Mythos Mittelmeer-Diät

16-10-2008  
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Die Mittelmeerküche basiert auf einem Mix aus frischem Obst und Gemüse, Getreideerzeugnissen, Hülsenfrüchten, Fisch und Milchprodukten.  Foto: Nele Bendgens

SILKE DROLL Francesc Quesada isst frisches Gemüse und Obst der Saison aus regionalem Anbau, Hülsenfrüchte, Brot, Pasta, Reis, etwas Käse, Joghurt und Fisch und kaum Fleisch. Er kauft am liebsten auf dem Markt mit Ökoware aus Mallorca am Sonntag in Santa Maria ein, kocht mit Olivenöl und geht zwei- bis dreimal die Woche joggen. ýMir ist meine Ernährung und meine Gesundheit wichtig, dafür nehme ich mir Zeit. Irgendwann habe ich gemerkt, dass das ja genau das ist, was dieta mediterránea bedeutet", sagt der 62 Jahre alte Handelsvertreter.

Doch mit seinem Speiseplan und seinem Lebensstil gehört der Mallorquiner zu einer immer rarer werdenden Spezies. Denn die Menschen in den Mittelmeerländern, deren traditionelles Essen in vielerlei Studien als Ideal einer gesunden Ernährung gepriesen wird, ernähren sich immer schlechter.

ýZu süß, zu fett, zu salzig", bringt der Wissenschaftler Josef Schmidhuber sein Urteil über die heutige Realität der Mittelmeerkost auf den Punkt. In einer vor kurzem veröffentlichten Studie für die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN belegt der Deutsche mit alarmierenden Zahlen die schwindende Bedeutung der Mittelmeerküche in ihren Ursprungsländern. Die massive Verschlechterung der Ernährungsgewohnheiten wird mit dem gewachsenen Wohlstand in der früher vergleichsweise armen Region erklärt. Während vor Jahrzehnten kaum tierische Fette konsumiert wurden, steht etwa Fleisch heute ganz oben auf dem Speiseplan der Bewohner der Mittelmeeranrainerländer. Zwischen 1962 und 2002 ist die durchschnittlich täglich konsumierte Kalorienzahl fast in ganz Europa (15 untersuchte Länder) deutlich gestiegen, in Griechenland, Spanien, Italien und auch Portugal aber besonders stark.

Mehr als die Hälfte der Italiener, Spanier und Portugiesen hat Übergewicht. Laut der Studie werden überall in Europa zu viele Fette gegessen. Spanien nimmt dabei aber eine Spitzenposition ein. Hier stieg der Konsum innerhalb der zurückliegenden 40 Jahre am stärksten. Spanien hat außerdem den zweithöchsten Anteil von übergewichtigen oder sogar fettleibigen Kindern. Von den Sieben- bis Elfjährigen sind laut Zahlen der Europäischen Kommission neun Prozent fettleibig und 33 Prozent übergewichtig. Damit verbunden sind Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck. Neben den höheren Einkünften der Menschen sieht Schmidhuber weitere Gründe für den dramatischen Wandel der Ernährung: Die Ausbreitung von Supermarktketten, berufstätige Mütter, die weniger Zeit zum Kochen haben, die Gewohnheit, außer Haus und Fast Food zu essen.

Während die Masse der Bevölkerung immer weniger auf ihr Essen achtet, wächst gleichzeitig die Lobby für die Beibehaltung oder Zurückeroberung des traditionellen Speiseplans. Die Stiftung Mittelmeerkost (Fundación Dieta Mediterránea) hat in diese Richtung nun einen entscheidenden Schritt getan. Die Lobbygruppe mit Sitz in Barcelona verfasste ein Grundlagenpapier über die Bedeutung der dieta. Zusammen mit Italien, Griechenland und Marokko bewirbt sich Spanien mit dem Dokument bei der Unesco dafür, die traditionelle Ernährungs- und Lebensweise der Mittelmeerländer als Weltkulturerbe anzuerkennen. ýEine Würdigung der dieta mediterránea durch die Unesco würde die Bedeutung der Ernährung unterstreichen und das Fortbestehen dieser Ess-Kultur sichern", sagt Francisco Sensat, der stellvertretende Vorsitzende der seit 1996 bestehenden Stiftung.

