Der ökologische Fußabdruck: Mallorca lebt auf großem Fuß

18.09.2008 | 02:00
Der Lebensstil der Insulaner erfordert theoretisch eine Fläche von 7,3 Hektar pro Person und Jahr.
Der Lebensstil der Insulaner erfordert theoretisch eine Fläche von 7,3 Hektar pro Person und Jahr.

Eigentlich wäre Mallorca das ideale Terrain für ein Öko-Experiment. Nirgendwo sonst als auf einer Insel lässt sich so genau nachvollziehen, was importiert und wieder abtransportiert wird - Lebensmittel, Konsumgüter und Baustoffe kommen an, Leergüter und Bauschrott verlassen Mallorca wieder.

Bei aller Schwierigkeit, verlässliche Zahlen zu finden, war es für Ivan Murray deswegen vergleichsweise einfach, Bilanz zu ziehen - eine Bilanz über die Nachhaltigkeit eines Archipels, der längst dem Untergang geweiht wäre, wenn er mit seiner eigenen Fläche die Rohstoffe erzeugen müsste, die hier verbraucht werden, und die Schadstoffe abbauen müsste, die hier anfallen. Und nur, wenn das theoretisch möglich wäre, dürfte Mallorca das Prädikat ýnachhaltig" tragen.

Das bereits vor mehr als zehn Jahren entwickelte Konzept zu den ökologischen Grenzen unseres Planeten heißt ýökologischer Fußabdruck". Murray ist Geograph an der Balearen-Universität UIB und hat vor acht Jahren als einer der ersten den huella ecológica auf die Balearen angewendet. Inzwischen arbeitet er an seiner Doktorarbeit zu dem Thema und hat alle verfügbaren Daten gesammelt, die Auskunft über den ökologischen Fußabdruck der Balearen geben.

Dieser ýFußabdruck" ist definiert als die Fläche, die notwendig ist, um Lebensstil und Lebensstandard eines Menschen dauerhaft zu ermöglichen. Darin eingerechnet sind genauso Flächen, die erforderlich sind, um Kleidung, Nahrung oder Energie zu erzeugen, wie auch Flächen, um den erzeugten Müll wieder abzubauen und das durch die Aktivitäten des Menschen freigesetzte Kohlendioxid zu binden. Es geht also nicht um ein bisschen Recycling hier und Baumwolltüten dort, sondern um einen globalen Ansatz zur Nachhaltigkeit.

Die Balearen schneiden bei dieser Rechnung schlecht ab. So benötigt jeder Bewohner der Inseln 7,3 Hektar pro Jahr, um seinen Lebensstandard zu halten. Das ist ein Vielfaches von dem, was der Archipel an Oberfläche zu bieten hat. Wären die Balearen auf sich allein gestellt, brauchten sie deswegen das 15,7- bis 17,7-Fache der tatsächlich vorhandenen Oberfläche, um den Lebensstil der inzwischen rund eine Million Einwohner zu halten.

Weltweit benötigt jeder Mensch durchschnittlich 2,2 Hektar - zur Verfügung stehen jedoch nur 1,8 Hektar - eine deutliche Überbeanspruchung der Biokapazitäten. Die Inanspruchnahme der Fläche ist jedoch sehr unterschiedlich verteilt, zwischen den USA (9,6 Hektar pro Person und Jahr) oder etwa Afrika (1,1 Hektar).

Wenn die Balea-ren deutlich schlechter als Gesamtspanien abschneiden, liegt das an mehreren Faktoren. So hängt Mallorca weitgehend von fossilen Brennstoffen ab, von den Wärmekraftwerken Es Murterar (Alcúdia) sowie Son Reus und Es Tresorer (Palma). Kohle aus Afrika, Öl vom Persischen Golf, aus den Tropen importiertes Holz - alles findet Eingang in die Öko-Bilanz.

Diese Öko-Bilanz vermiesen zudem die sonst so geschätzten Touristen. ýJeder Urlauber kommt - abgesehen von seinem Gepäck - mit einem Rucksack von 50 Kilo Treibstoff hier an", sagt Murray. Der intensive Flugverkehr schlägt mit seinen Kohlendioxid-Emissionen zu Buche. Die für die Balearen-Wirtschaft so wichtigen zwölf Millionen Touristen pro Jahr hinterlassen so ihren eigenen ökologischen Fußabdruck, den der Geograph mit 0,19 Hektar pro Person und Aufenthalt errechnet hat.

Tourismus heißt nämlich auch: höherer Wasserverbrauch, mehr Konsum, höheres Müllaufkommen - Werte, die in der Öko-Bilanz auf die Einwohnerzahl der Balearen umgerechnet werden. Murray kam beispielsweise über die Importzahlen bei alkoholischen Getränken ins Staunen: 216 Liter pro Balearen-Bewohner und Jahr, von denen allerdings ein beträchtlicher Teil in den Kehlen der Urlauber verschwindet.

Es ist keine Detailversessenheit, wenn Murray für seine Bilanz auch berücksichtigt hat, wie viel CO2 bei der Produktion des Alkohols entsteht. Denn obwohl in der Klima-Debatte beständig vom Heizen, Fahren und Fliegen die Rede ist, entstehen geschätzte zwei Fünftel der weltweiten Emissionen durch Ernährung und Verbrauchsgüter.

