Ende bereiten soll: Die Behördensprache ist Katalanisch, im Publikumsverkehr genauso wie auf Schildern und Plakaten bis hin zu Informatikprogrammen.

Eine weitere Stufe zielt zudem auf private Unternehmen: Bei spanischen wie internationalen Fluggesellschaften gingen Briefe ein, die die Geschäftsleitung auffordern, für ihre Kunden auf der Insel auch eine katalanische Sprachvariante anzubieten. ?Es ist unerlässlich, dass katalanischsprachigen Bürgern und Konsumenten in Basisdienstleistungen wie dem Flugverkehr der korrekte Umgang mit ihrer Sprache garantiert ist", heißt es unter anderem in dem Brief. Nicht nur der Schriftverkehr, auch die Website und die Sicherheitshinweise an Bord des Flugzeugs sollten auf Katalanisch sein. Die verantwortliche Sprachenbeauftragte der Landesregierung, Margalida Tous, kündigt zudem schon die nächste Stufe an: Eine Kam-pagne in Zeitungen, auf Plakaten und mit Merchandising-Produkten, die der katalanischen Sprache zu mehr Prestige verhelfen soll.

Die Katalanisch-Politik kommt nicht überraschend, geht aber überraschend weit: Die Parteien des Mitte-Links-Bündnisses waren zur Wahl des Balearen-Parlaments vor einem Jahr mit dem Ziel angetreten, die Sprache der Insel stärker zu fördern als bislang. Die Sozialisten bekennen sich offen zu dieser Politik. Mit viel Herzblut dabei sind jedoch vor allem die regionalistischen Parteien Unió Mallorquina und die linksnationalistische PSM, sie haben die Katalanisch-Politik ganz oben auf ihrer Prioritätenliste stehen. Der PSM gehört auch die Sprachenbeauftragte Tous an. Ihre Argumente: Das Katalanische sei noch immer im deutlichen Nachteil gegenüber dem Spanischen und brauche dringend eine stärkere Förderung.

Die Politik von Tous habe die volle Unterstützung aller Parteien der Koalition, betont Regierungssprecherin Gina Garcías. Schließlich gehe es darum, dass sich die Mallorquiner in ihrer Sprache ausdrücken könnten und ihre Sprache nicht auf den häuslichen Bereich beschränkt bleibe. Die jetzigen Katalanisch-Vorstöße beruhen auf einer Verordnung von 1990, die unter der Regierung der Volkspartei PP in Koalition mit der UM beschlossen, aber bislang nicht strikt umgesetzt worden war. Das Ende der Zweisprachigkeit in der Verwaltung sei deswegen streng genommen nichts Neues, so Tous gegenüber der MZ.

Damit sich alle Angestellten in der öffentlichen Verwaltung des Govern an die Katalanisch-Regeln halten, hat Tous eine Broschüre auflegen lassen. Sie schreibt unter anderem Katalanisch für den Kontakt mit den Bürgern vor. Das heiße aber nicht, dass man auf dem Amt nur Antworten auf Katalanisch bekomme, sagt Tous. ?Die Broschüre sagt eindeutig, dass Bürger, die lieber Spanisch sprechen wollen, das auch tun können." In der Praxis häufen sich jedoch die Fälle, in denen Spanisch sprechende Anrufer Antworten auf Katalanisch erhielten.

Plakat- und Anzeigenkampagnen oder Broschüren sollen rein Katalanisch sein. Ausnahmen seien nur aus ?soziolinguistischen Gründen" denkbar, sagt Tous. Als Beispiel nennt sie eine Kampagne zur Grippe-Impfung, die zusätzlich auf Spanisch plakatiert würde. ?Die Kampagne muss auch von denen verstanden werden, die nicht Katalanisch können", begründet Tous die Ausnahme. In der Tourismuswerbung käme ohnehin die geeignetste Sprache zum Einsatz. Die Sprachenbeauftragte stimmt zwar dem Grundsatz zu, dass alle Kampagnen von allen verstanden werden müssen, betont aber im nächsten Satz, dass bestimmte Kampagnen ausschließlich auf Katalanisch angelegt werden dürften.

Computer-Català
Die Mitarbeiter des Govern sollen in Zukunft auch auf den Bildschirmen kein Spanisch mehr vor sich haben. Die Computerprogramme in der öffentlichen Verwaltung würden allesamt auf Katalanisch umgestellt, was allerdings einige Zeit in Anspruch nehmen werde, so Tous. Sie verweist auf gemeinnützige Vereinigungen, die katalanische Übersetzungen erarbeiteten.