Für Sensat ist die Mittelmeerkost nicht einfach nur eine Zusammenstellung bestimmter Lebensmittel. ýEs geht nicht nur um Nahrungsaufnahme, sondern auch darum, dass man sich Zeit nimmt für das Ritual des Essens und danach eine Siesta macht", sagt er. Seine Stiftung versucht vor allem dem Nachwuchs den Wert und die Vielfalt des Essens zu vermitteln, beispielsweise mit Workshops in Grundschulen. ýDa sind immer wieder Kinder dabei, die dann zum ersten Mal in ihrem Leben frischen Spinat, Tomaten oder Orangen essen", sagt Sensat.

Alle zwei Jahre organisiert die Stiftung eine Konferenz mit Wissenschaftlern aus aller Welt, die sich mit der dieta mediterránea beschäftigen. Da geht es dann zum Beispiel um die Auswertung von zwölf verschiedenen Studien, an der insgesamt eineinhalb Millionen Menschen teilgenommen haben. Die Untersuchung belege, dass die dieta nicht nur vor Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs schützt, sondern oftmals auch ein längeres Leben bedeutet und Parkinson und Alzheimer vorbeugt.
Auch die an dieser Auswertung beteiligten Wissenschaftler warnen vor dem fortschreitenden Wandel der althergebrachten Essgewohnheiten am Mittelmeer, so ihr kürzlich in der Fachzeitschrift ýBritish Medical Journal" veröffentlichtes Fazit, Während diese Art der Ernährung weltweit empfohlen werde, werde sie in ihrer Heimat immer weniger befolgt.

Auf Mallorca setzt sich beispielsweise die Bewegung Slow Food für eine Rückbesinnung auf den traditionellen Speiseplan ein. ýDie echte dieta mediterránea gibt es leider kaum noch. Die Industrialisierung der Lebensmittelherstellung hat ihr zugesetzt", sagt die stellvertretende Vorsitzende Maria Solivellas. Dabei sei Mallorca eigentlich der ideale Ort für die berühmte, gesunde Ernährungsweise. ýErde und Meer bieten uns hier eine solch beindruckende Vielfalt, dass man sich perfekt ausgewogen ernähren könnte", sagt sie. Bis vor etwa 50 Jahren sei dies auch geschehen.

Hauptbestandteil der Ernährung sei etwa die tägliche Gemüsesuppe mit Brot zum Abendessen gewesen. Ein entscheidender Aspekt der dieta mediterránea ist für Solivellas die Verwendung von frischen, regionalen Produkten der jeweiligen Jahreszeit. ýFrüher gab es das, was gerade gewachsen war. Die Erde gibt uns zu jeder Zeit, was der Körper gerade braucht. Eine Aubergine im Januar ist nicht gut für dich, das ist ein industrielles Produkt", sagt Solivellas.

Die Köchin, die in ihrem Restaurant Ca Na Toneta in Caimari die Gerichte je nach dem aktuellen Angebot ihres Gemüsegartens zusammenstellt, sieht aber auch die Hindernisse, die der althergebrachten Ernährung heute im Weg stehen. ýEs ist schwieriger als früher. Im Supermarkt gibt es immer alles. Die Leute wissen überhaupt nicht mehr, was gerade geerntet wird, und der Respekt vor dem Wert des Essens ist verloren gegangen." Solivellas empfiehlt, auf Märkten oder beim Bauern zu kaufen und sich eine gute Mahlzeit zu kochen, statt sich am Abend vor den Fernseher zu setzen. Jetzt, im Herbst, sei übrigens die Zeit für Kohl, Mangold, Spinat, Pilze, Granatapfel und Kaki.

www.fdmed.org
(dort findet sich auch ein Test zur Überprüfung Ihrer Essgewohnheiten)
http://illes-balears.slowfood.es

In der Print-Ausgabe lesen Sie außerdem
- Essensgewohnheiten: Eine Frage von Geld und Zeit

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