Miquel Barceló: Besessen, genial, zornig und weltberühmt

19-11-2008  

THOMAS FITZNER Eines Tages fegte ein Wüstensturm durch Miquel Barcelós Haus im afrikanischen Mali und bedeckte alle Gemälde, die der Künstler in Arbeit hatte, mit Sand. Barceló war fasziniert statt deprimiert: eine neue Textur, ein neuer Effekt, eine neue Dimension. Anhand dieses Erlebnisses begann sich der Mallorquiner für Kunst mit dem billigsten Rohstoff der Welt zu interessieren: Erde. Er studierte die Töpferei in Mali, arbeitete in Keramikateliers in Frankreich und Italien, und von dort führte die Reise zur Petruskapelle in der Kathedrale von Palma, zum Skulpturspektakel ?Paso doble", das in Avignon, in Palma, in New York Aufsehen erregte, und zur Kuppel des Saales XX im Genfer Uno-Palast.

Seit er die dritte Dimension erobert hat, ist Miquel Barceló endgültig selbst zum internationalen Star geworden - gemessen am Marktwert, an offiziellen Ehrungen, auch an Publikumswirkung. Im Jahr 2001 schlug ein Barceló- Gemälde bei einer Versteigerung alle Rekorde für das Werk eines lebenden spanischen Künstlers: 1,1 Millionen Euro. Im Jahr 2003 erhielt Barceló den Prinz-von- Asturien-Preis für Kunst, wobei er Superstars wie Bono, Paul McCartney, Pedro Almodóvar und Philippe Starck hinter sich ließ. Barceló ist Ehrendoktor der Balearen-Universität, und als seine Kunst erstmals nach zwei Jahrzehnten wieder auf seinen Heimatinseln zu sehen war, geriet die Eröffnung zum Tumult und die Ausstellung zum Publikumshit: 140.000 Besucher.

Was macht das Phänomen Barceló aus? Eine Erklärung liefert das erwähnte Rekordbild, ein großformatiges Gemälde namens ?Kulu Be Ba Kan". Barceló malte es anhand von Skizzen, die er bei einer 1.500 Kilometer langen Kanureise auf dem Niger-Fluss gezeichnet hatte. Eine klassische Entstehungsgeschichte, die Tiefe und Radikalität suggeriert. Der Mallorquiner galt als ?junger Wilder", und das ist er - obwohl 51 Jahre alt und längst ?arriviert" - im Grunde noch immer: spontan, kompromisslos, mit klarem Instinkt, extrem in der Anforderung an sich selbst und oft maßlos in der Dimensionierung. Seine Malerei, obwohl gegenständlich und einer barocken Tradition verpflichtet, hat etwas Urtümliches an sich, die den Betrachter in seinem Innersten anrührt.

Die Biografie spiegelt es wider. Barceló entfloh der Enge seiner Heimat früh, er unterhält zwar bei Artà einen Wohnsitz, aber eben auch ein riesiges Atelier in Paris sowie eines in Mali. Afrika ist Teil seiner Identität, seine ersten Reisen durch den Kontinent in den 80er Jahren veränderten ihn. Von den Eingeborenen lernte er eine andere Art, die Wirklichkeit wahrzunehmen. Und obwohl Afrika ihn dermaßen durchdrungen hat, dass er 2007 von der Biennale in Venedig eingeladen wurde, an einer Ausstellung ?afrikanischer Künstler" mitzuwirken, versteht er sich als Mallorquiner.

Als solcher drischt er gnadenlos auf seine Landsleute ein, Doktorhut hin, Petruskapelle her. Barceló ist für seine harten Worte bekannt, die er sich im Bedarfsfall auch ausleiht. Bei einem Vortrag am Tag vor der Entgegennahme des Prinz-von- Asturien-Preises wetterte er gegen die Misshandlung jener mediterranen Landschaft, mit der Kritiker ihn als Maler in Verbindung bringen, und grub ein Zitat Joan Mirós aus, das verständlicherweise wenig kolportiert wird: ?Die Mallorquiner sind blöd." So wie sie mit ihrer Insel umgingen, fügt Barceló an, scheine es, als ob die Insulaner alles daran setzten, den Beweis anzutreten.

Trotz seiner Giftpfeile hofieren ihn die Mächtigen und tragen ihm millionenteure Projekte an, von denen andere nur träumen können. Auch das ein Phänomen, aber Barceló hat sich nie verbiegen lassen, er war schon ein Querkopf, bevor er das Aushängeschild der spanischen Gegenwartskunst wurde. 1977 nahm er an der Besetzung der Insel Dragonera durch Naturschützer teil, Geburtsstunde einer kämpferischen und selbstbewussten Umweltbewegung. Auch später gab er sich widerborstig, verweigerte dem Casal Solleric im Jahr 2001 eine Skulptur für eine Kollektivschau, weil er mit der Politik des Hauses nicht einverstanden war. Im selben Jahr verfügte er die Zerstörung eines Freskos im alternativen Kulturzentrum Es Gurugú in Felanitx, als die Gemeinde die Künstler rauswarf, um eine neue Bibliothek einzurichten.

Barceló ist spontan und stur, auch im Atelier. Seine Art zu malen ist eine Art Kampf, ein physisches Berserkern, eine direkte und handgreifliche Auseinandersetzung mit Materie und Thema. Seine Besessenheit ist Legende, ?jeder Tag, an dem ich malen will und nicht kann, ist eine Tragödie", und besonders gut malt er, wenn er eigentlich andere Verpflichtungen hätte. Früher vernichtete er Werke, die ihm nicht gefielen, später kam er zu dem Schluss, dass gerade die zerstörten Bilder seine besten waren.

Bewunderern macht er es zuweilen schwer. Als ihm jemand zu seiner Skulptur ?Mobili" gratulierte (einem Totenschädel auf vier Rädern), weil sie ein ?Symbol für mordende Geschwindigkeit" sei, erwiderte er: ?Symbole sind mir egal. Ich habe keine Botschaft."

Wenn Barceló etwas sagen will, sagt er es mit harten, klaren Worten.

In der Printausgabe lesen Sie außerdem:

Die neue Kuppelim Palast der Vereinten Nationen: ?Größer als eine Stierkampfarena!"



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