Ein weiteres Problem Mallorcas ist nach Ansicht des Wissenschaftlers die Zersiedelung: Auf Mallorca liege die Bebauungsdichte deutlich höher als auf dem spanischen Festland, gleichzeitig wird weniger Fläche landwirtschaftlich genutzt. Nur noch ein geringer Teil der auf den Inseln konsumierten Lebensmittel wird auch hier angebaut. Palmas Hafen ist am Limit seiner Kapazitäten - bei jedem Produkt im Supermarktregal auf Mallorca fallen nicht nur die bei der Herstellung, sondern auch die beim Transport angefallenen Emissionen erheblich ins Gewicht.

Umweltschützer fordern deswegen die Hinwendung zu lokalen Produkten. Muss Wasser aus den Pyrenäen importiert werden, statt es hier direkt auf Mallorca abzufüllen? Und warum Kartoffeln und Orangen vom Festland auf die Insel schaffen, wenn sie auch hier bestens gedeihen? Ganz zu schweigen von weltreisenden Früchten aus Südamerika, Neuseeland und Australien.
Was logisch klingt, erweist sich in der Praxis als Milchmädchenrechnung. Zum einen ist der Anbau auf Mallorca zum Teil nicht ausreichend, zum Teil nicht rentabel. Zum anderen sind die Transportkosten nur einer von vielen Faktoren bei der Öko-Rechnung. Ein Beispiel: Wenn anderswo die Anbaubedingungen günstiger sind und weniger gedüngt oder bewässert werden muss, wenn der Rohstoff mit Ökostrom statt mit Kohleenergie wie auf Mallorca verarbeitet wird, kann der ökologische Fußabdruck importierter Produkte sogar kleiner ausfallen.

Aber wie soll das der Kunde wissen? Um umweltbewussten Konsumenten die Wahl zu erleichtern, wird deswegen derzeit in vielen Ländern an einem Gütesiegel gearbeitet. Es soll vermerken, wie viel Kohlendioxidemissionen ein Produkt von der Herstellung bis zur Entsorgung verursacht. Ein schwieriges Unterfangen: Das Rechnen dauert länger als erwartet, vor allem die CO2-Emissionen der Vorlieferanten sind oft nicht leicht zu ermitteln. Trotz aller Schwierigkeiten bei der Aussagefähigkeit und Vergleichbarkeit sind jedoch bereits die ersten Projekte gestartet- das Biosymbol ist schließlich auch ein nützliches Marketinginstrument.

Was also ist zu tun? Bei dem Ziel, den ökologischen Fußabdruck zu verkleinern, werden verschiedene Strategien diskutiert. Murray etwa fordert Info-Kampagnen für Verbraucher und eine Abkehr vom derzeitigen Konsum- und Wachstumsmodell. Auch die Wirtschaftskrise führe vor Augen, dass die fossilen Energieträger keine Basis für ein gesundes Wachstum seien.

Und wo der Appell an das ökologische Bewusstsein von Konsumenten und Unternehmen nicht ausreicht, sollen finanzielle Anreize weiterhelfen. Das wird derzeit beispielsweise im Bereich des Flugverkehrs auf EU-Ebene vorbereitet: Der bereits seit 2005 bestehende Emissionshandel für stationäre Anlagen soll auf die Flugzeuge ausgedehnt werden. Alle Airlines mit Firmensitz oder Flugziel in der EU sollen einen Anteil ihrer Abgase über den Handel mit Emissionsrechten kompensieren müssen.

Die Devise: Umweltschutz funktioniert nur, wenn er sich auch finanziell lohnt. Warum nicht die Regierung in Brasilien dafür bezahlen, dass sie den ökologisch wie wirtschaftlich wichtigen Regenwald nicht abholzen lässt? Im kleinen Maßstab gibt es Überlegungen in diese Richtung auch auf Mallorca: Die Landesregierung will beispielsweise Finca-Besitzer im Schutzgebiet des Tramuntana-Gebirges dafür bezahlen, dass sie die Landschaft pflegen.

Finanzielle Hilfen wollen jetzt zudem auch die Bürgermeister von weniger erschlossenen Gemeinden - sozusagen einen Ausgleich dafür, dass sie die Küste nicht verbauen. Gemeinsame Sache für dieses Ziel machen die Bürgermeister von Artà und Campos, Rafel Gili und Guillem Ginard (beide Unió Mallorquina). Ihr Argument: Artà und Campos seien im Gegensatz zu anderen Gemeinden touristisch nur wenig erschlossen, die Küste kaum besiedelt. Obwohl Touristen und Residenten von der ganzen Insel die Naturräume aufsuchten, profitierten die Gemeinden finanziell nicht davon und müssten darüber hinaus die Kosten für Müllentsorgung, Umweltschutz und Strandsicherheit tragen, wie Ginard sagt: ýEs wurde geschützt, aber nicht belohnt."

In der Printausgabe lesen Sie außerdem:
- Ein klimaneutrales Flugticket, bitte!
- So verbessern Sie Ihre persönliche CO2-Bilanz
- Startschuss fürs Ökohaus in Cas Concos

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