Glauben in Spanien: Lieber Jungfrau Maria als Heiliger Vater

20-03-2008  
Bei den Prozessionen ist kein Glaubensschwund festzustellen - Andalusische Frauen schultern eine Madonna.
Bei den Prozessionen ist kein Glaubensschwund festzustellen - Andalusische Frauen schultern eine Madonna.  Diego Fotógrafos

Der Volksglauben boomt: Jahr für Jahr machen sich hunderttausende Pilger auf den Weg, nach Santiago de Compostela oder zur Verehrung der Virgen del Rocío in Andalusien. Bei den Semana-Santa-­Prozessionen sind die Straßen voller Menschen. In Madrid demonstrierten in den vergangenen Monaten wiederholt Katholiken für den Erhalt der traditionellen Familie. Ist in Spanien katholisch zu sein wieder „in"?

Von P. Stamm und T. Gebhardt



Es war nie richtig „out". Zumindest seit Isabella die Katholische 1492 die Juden des Landes verwies. Im Lauf des 16. Jahrhunderts wurden die Moslems, die fast 800 Jahre lang vorgeherrscht hatten, zur Taufe gezwungen oder ebenfalls vertrieben. Der Arm der Inquisition reichte so weit, dass „Dissidenten", die mit dem calvinistischen Genf korrespondierten, hingerichtet wurden. Eine Reformation wie in Mittel­europa fand nicht statt.



Auf die Spitze getrieben hat den Katholizismus Franco (1936 bis 1975), als

er mitten im 20. Jahrhundert das römische Dogma zur Staatsideologie erhob. Damit sorgte er unfreiwillig dafür, dass sich immer mehr Spanier vehement von der Kirche abwandten. Nach Meinung von 44,3 Prozent der Bürger hat die katholische Kirche heute „zu viel" oder sogar „viel zu viel" Macht in Spanien.



Zwar sind 94 Prozent der Spanier römisch-katholisch getauft, doch nur ein Fünftel von ihnen geht jeden Sonntag zur Kirche. Mehr als die Hälfte der Spanier beurteilt ihr Land als „wenig religiös". Und zwei Drittel sind sich sicher, dass die Religion an Einfluss in der Gesellschaft verlieren wird.



Genauer betrachtet, ist es in erster Linie die Kurie, welche an Überzeugungskraft einbüßt. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 15 bis 24 Jahren ist die katholische Kirche sogar die spanische Institution mit der geringsten Glaubwürdigkeit. „Vor allem lehnen sie die Sexualmoral der Kirche ab", sagt Pedro González Blasco, der für die Stiftung „Heilige Maria" mehrere Studien zur Religiosität von spanischen Jugendlichen erstellt hat. „Aber immerhin 60 Prozent der Jugendlichen geben an zu beten."



Obwohl ihr Gesprächspartner dann doch Jesus ist, verblasst das von der Kirche vorgegebene Gottesbild. „Die jungen Leute glauben irgendwie an ein Leben nach dem Tod", so González. „Aber es handelt sich dabei eher um eine diffuse Sehnsucht nach Unendlichkeit."

Maria wird am meisten bejubelt

Im Gegensatz dazu steht der gelebte Volksglaube. Bei den Prozessionen bejubeln junge wie ältere Spanier auf äußerst sinnliche Weise ihre Heiligen - allen voran Maria. Dabei hat beinahe jeder Ort seine eigene Art, die Jungfrau zu verehren - je nach Erscheinungsort oder Wunderheilungslegende. „Das stiftet Identität", erklärt die Volkskundlerin Amparo Moreno. „Der Kult schafft ein Gemeinschaftsgefühl." Den Teilnehmern gehe es nur in zweiter Linie um den religiösen Kern, bestätigt Jugendforscher González. Die offizielle Kirche kann da oft nicht anders, als einfach mit dem Volk mitzuziehen.



Trotz der Vorbehalte gegenüber der Kurie nehmen die Spanier die Kirche aber in Anspruch: Die meisten Verheirateten sind kirchlich getraut, lediglich sieben Prozent nur standesamtlich. Auch hier ist die Tendenz jedoch rückläufig: Nur 63,7 Prozent der Noch-Unverheirateten wollen vor den Altar treten.



Eine starke Laienbewegung, wie etwa in Deutschland und Österreich, gibt es nicht. Die „Kirche von unten" hat sich eben erst aus vielen kleinen Basisgruppen neu vernetzt. „Wir treten für eine Demokratisierung der katholischen Kirche ein", sagt Raquel Mallavibarreno, Sprecherin von „Somos Iglesia". Dass sie als kritische Bewegung kaum wahrgenommen werden, liege am ungleichen Kräftespiel: „Die Medien suchen lieber offizielle Gesprächspartner wie Bischöfe und Theologen, und da haben wir keine Verbündeten mehr." So hat die Bewegung, die im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) entstand, Nachwuchssorgen. Die Jugend glaubt wohl nicht an eine Reform der Institution.

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