Gewalt gegen Obdachlose: Von Ina Wölfls Angst, auf der Straße zu leben

02.10.2008 | 02:00
Die deutsche Obdachlose Ina Wölfl lebt seit zehn Jahren auf Mallorca und ist seit eineinhalb Jahren ohne festen Wohnsitz.
Die deutsche Obdachlose Ina Wölfl lebt seit zehn Jahren auf Mallorca und ist seit eineinhalb Jahren ohne festen Wohnsitz.

Als sie aufwachte, lief ihr schon das Blut in die Augen. Dann verlor sie kurz das Bewusstsein. Die deutsche Obdachlose Ina Wölfl kann sich kaum an die beiden Angreifer erinnern, die am Dienstagabend (23.9.) in Palma brutal mit Stöcken und Steinen auf sie eindroschen. Die beiden Jugendlichen hatten die aus Bayern stammende Frau im Schlaf überrascht.



Ina Wölfl lebt seit zehn Jahren auf Mallorca, die vergangenen eineinhalb Jahre auf der Straße. Seit mehreren Monaten legte sie sich täglich auf einer Unterlage aus T-Shirts im Vorraum der Bankfiliale von sa Nostra in der Calle Eusebi Estada zur Ruhe. Aus der engen Nische zwischen Bankautomat und Wand gab es kein Entkommen. Wölfl konnte nur schreien, die Jugendlichen ließen von ihr ab, liefen weg. Anwohner riefen einen Krankenwagen, die Rettungshelfer leisteten Erste Hilfe und brachten die Deutsche ins Krankenhaus Son Dureta. Zurück blieb eine große Blutlache. Nach den Tätern, die auch von einer Überwachungskamera gefilmt wurden, wird seither gefahndet.



Die Attacke war nicht das erste Erlebnis von Gewalt im Leben von Ina Wölfl. Aber so schutzlos zu sein, der über sie hereinbrechenden Aggression ausgeliefert zu sein - dieser Schreck war für die 48-jährige Frau fast schlimmer als die Schmerzen, an denen sie danach litt und immer noch leidet. „Ich habe Angst", sagt sie drei Tage nach dem Angriff. Wölfl hat zwei Nächte in der Klinik verbracht und sitzt nun wieder, so wie seit Monaten jeden Tag, auf einer Bank an der Plaça d´Espanya im Zentrum Palmas. Deutlich ist die mit mehreren Stichen genähte Wunde auf ihrer Stirn zu sehen. In den Wangen hat sie noch immer kein Gefühl. „Alles taub", sagt sie. In die Plastiktüte neben sich hat sie den blutbefleckten Pullover, die Röntgenaufnahmen und den Untersuchungsbericht gepackt. Tagsüber ist Wölfl dort meistens mit einer Gruppe polnischer Männer zusammen, ebenfalls obdachlos. „Die beschützen mich. Da passiert mir nichts", sagt sie. Nur an den gleichen Ort zum Schlafen legen will sie sich nicht. „Ich bin eine alleinstehende Frau. Das passt nicht."



Wölfl glaubt, dass die Gewalt gegen Obdachlose auf Mallorca zunimmt. Vor ein paar Monaten sei sie schon einmal verprügelt worden, erzählt sie. „Die spanischen Jugendlichen werden immer aggressiver." Die Deutsche weiß auch von anderen obdachlosen Frauen, die angegriffen worden sind. Die Nationalpolizei hingegen spricht von Einzelfällen. Dabei sorgte schon im Februar ein ähnlicher Fall für Aufsehen. Damals war eine Gruppe Obdachloser in Palma von vier Polen verprügelt worden. Die mittlerweile verurteilten jungen Männer hatten schon zuvor Obdachlosen Decken, Kleidung und Geld gestohlen.



Wölfl befürchtet, dass sie jederzeit wieder angegriffen werden kann. „Auf der Straße ist man Freiwild!", sagt sie. Eine andere

Zufluchtsmöglichkeit für sich sieht sie nicht. Aus einer Notunterkunft sei sie vor einigen Monaten hinausgeworfen worden, weil sie in einem Schlafraum eine Zigarette geraucht habe.