Auch einen weitere Vorgabe - dass externe Unternehmen Auftragsarbeiten für den Govern auf Katalanisch abliefern müssen - würde keine Probleme bereiten. Das habe keineswegs zur Folge, dass eine geeignete Firma wegen der Sprachauflagen benachteiligt werden könnte. ?Ein sehr gutes Unternehmen wird alle Mittel aufbieten, damit die Verwaltung die Arbeiten auf Katalanisch erhalten kann", so Tous.

Die Sprachbeauftragte beschränkt sich nicht nur auf die Amtssprache in der Verwaltung. In Briefen an Fluggesellschaften setzt sie sich nun auch dafür ein, dass katalanischsprachige Kunden die Angebote in ihrer eigenen Sprache zur Verfügung gestellt bekommen.

Diese Briefe haben bei den Fluggesellschaften zum Teil für erheblichen Unmut gesorgt. Schließlich gebe es zwei offizielle Landessprachen auf den Balearen. Beklagt wird zudem eine Einmischung in die Privatwirtschaft. ?Ich habe zu keiner Zeit von einer Verpflichtung gesprochen, sondern davon, dass die katalanischsprachigen Kunden das Angebot wertschätzen würden", sagt dagegen Tous. ?Sie als Deutscher schätzen es ja auch, wenn Ihnen etwas auf Deutsch angeboten wird." Die Unternehmen sollten so an Qualität zulegen. ?Wir fordern nichts ein, wir bieten nur unsere Hilfe an."

Widerstand in Calvià
Während im Govern die regionalistische Politik an Boden gewinnt, bringt sich in der Gemeinde Calvià Bürgermeister Carlos Delgado (PP) im entgegengesetzten Lager in Stellung. Seine Botschaft: Die Volkspartei sollte die ?Irrtümer der Vergangenheit" - unter anderem die Sprachen-Verordnung von 1990 - korrigieren. In Erziehung und Verwaltung auf den Balearen gebe es nur noch ?Restbestände" des Spanischen. ?Die Reglementierung führt dazu, dass ein Teil der Gesellschaft die Sprache hasst."

Die deutliche Positionierung kommt gerade bei den Ausländern an der Südwestküste gut an. Immobilienunternehmer Lutz Minkner
etwa betont, dass es bislang überhaupt keine Probleme im Umgang mit dem Rathaus wegen Katalanisch gegeben habe. ?Im Gegenteil: Bei uns kümmern sich im Rathaus Ausländerbeauftragte um unsere Kunden - und sprechen mit ihnen häufig auch Deutsch oder Englisch."

Bürgermeister Delgado, der selbst stets Spanisch spricht, markiert mit seiner Sprachpolitik auch Unterschiede zu den Politikern der eigenen Partei, die regelmäßig mit den Regionalisten politische Bündnisse eingegangen war und Zugeständnisse gemacht hatte. Denn die Regional-Parteien achten streng auf die Sprachvorgaben: So wurde die sozialistische Regierungssprecherin Margarita Nájera vor kurzem von Mitgliedern der PSM zum Rücktritt aufgefordert, nachdem die gebürtige Baskin auf einer Pressekonferenz auch Spanisch gesprochen hatte. Ohnehin nur drei der 59 Abgeordneten des Parlaments drücken sich in Sitzungen auf Spanisch statt Katalanisch aus.

Parteivorsitzende Rosa Estarás distanziert sich denn auch sehr viel weniger deutlich als Delgado von der Einsprachenpolitik des derzeitigen Linksbündnisses. ?Beide offizielle Sprachen der Balearen müssen respektiert werden: Katalanisch und Spanisch. Die Sprache muss immer ein Recht sein und keine Pflicht." Sie führt das Beispiel des verunreinigten Sonnenblumenöls an, das in spanischen Supermarktregalen aufgetaucht war - in solchen Fällen müsse die Bevölkerung ohne das Risiko von Missverständnissen aufgeklärt werden können.

Und so schlägt auf den Inseln jetzt die Stunde der Katalanisch-Lobbyisten wie der Obra Cultural Balear (OCB). Die Vereinigung hat am vergangenen Dienstag ein Drei-Jahres-Programm zur ?Normalisierung" der Sprachsituation vorgelegt. Im Auftrag des Inselrats soll die OCB zudem eine Ombudsstelle für ?katalanische Sprachrechte" einrichten. Sie erhält 91.000 Euro unter anderem für ein Sorgentelefon. Das sollen Bürger anrufen können, denen ihr Recht verweigert wird, Katalanisch zu sprechen.

In der Druckausgabe lesen Sie außerdem:
Fluglinien im Visier der Sprach-Puristen
Info Katalanisch: Vier Dialekte, eine Sprache
Info II: So lernt man katalanisch

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