Auf der Jagd nach den letzten ihrer Art

15.08.2008 | 09:15
Die Zeiten, dass auf Mallorca große Thunfische an Land gezogen wurden, sind vorbei.
Die Zeiten, dass auf Mallorca große Thunfische an Land gezogen wurden, sind vorbei.

Es ist nicht der Kampf Tier gegen Mensch, sondern Tier gegen Maschine. Propellerflugzeuge überfliegen das Meer südlich Mallorcas und spähen Thunfisch-Schwärme dicht unter der Wasseroberfläche aus. Daraufhin starten Schnellboote und bringen bis zu zwei Kilometer lange Netze aus - Ringwadennetze, die den gesamten Schwarm umfassen und an der unteren Seite zugezogen werden wie ein Geldbeutel. Die Schlepper ziehen ab und lassen ein leeres Meer zurück.

Von Frank Feldmeier

Die Situation ist so bedrohlich geworden, dass der Rote Thun endgültig auszusterben droht. ?Es fehlt nicht mehr viel", sagt Xavier Pastor, Leiter der Meeresschutz-Organisation Oceana in Spanien. In den vergangenen sieben Jahren sei der Bestand des Roten Thun in den balearischen Gewässern - mit der wichtigste Lebensraum weltweit - um fast 85 Prozent zurückgegangen. ?Wenn die Entwicklung zwei, drei Jahre so weitergeht, wird der Thunfisch kommerziell und ökologisch am Ende sein."


Dem Roten Thun den Garaus macht eine Kombination aus ohnehin großzügigen Fangquoten, aggressiver Lobby­arbeit der Fischerei-­Industrie sowie die anhaltend hohe Nachfrage kaufkräftiger Gourmets vor allem in Japan. Das Balearen-Parlament hat ein Fangverbot gefordert, zuständig sind aber Madrid und Brüssel. Ein Wettrennen, das der Rote Thun kaum noch gewinnen kann.


Adiós Hemingway

Die Jagd auf die Letzten ihrer Art konzentriert sich auf das Meer rund um Mallorca. Hierher kommen die Thunfische alljährlich in den Sommermonaten, um sich fortzupflanzen - neben dem Golf von Mexiko das weltweit wichtigste Laichgebiet. Immer um diese Zeit des Jahres, im April, ziehen die Schwärme wegen der speziellen Strömungsverhältnisse vom Atlantik durch die Meer­enge von Gibraltar ins Mittelmeer.


Mallorcas Fischer freilich haben schon lange keinen Roten Thun mehr zu Gesicht bekommen. Am Zug sind Kutter aus Häfen an der französischen und spanischen Festlandküste, auch Italiener. Sie tanken in den Balearen-Häfen auf und ziehen nach Ende der Saison wieder ab. In die Netze der Insel-­Fischer verirren sich keine Exemplare mehr, der ?König der Meere" wurde von ihnen längst abgeschrieben.


Gefangen wurde er in einer Zeit, als der Fischer noch dem alten Mann auf dem Meer à la Ernest Hemingway glich - und nicht wie jetzt einem Hightech-Seemann mit armeeähnlichem Waffenarsenal. Eine Methode war die almadraba, eine Reuse, in der sich einzelne Exem-plare verirrten. Die Falle schnappte zu, der atún rojo wurde geschlachtet. ?Das sieht sehr brutal aus, ist aber letztendlich die verträglichste Form des Fangs", sagt Pastor und verbessert sich gleich: ?war die verträglichste Form." Gefangen worden seien nur einzelne Exemplare, die in Küstennähe schwammen. Leichtgewichte von weniger als 70 Kilo schlüpften durch die weiten Maschen. Eine andere traditionelle Methode: Die Fischer machten sich mit dem Kutter auf die Suche. Wurde die Beute gesichtet, warfen die Seeleute eine Harpune nach ihr aus. Auch das war noch nachhaltig.


Doch dann kamen ab den 70er und 80er Jahren Langleinen zum Einsatz. Auf einer Länge von bis zu hundert Kilometern sind an ihnen Zehntausende Haken befestigt. Die Dezimierung im großen Stil begann dann mit den Ringwadennetzen, in die sich ganze Schwärme verfangen können.


