Menschen zweiter Klasse - Immigration in Spanien

24-12-2008  
"Fünf Euro": Viel mehr Kontakt als das Feilschen um die Kopfbedeckung gibt es zwischen Deutschen und Schwarzafrikanern auf Mallorca nicht.  Foto: Khe

KARL-HEINZ EIFERLE In den USA ist mit Barack Obama erstmals ein Schwarzer zum US-Präsidenten gewählt worden. Die Rassenschranken würden überwunden, heißt es. Doch gilt das auch für Europa? Und: Wie sieht es auf der Insel aus?

Wer Philip Obiora an diesem regnerischen Dienstagvormittag vor seiner Kirche sieht, wird kaum auf die Idee kommen, dass es sich bei dem kräftigen Mann aus Nigeria um einen Pfarrer handelt. Zumal auch die Kirche nicht so aussieht, wie sich die meisten Europäer ein Gotteshaus vorstellen. Immer wieder greift der 52-Jährige in den Kofferraum eines betagten Geländewagens und holt mit Sand gefüllte Säcke heraus, für den Mörtel, um den Innenausbau des Gemeindehauses voranzutreiben.

Iglesia Cristiana Bíblica und Christian Bible Church steht auf Spanisch und Englisch über dem Haupteingang des unscheinbaren Gebäudes in der Carrer Sant Rafael, 70, am Rande von Palmas Immigranten- und Gitanoviertel Son Gotleu. Obiora spricht beide Sprachen, und, so scheint es, am liebsten gleichzeitig. In dem über 300 Quadratmeter großen Hauptsaal der Kirche regnet es durch die kleinen Dachfenster hindurch, und die Tropfen sammeln sich auf den Sitzplätzen der grünen Plastikstühle, die bei den allsonntäglichen Gottesdiensten mal mehr und mal weniger besetzt sind. Girlanden sind unter den blanken Glühbirnen gespannt, und den auf einer leicht erhöhten Betonplattform installierten Altar zieren diverse Töpfe mit Plastikblumen. Links hinten türmt sich der Bauschutt auf.

Wenn Obiora nicht gerade mit dem Ausbau der Kirche beschäftigt ist, predigt er das Wort Gottes. Und wer sich daran halte, so der Pfarrer, komme überall in der Welt zurecht.

Aber allein von Gottes Wort wird man nicht satt, das weiß natürlich auch der Pfarrer aus Schwarzafrika.

"Nigeria ist im Prinzip ein reiches Land und verfügt neben Öl auch über andere begehrte Bodenschätze", sagt Obiora in schwer verständlichem Spanglish. Aber der Reichtum sei schlecht verteilt. Wenige Menschen in seiner ehemaligen Heimat hätten sehr viel Geld, und die große Mehrheit nur sehr wenig zum Leben. "Sonst würde ja auch niemand nach Europa auswandern."

Obiora lebt mit seiner Frau und seinen sechs Kindern seit zehn Jahren auf Mallorca. "Am Anfang war es schwer für mich, die Einheimischen waren Ausländern gegenüber sehr reserviert. Es war fast nicht möglich, Arbeit zu bekommen oder eine Wohnung zu mieten." Das habe sich dann gebessert, zahlreiche Landsmänner hätten sogar Wohneigentum erworben, nur jetzt, in letzter Zeit, sei es wieder schwieriger geworden.

Mit dem Einbruch der Baubranche sei es fast unmöglich, irgendwo unterzukommen. Viele hätten keine Aufenthalts- und Arbeitspapiere. Und denen, die bis vor einiger Zeit noch materiell gut gestellt gewesen seien, graben nun die hohen Hypotheken das Wasser ab. Auch seine Gemeinde wisse immer weniger, wie sie jeden Monat 4.000 Euro für die Hypothek des Gotteshauses aufbringen solle. Und dennoch: Von Rassismus mag der Pfarrer nicht sprechen. "Man kann einfach nicht davon ausgehen, dass jeder jeden mag", sagt er.

Auch Abdulaye Konate ist wortgewandt, wenn es darum geht, Interessierte über das kleine Einmaleins der Immigrationsproblematik zu informieren. Der Moslem aus dem Senegal ist allerdings mehr den weltlichen Dingen zugetan. Kaum einer auf der Insel kennt die Probleme seiner Landsleute besser als Konate. Vor 16 Jahren kam er nach Spanien. Zwölf Jahre leitete er ehrenamtlich als Präsident die Vereinigung der Immigranten aus dem Senegal (YAPO). Erst Ende dieses Sommers ist er aus persönlichen Gründen zurückgetreten. Viele Sorgen und Nöte hat der 45-jährige Vater von zwei Kindern selbst durchlebt. Vor allem in seinen ersten Immigranten-Jahren.

