Besuch in Kroatien: Wie Mallorca vor dreißig Jahren

03-07-2008  
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Noch tut sich Kroatien schwer, Anschluss an die Topdestinationen des Mittelmeers zu finden. Aber das hat zweifellos auch seinen Charme.  Foto: Khe
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KARL-HEINZ EIFERLE Mali Losinj hat ein wenig von Port d´Andratx. Und vieles hat es nicht. Das macht es reizvoll. Nicht nur für Manfred W. (Name von der Redaktion geändert). W. hat im vergangenen Sommer seine Zelte in Port d´Andratx abgebrochen, um sich zeitweise in Mali Losinj niederzulassen. Vorausgesetzt, er bekommt irgendwann einmal sein Schiff, das er dort vor ewigen Zeiten in Auftrag gegeben hatte. Das moderate Preisniveau, die traumhaften Wassersportbedingungen und der dortige Menschenschlag haben den Endfünfziger überzeugt. Vor Ort habe sich dann aber doch so manches relativiert. ?Die Baukosten für mein Schiff sind bei Durchschnittslöhnen von umgerechnet 600 Euro zwar überschaubar, dass sich daraus aber ein derartiger Affentanz entwickeln würde, war nicht absehbar."

Auch Liegeplätze seien noch günstig. ?Hier bezahle ich in einem Jahr das, was ich vorher in Andratx in einem Monat ausgegeben habe. Aber dort hatte ich wenigstens ein Schiff", so W. kopfschüttelnd. ?Hier läuft vieles genauso chaotisch ab wie auf Mallorca."

Mali Losinj ist eine 8.000-Seelen-Gemeinde, die in der Hauptsaison schnell viermal so viele Bewohner hat. Es ist der touristische Dreh- und Angelpunkt von Losinj und Cres und gilt als größter zusammenhängender Ort der knapp 1.200 kroatischen Adria-Inseln. Er befindet sich in der Kvarner Bucht, unmittelbar gegenüber der Insel Krk und ist, im Gegensatz zur Nachbarinsel, die neben einer Brücke zum Festland auch noch den internationale Flughafen Rijeka vorzuweisen hat, nur mit der Fähre zu erreichen. Sieht man von der Landebahn für Kleinflugzeuge einmal ab.

Auf beiden Seiten des tief eingeschnittenen Naturhafens befinden sich großzügig angelegte Flaniermeilen. Restaurants, Bars und Geschäfte aller Art wechseln sich ab. Es ist ein historisch gewachsenes Städtchen. Neubauten sind die Ausnahme, Hochhäuser gibt es nicht. Dadurch, dass die Zufahrtsstraßen mit Schranken versehen sind, hält sich der Verkehr in Grenzen. Jeder der reinfährt und länger als fünf Minuten bleibt, muss beim Rausfahren einen Obolus entrichten, dessen Höhe sich nach der Verweildauer bemisst. Die steilen, höher gelegenen Gassen sind ohnehin nur über Treppen erreichbar und damit auf natürliche Weise verkehrsberuhigt. Der einzige Krachmacher ist die Werft, Losinjs größter Arbeitgeber.

Die Bewohner von Mali Losinj nehmen für sich in Anspruch, besonders umweltbewusst und naturverbunden zu sein. Sieht man von der offenen Müllhalde und der nicht-existenten Mülltrennung ab, nimmt man ihnen dies sogar ab. Obwohl man nie jemanden mit Schaufel und Besen sieht, ist auf gespenstische Weise alles blitzblank. Nennenswerte Umweltverschmutzer gibt es anscheinend nicht.

Der Strom kommt per Kabel vom Festland, das tatsächlich trinkbare Trinkwasser aus Grundwasserreservoirs und einem See auf der nur zehn Meter entfernten Nachbarinsel Cres. Kein Zweifel, das Eiland mit seinen grünen Wäldern und dem glasklaren Meer ist ein Paradies für Naturfreunde und Wassersportler. Und für Raucher auch. Zigaretten sind preiswert, und man darf sie sich noch überall anstecken.