Weil viele der so gefangenen Thunfische zu klein für den Markt sind, werden sie in immer größerem Maßstab aufgepäppelt. Taucher leiten die Fische in Großkäfige, um sie zu küstennahen Mastfarmen zu ziehen. Von ihnen gibt es rund 20 an der spanischen Festlandküste - auf Mallorca wurden entsprechende Anträge abgelehnt. Die Zuchtstationen vertrügen sich nicht mit dem touristischen Angebot, der Platz sei zudem knapp, so die Begründung. In den Mastfarmen bleiben die Fische einige Monate, bis sie ausreichend gewachsen sind.


Alle diese Techniken sind bislang legal, mit Ausnahme der Flugzeuge, die zur Ortung der Fischschwärme eingesetzt werden. Diese Methode wurde vor zwei Jahren verboten. Wie viel Thunfisch pro Jahr guten Gewissens aus dem Meer gefischt werden darf, entscheidet die Internationale Kommission zum Schutz des Atlantischen Thunfisches (ICCAT). Sie war vor knapp 40 Jahren als Tochter der Uno ins Leben gerufen worden und vertritt 41 Mitglieder. Die Quote für das vergangene Jahr - 29.500 Tonnen - war für Umweltschützer schon eine Zumutung. Gefischt wurden schließlich laut Schätzungen mehr als 50.000 Tonnen.


Balearen fordern Fangverbot

Die Balearen sehen sich als Opfer der Jagd auf den Roten Thun. Das Parlament in Palma hat deswegen im März einstimmig eine Resolution verabschiedet, die sich an die Zentralregierung in Madrid wendet. Die Forderung: ein striktes Fangverbot im Gebiet südlich von Formentera, in dem sich der atún rojo fortpflanzt. Bis auf traditionelle Fangmethoden sollte die Jagd auf die bedrohte Art untersagt werden. Es würden immer kleinere Exemplare gefangen, sagt Patricia Arbona, zuständige Abteilungsleiterin im balearischen Landwirtschafts- und Fischereiministerium. Die Tiere brächten statt 220 nur noch 145 Kilo auf die Waage. Und so ist die Spezies nicht nur stark reduziert, sondern vermehrt sich auch nur noch sehr langsam.


Auch der spanische Senat hat sich für den Roten Thun starkgemacht - politisch zu melden hat er allerdings nur wenig. Die Zuständigkeit für die spanischen Hoheitsgewässer liegt im Madrider Fischereiministerium. Dass es die Forderungen erfüllt, damit rechnen die Umweltschützer nicht. Die Lobby der Fischereiflotten habe sich bislang durchgesetzt, in der Regel werde keine Entscheidung getroffen, die sich gegen die Unternehmen richte. Zudem fürchte man im Ministerium einen nationalen Alleingang, der Frankreichs Fischer und deren Regierung verärgern würde. Bleibt die Hoffnung auf die EU: Sie verschärfte 2007 in einer neuen Verordnung die Regeln für den Fang, blieb aber hinter den Forderungen der Umweltschützer zurück.


Die derzeitige Kapazität der Flotte übersteige die Fangquoten um das Doppelte, kritisiert die Naturschutzorganisation WWF. In einem Bericht zählt sie 617 Schiffe auf Thunfisch-Jagd im Mittelmeer. Mindestens 110 von ihnen müssten stillgelegt werden, so die Organisation. Solange die Überkapazitäten nicht abgebaut sind, fordert der WWF einen Fangstopp und ruft Händler, Köche wie Konsumenten zu einem Boykott des ­Roten Thuns auf.


Hauptschuldiger am Verschwinden des atún rojo aber ist laut den Umweltschützern Japan und seine auch international immer weiter um sich greifenden Essgepflogenheiten. Japanische Händler prüften schon in den spanischen Häfen die Qualität des Thuns, sagt Pastor von Oceana - innerhalb von 24 Stunden sei der Fang bereits in Tokio. Dort landen jährlich geschätzte 28.000 Tonnen, die eigenen Küsten sind längst leergefischt.


Und so wird der Kampf um den Erhalt der Spezies womöglich nichts nützen. Es ist abzusehen, dass der Rote Thun endgültig aussterben wird. Schließlich gilt sein Fang als weltweit profitabelster Zweig der Fischindustrie. Der atún rojo droht zum Opfer der Globalisierung zu werden. ?Die romantische Idee, dass die Fischer das größte Interesse daran haben, dass der Thunfisch nicht ausstirbt, gilt nicht mehr", sagt Pastor von Oceana. Die Investoren zögen weiter, wenn die letzten Bestände gefischt und verkauft wären. ?Heute wird an der Börse in den Fischfang investiert, morgen vielleicht in Windgeneratoren oder in die Möbelindustrie."


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