Heute sieht man Konate das nicht mehr an. Er trägt eine lange, elegante Jacke, die ihn vor den winterlichen Mallorca-Temperaturen schützt, und farblich passende Hosen dazu. Der großgewachsene Schwarze hat sich wirtschaftlich etabliert und weitestgehend in die spanische Gesellschaft integriert. Momentan betreibt er einen 12,5 Quadratmeter großen Stand auf dem Weihnachtsmarkt auf Palmas Plaça Major. Einer seiner ebenfalls schwarzen Angestellten verkauft dort Lichtergirlanden, Weihnachtsmänner und anderen Schnickschnack für die Festtagsdekoration. Nach jedem Verkauf bringt der Mann seinem Chef das Geld und bittet um Wechselgeld. Kontrolle, so scheint es, hat bei den Händlern aus Schwarzafrika einen höheren Stellenwert als Vertrauen. In den übrigen Monaten ist Konate auf Wochenmärkten präsent, wo er Kunsthandwerk aus Afrika feilbietet und feilbieten lässt.

"Das lief lange Zeit sehr gut." Vor allem deutsche Kunden hätten ihm viel abgekauft. Inzwischen sei der Markt aber gesättigt, und Konate will sich nach einer anderen Tätigkeit umsehen. "Weihnachtsartikel laufen immer, aber vermutlich steht in jedem deutschen Wohnzimmer bereits ein Holzelefant."

Konate weiß, dass es den meisten Immigranten deutlich schlechter geht als ihm. Ob sie aus dem Senegal oder anderen schwarzafrikanischen Staaten kommen, spiele dabei keine Rolle. Viele von ihnen leben illegal auf der Insel und müssen sich mit dem ambulanten Verkauf von Raubkopien und Markenartikelfälschungen durchs Leben schlagen, oder auch ohne Sozialversicherung auf den Feldern und Baustellen Mallorcas arbeiten. "Schwarz­arbeit ist zwar momentan wegen der Krise in der Baubranche nicht einfach zu finden. Aber ansonsten gibt es immer Unternehmer, die für Niedrigstlöhne illegal Arbeitskräfte unter sklavenähnlichen Bedingungen beschäftigen."

Wer nicht von seinem Boss ausgebeutet wird, hat Angst vor der Polizei. Der ambulante Handel ist ohne Genehmigung verboten. Selbst wenn legale Produkte verkauft werden. "Wer erwischt wird, muss im schlimmsten Fall mit der Abschiebung rechnen." Da wundere es nicht, dass sich keiner der Ertappten darüber beschwere, dass sich manche Polizisten an ihnen bereicherten und ihnen ohne Quittung alle Waren konfiszierten. "Die fliegenden Händler werden garantiert keine Anzeige erstatten."

Aber ein richtiges Druckmittel haben die Behörden letztlich nicht. "All diejenigen, die tage- und wochenlang in den kleinen Booten auf dem Atlantik oder dem Mittelmeer dem Tod ins Auge geblickt haben, lassen sich von Ausweisungsdrohungen nicht wirklich beeindrucken", sagt Konate. Sie würden früher oder später wieder die gefährliche Reise ins gelobte Land antreten.

Konate selbst lebte lange Zeit ohne Papiere im Land und schlug sich "illegal" durchs Leben. Damals sei aber alles noch deutlich einfacher gewesen als heute. "Früher konnte man mit einem Touristenvisum einreisen und einfach nicht mehr ausreisen." Heute sei das nicht mehr so einfach. "Deswegen versuchen ja so viele, über das Meer nach Spanien zu kommen."

Wer erwischt und nicht unverzüglich wieder abgeschoben werde, könne in der Regel eine Kontaktadresse vorweisen, bei der er vorerst bleiben kann. In diesem Fall werde der Betroffene von den Behörden registriert, die von ihm angegebene Telefonnummer eines Bekannten oder Verwandten angerufen und nachgefragt, ob der Betreffende tatsächlich dort aufgenommen wird. Damit sei der Fall erst einmal abgeschlossen. Es werde nicht nachgeprüft, ob die Adresse vorgetäuscht sei. Der Immigrant werde wieder auf freien Fuß gesetzt und bekomme, für den Fall, dass die Zieladresse auf Mallorca ist, ein ganz offizielles Fährticket, mit dem er ohne Probleme auf die Insel fahren kann.

