Vermisst in Spanien: Vier Prozent aller Fälle bleiben ungeklärt

07-02-2008  
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Jacqueline Tennant ist eine begeisterte Sportlerin.  Privat

Die ungeklärten Schicksale der fünf Jahre alten Mari Luz aus Huelva, des sieben Jahre alten Yeremi und der 14 Jahre alten Sara aus Gran Canaria bewegen Spanien. Die Kinder sind wie vom Erdboden verschluckt. Das meiste Aufsehen erregte Anfang Januar das Verschwinden der kleinen Mari Luz. Ihr Vater Juan José Cortés folgte dem Beispiel der Eltern des britischen Mädchens Madeleine, das im Mai 2007 in Portugal verschwunden war, und mobilisierte die Öffentlichkeit. Auch auf Mallorca sind überall Suchplakate mit dem Gesicht von Mari Luz zu sehen. 

Von Silke Droll

In Spanien werden nach Polizeiangaben pro Jahr etwa 14.000 Vermisstenanzeigen gestellt, Angehörigenverbände sprechen von durchschnittlich 17.000. Dabei werden vier Prozent der Fälle nach Angaben der Organisation von Angehörigen vermisster Personen (ADESEPA) nicht geklärt - so wie das der Britin Jacqueline Tennant, die im Oktober auf Mallorca verschwand.

Sie sei in der Nähe eines Berggipfels. Der Ausblick sei wunderschön, sagte die nach Atem ringende Jacqueline Tennant ihrem Chef am Telefon. Das sind die letzten bekannten Worte der 45 Jahre alten Britin. Die Schwimmlehrer­in war am 9. Oktober 2007 alleine zu einer Wanderung aufgebrochen und nicht zurückgekehrt. Die bisherige Suche nach der als zurückhaltend und schüchtern geltenden Frau verlief ergebnislos. Das Problem: Es gibt keine Anhaltspunkte. Die Frau aus dem südenglischen Reading, die seit April den Kindern unter den Gästen des Viva Blue Hotels in Can Picafort im Norden Mallorcas das Schwimmen beibrachte, hatte niemanden über ihre Pläne informiert. „Seitdem sie am 8. Oktober um drei Uhr nachmittags ihre Arbeitsstelle verlassen hatte, wurde sie von niemanden mehr gesehen", sagt ihre Schwester Monique. Daher ist nicht einmal bekannt, welche Kleidung die schlanke, athletisch gebaute, knapp 1,70 Meter große Frau trug.

Als ihr Chef sie am Handy darum bat, am nächsten Morgen etwas früher zur Arbeit zu kommen, fragte er nicht nach, in welcher Gegend sie unterwegs war. Doch Jacqueline kam nicht früher, nicht später, sie kam überhaupt nicht. Ihr Chef meldete seine Mitarbeiterin, die eigentlich vorhatte, zwei Tage später nach England zurückzukehren, als vermisst.

Am gleichen Tag, dem 10. Oktober 2007, wurde ihre Schwester Monique in London informiert. Deren Leben steht seitdem still. „Ich kann nicht weitermachen, solange ich nicht weiß, was passiert ist", sagt sie. Die 42-Jährige setzt alles daran, Jacqueline wiederzufinden. So oft sie kann, nimmt sich die selbstständige Friseurin frei und kommt für einige Tage auf die Insel, um selbst nach ihrer Schwester zu suchen. „Bis Weihnachten war ich jede Woche hier, jetzt versuche ich, zumindest jede zweite Woche hier zu sein", sagt sie. Zuletzt durchkämmte Monique vor rund zwei Wochen mit Freunden, freiwilligen Helfern, Beamten der Guardia Civil und Mitgliedern des Bürgerschutzes den Landstrich Sa Victòria an der Küste bei Alcúdia. Nach einem Aufruf im britischen Fernsehen hatte sich ein Ehepaar gemeldet, das im Oktober im Urlaub auf Mallorca war. Die beiden glauben, am 9. Oktober eine schwarze Frau in der Gegend gesehen zu haben. Doch dieser Hinweis brachte genauso wenig Licht ins Dunkel wie die Information des Mobilfunk-Anbieters Movistar, dass letzte Handysignale von Jacquelines Nummer beim Berg Escorca geortet worden seien. Monique gibt nicht auf. „Ich muss sie finden. Vielleicht haben sie ja Deutsche gesehen."

Leise Kritik an der Guardia Civil
Monique und Jacqueline sind die beiden jüngsten Schwestern einer großen Familie und haben ein enges Verhältnis zueinander. Monique und ihre 76 Jahre alte Mutter leben in England, drei weitere Schwestern in New York und eine Schwester und ein Bruder in Jamaika. Eine Schwester ist bereits verstorben. Am 15. Oktober wollten Jacqueline und Monique eigentlich gemeinsam nach Jamaika aufbrechen, um dort ihren krebskranken Vater zu besuchen, der am Silvesterabend starb. An der Arbeit der Guardia Civil übt Monique leise Kritik. Ihrer Meinung nach gehen die Beamten zu sehr von einem Unfall aus und verfolgen zu wenig andere mögliche Szenarien. „Vielleicht ist sie auch gekidnapped oder vergewaltigt worden, wer weiß."

Die Guardia Civil will zu dem Fall keine näheren Auskünfte geben. Die Ermittlungen dauerten an, heißt es schlicht bei der Pressestelle. In den ersten Tagen nach Jacquelines Verschwinden war auch die Bergrettung Mallorcas in die anfangs intensive Suche eingebunden. Die Spezialtruppe birgt nach eigenen Angaben rund 150 verunglückte Wanderer im Jahr. „Aber normalerweise weiß man, wo man suchen muss, und in 99,9 Prozent der Fälle werden die verirrten Ausflügler gefunden", sagt Juan Cifuentes.

Wie viele Menschen in Spanien dauerhaft vermisst sind, ist nicht genau zu sagen. Ein zentrales Register dafür gibt es laut der Angehörigen-Vereinigung ADESEPA nicht. Präsident Salvador Domínguez Montero kritisiert, dass die spanische Polizei bei länger vermissten Personen nach der ersten intensiven Suche oft kaum mehr aktiv werde. Es gebe keine Kontinuität, und die Angehörigen würden mit dem ungeklärten Verlust alleine gelassen.

Der Fall Jacqueline Tennant scheint ganz in diese Richtung zu gehen. Sie wäre nicht die Erste, die auf der Insel Mallorca verschwand - ohne dass die Hintergründe erhellt worden sind. Bereits seit sechs Jahren ist die Lehrerin Ana Eva Guasch vermisst. Die junge Frau war mit Freunden ausgegangen und nach dem Abend nicht mehr nach Hause zurückgekehrt.

In der Druckausgabe lesen Sie außerdem:
Fall Margalida Bestard: Suche geht weiter
Interview mit Journalist Peter Jamin
23 Deutsche mit "Mallorca-Bezug" vermisst

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