Von Ausnahmen abgesehen, ist das Preisniveau um 20 bis 30 Prozent niedriger als in Port d´Andratx, der Tourismus weniger auf Luxus ausgerichtet. Fünf-Sterne-Herbergen und Golfplätze gibt es auf der Insel nicht. Spa und Wellness befinden sich noch in den Kinderschuhen. In den alten Plattenbauhotels in bester Lage hält sich immer noch beharrlich der ?Ostmuff".

Wer sich ohne Sandstrände im Urlaub nicht wohl fühlt, ist nicht nur auf Losinj fehl am Platze. Diese sind landesweit die Ausnahme. Wer in das omnipräsente Meer will, benutzt meist Badeleitern. Das Handtuch wird auf halbwegs ebenen Felsplatten ausgelegt.

Die Urlaubssaison in Kroatien ist kurz. Wer nicht in den drei Sommermonaten sein Geld macht, muss sich nach einer weiteren Einnahmequelle umsehen. Da wundert es nicht, dass viele in dieser Zeit in die Garage ziehen, um auch noch das letzte Zimmer zu vermieten.

Im Gegensatz zu anderen Urlaubsdestinationen braucht man in Kroatien kein schlechtes Gewissen zu haben, die Bewohner auf Deutsch anzusprechen. Nicht der wirklich schwierigen Sprache wegen. Deutschland war das zweite Land nach dem Vatikan, das die junge Republik Kroatien 1991 offiziell anerkannt hat. Das hat bis heute niemand im Land vergessen. Und es scheint, als wäre das ohnehin gastfreundliche Volk zu den Teutonen noch etwas freundlicher als zu anderen Urlaubern.

1,55 Millionen Deutsche haben im vergangenen Jahr ihre Ferien in Kroatien verbracht. Nach den Kroaten selbst ist das die größte Urlaubergruppe. Da machen sich Fremdsprachenkenntnisse bezahlt.

Die junge Republik Kroatien feiert im kommenden Jahr ihren 18. Geburtstag. Die Narben des Krieges sind zumindest aus Regierungssicht verheilt und das bringt kontinuierlich steigende Zuwachsraten im Tourismus. 56 Millionen Übernachtungen wurden nach Angaben des Statistikamtes von Kroatien 2007 registriert, 5,7 Prozent mehr als 2006. Und die Branche will wachsen. Bis zu 1,8 Milliarden Euro sollen in diesem Jahr in touristische Projekte fließen. Man müsse von dem Zwei-Sterne- und Camping-Image wegkommen und mehr in qualitativ höherwertigen Tourismus investieren, heißt die Devise im kroatischen Tourismusministerium.

Dies sieht auch Nikola Rozman so. ?Wir haben viel erreicht", meint er nicht ohne Stolz. ?Aber es gibt auch noch jede Menge zu tun." Der in Hannover aufgewachsene 28-Jährige betreibt seit 2005 in Mali Losinj die Tourismusagentur Terra Incognita (Unbekanntes Land). Kroatien müsse schneller auf die Anforderungen des modernen Tourismusgeschäfts reagieren. Da könne man noch einiges von den Konkurrenzdestinationen lernen, auch von Mallorca. ?Bei uns ziehen einfach immer noch die alten kommunistischen Seilschaften die Strippen." Auch dass sein Land noch immer nicht in der EU ist, wurmt Rozman. ?Das würde vieles erleichtern."

Auch Manfred W. hätte vermutlich bei einer EU-Rechtsprechung bessere Chancen, an sein Schiff zu kommen. Aber er bleibt optimistisch. Schwarze Schafe gebe es überall. ?Kroatien hat zwar weniger Sonnenstunden als Mallorca, dafür ist die menschliche Wärme hier ganzjährig spürbar", glaubt er.

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