Dort bliebe er dann ein paar Tage tatsächlich bei den falschen Verwandten, um sich dann alleine durchs Leben zu schlagen. Damit beginne der Überlebenskampf. Denn wer nicht mindestens drei Jahre lang in Spanien lebe, so Konate, habe keine Chance, reguläre Aufenthalts- und Arbeitspapiere zu bekommen. "Und drei Jahre in der Illegalität sind eine lange Zeit."

Langsam, berichtet Konate, werden die mit der Illegalität verbundenen Schwierigkeiten auch von den politischen Entscheidungsträgern wahrgenommen. So zeigten die Sozialbeauftragten von Palma und auch die der Balearen-­Regierung neuerdings mehr Engagement und böten Programme für Immigranten an. Darunter Fortbildungs- und Spracherwerbskurse.

Palma bemühe sich auch, die mitunter prekäre Wohnsituation der Einwanderer zu verbessern, in dem Mietbürgschaften übernommen werden. Aber es gebe noch immer zahlreiche Fälle, in denen Hausbesitzer Wohnungen, die eigentlich nur für vier Menschen Platz bieten, an 20 und mehr Immigranten vermieten, weil sie wissen, dass dies für viele die einzige Möglichkeit ist, überhaupt ein Bett zu bekommen. Auch wenn dieses geteilt werden muss.

Dabei könne all dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass die spanische Gesellschaft noch große Berührungsängste im Umgang mit Schwarzafrikanern hat. Rassismus sei alltäglich, wenngleich sich dieser meist nicht durch physische Gewaltanwendungen zeige. "Man behandelt uns oft wie Menschen zweiter Klasse." Ihn persönlich weniger, weil er gut Spanisch spreche und oft für einen Exilkubaner gehalten werde. Aber auch er sei, wie wohl jeder Schwarze auf Mallorca, schon oft von oben herab behandelt worden.

"Einmal, um ein besonders krasses Beispiel zu nennen, suchte eine Schwarze im Bus in ihrer Handtasche nach ihrem Fahrschein. Sie fand ihn nicht. Der Busfahrer fuhr sie an: ?Wenn du nicht sofort wieder aussteigst, werde ich dafür sorgen, dass du wieder in die Nussschale gesteckt wirst, mit der du gekommen bist.´ Und das vor den Augen ihres kleinen Sohnes."

Dabei verschließt Konate seine Augen nicht vor der Mitverantwortung einiger seiner Landsleute. "Mallorca ist nicht Afrika, das fällt leider einigen schwer zu ­kapieren. Hier herrschen andere ­Gepflogenheiten und Gesetze, von den kulturellen und auch religiösen Unterschieden ganz zu schweigen.

Zudem: Die meisten Europäer hätten immer noch nicht verstanden, dass Afrika ein Kontinent und kein Land ist. "Schwarzafrikaner ist nicht gleich Schwarzafrikaner. So wie ein Pole kein Deutscher ist, obwohl beide in Europa leben." Senegalesen verstünden sich beispielsweise gut mit Menschen aus Mali, hätten aber mit der Mentalität von Nigerianern Schwierigkeiten.

Patentrezepte hat der Senegalese auch nicht. "Die Immigration muss schon in den Herkunftsländern gestoppt werden. Das kann aber nur dann greifen, wenn die dortigen Lebensbedingungen gar keinen Auswanderungswunsch mehr aufkommen lassen." Wie das bewerkstelligt werden soll, weiß Konate nicht. Womit er sich in bester Gesellschaft befindet. Auch die Europäische Union weiß nicht, wie sie die Immigrantenflut stoppen soll.

Philip Obiora beschäftigt sich unterdessen auf seine Weise mit den Immigrationsproblemen. Die Antwort liege im Glauben. Seine Gedanken kreisen um den bevorstehenden Thanks-Giving-Gottesdienst. "Das ist kein Erntedankfest", sagt er. "Man kann Gott für alles danken. Und das wollen wir auch tun. Ich glaube, dass sich viele Gemeindemitglieder bedanken werden, dass sie mit Gottes Hilfe nach Mallorca gekommen sind und hier, trotz vieler Schwierigkeiten, ein besseres Leben für sich und ihre Familien gefunden haben."




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