Angefangen hat Wölfls Abstieg erst vor eineinhalb Jahren, als sie nach Hause kam und ihren Freund mit einer anderen Frau im Bett entdeckte. Der Mann, mit dem sie vor mittlerweile zehn Jahren nach Mallorca gekommen war und mit dem sie in der Nähe von Santanyí zusammenlebte, habe sie dann hinausgeworfen und außerdem ihre Ersparnisse von der Bank abgehoben. Ihren Job in der Küche eines Restaurants in Santanyí hatte sie zu dem Zeitpunkt bereits verloren. „Auch wegen ihm", sagt sie. Ihr Ex-Freund sei an ihrer Arbeitsstelle betrunken aufgetaucht. Auch geschlagen habe sie der Mann.



Wenn Ina Wölfl aus ihrem Leben erzählt, listet sie einen Tiefschlag nach dem anderen auf: Mit 17 wird sie ungewollt schwanger, sie heiratet, die Ehe endet mit dem Selbstmord ihres Mannes, der sich vor einen Zug wirft. „Das ist nicht schön, so eine Leiche zu identifizieren." Sie selbst überlebt eine Leukämie-Erkrankung. Das Kind wächst bei Wölfls Eltern auf. „Sie haben mir verboten, ihm zu sagen, dass ich seine Mutter bin." Zu ihrem Sohn und ihren Geschwistern hat die gelernte Bürokauffrau keinen Kontakt mehr. Die Eltern sind tot.



Mallorca den Rücken zuzukehren und zurück nach Deutschland zu gehen, kommt für sie nicht in Frage. Erstens wurde ihr Pass gestohlen, zweitens hat sie kein Geld für die Reise und drittens will sie nicht. „Das Klima bekommt mir. Ich habe Schuppenflechte, da tut die Salzluft gut."



So wie Ina Wölfl will auch Norbert Heidecker lieber auf Mallorca weiter als Obdachloser leben, als in Deutschland die im Vergleich zu Spanien bessere finanzielle Unterstützung für in Not geratene Menschen in Anspruch zu nehmen. Der 44 Jahre alte Deutsche lebt seit 2006 auf der Straße. Damals wurde er aus Palmas Gefängnis entlassen, wo er wegen Körperverletzung einsaß. „Meine Wohnung war in der Zwischenzeit geräumt worden. Und wenn ich ganz ehrlich bin, ich hab mich dann hängen lassen", erzählt Heidecker.



Schnell lernte er seine heutige Freundin kennen: Mila, eine Obdachlose aus Katalonien. Seitdem ziehen die beiden gemeinsam in Arenal umher, fragen in Hotelküchen nach übrig gebliebenem Essen, schlafen in einer provisorischen Behausung unter einer Brücke am Flughafen. Im Sommer war Heidecker nach Deutschland zurückgetrampt, lebte schon in einer Not-Unterkunft in Berlin, da trieben ihn Sehnsucht und Beschützer-Instinkt wieder nach Mallorca. Denn Mila war alleine zurückgeblieben. „Als Frau alleine auf der Straße, das ist nichts. Uns hat noch keiner etwas getan und ich habe keine Angst, aber sie schon."



Ina Wölfl will weiterhin die Tage auf der Plaça d´Espanya verbringen. Dort liest sie, gibt deutschen Touristen Auskunft, wenn sie nicht wissen, welchen Bus sie nehmen sollen. Manchmal bringt ihr ein Mitarbeiter eines Fast-Food-Restaurants Essen vorbei. Für den Winter braucht sie noch dringend wärmere Kleidung und eine Decke. Zum Schlafen legt sie sich jetzt neben einen Geldautomaten in der Nähe.

In der Druckausgabe lesen Sie außerdem:

Not auf Mallorca: Fernab von Hartz IV

Gespräch mit dem Gründer der Essensausgabe "Zaqueo"

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