Zehn Jahre Euro: Warum die Pesete noch quicklebendig ist

08.01.2009 | 01:00
Geliebte Pesete: Das Erscheinungsbild der Münzen änderte sich immer wieder.
Geliebte Pesete: Das Erscheinungsbild der Münzen änderte sich immer wieder.

Manchmal erwischt sich Fernando Pereda selbst dabei, dass er in Peseten rechnet. Zum Beispiel dann, wenn es um die Verkaufszahlen geht. Dann schaltet der Leiter der führenden Supermarktkette Eroski-Syp auf den Balearen geistig auf die frühere Währung um: Knapp zehn Milliarden Peseten Jahresabsatz - das klingt gleich viel besser als 58,2 Millionen Euro. "Die Pesete hilft ab und an, um Zahlen zu vergleichen", sagt Pereda.

Auch genau zehn Jahre nach Einführung des Euros als Buchgeld und sieben Jahre nach Ausgabe der Scheine und Münzen ist die Pesete in Spanien weiter lebendig. In den Supermärkten der Eroski-Kette beispielsweise wird nicht nur die Endsumme auf dem Ticket in Peseten angegeben. Auch alle Preise vom Blumenkohl über das Olivenöl bis hin zum Toilettenpapier sind bis zum heutigen Tag neben Euro auch in Peseten ausgezeichnet - wenn auch in kleinerer Schrift darunter. "Das ist ein Service für ältere Kunden, der für uns keinen Mehraufwand bedeutet", erklärt Pereda. Ein Datum für die endgültige Verbannung der Pesete gebe es bislang nicht.

Es sind aber nicht nur die älteren Spanier, denen die Umstellung noch immer schwer fällt. Schuld hat vor allem der komplizierte Umrechnungskurs: Ein Euro entspricht 166,386 Peseten - eine Herausforderung für Kopfrechner. Besonders bei größeren Posten wie beim Auto- oder Immobilienkauf wird weiter umgeschaltet, beim Tratsch mit dem Nachbarn genauso wie in den Medien. Davon weiß auch José Oliver Roca zu berichten, Immobilienmakler und Vorsitzender des Branchenverbands API auf den Balearen. "Jungen Leuten und Ausländern mag die Umstellung leichter fallen", sagt er. Für alle anderen werde im Verkaufsgespräch umgerechnet. Das sei nicht weiter verwunderlich, sagt Oliver: Schließlich seien die Menschen mit der Pesete groß geworden und hätten sie jahrezehntelang als Referenzwert erlebt.

Ohnehin hat die spanische Pesete mehr Jahre auf dem Buckel als die deutsche Mark. Sie war bereits im Jahr 1868 eingeführt worden und ersetzte 97 Münztypen, die bis dato in Umlauf gewesen waren. Auch wenn im Zuge der Inflation schließlich Eisen, Messing oder Aluminium die früheren Edelmetalle ersetzten und das Pfennig- Pendant céntimo schließlich ganz überflüssig wurde, überlebte die Pesete Bürgerkrieg und Diktatur.

Geld mit solcher Geschichte gibt man nicht leichtfertig aus der Hand - zumindest nicht ganz. Zwar fand in den ersten beiden Januarwochen im Jahr 2002 ein regelrechter Sturm auf die Banken statt, um Peseten gegen Euros einzutauschen - Ende Februar waren bereits 86 Prozent des Geldwertes eingetauscht. Doch noch heute fehlen davon 3,6 Prozent. Vor allem Münzen wollen viele Spanier offenbar nicht mehr herausrücken: Monedas im Wert von 819 Millionen Euro wurden gebunkert - das ist ein knappes Drittel des ausgegebenen Geldwertes.

Bei der spanischen Nationalbank hat man dafür mehrere Erklärungen: private Sammlungen, Erinnerungsstücke, verloren, zerstört oder vergessen in irgendeiner Schublade, wie eine Sprecherin aufzählt. Und nicht zu vergessen die Touristen: So sei auffällig, dass alljährlich zur Urlaubszeit und vor allem an der Küste sowie auf den Balearen besonders viele Peseten bei Filialen der spanischen Nationalbank in Euro getauscht würden: "Es ist ein immer schwächeres, aber nie endendes Tröpfeln." Denn im Gegensatz zu anderen EU-Ländern gibt es keinerlei Frist für den Umtausch.

Das Fortleben der Pesete in den Köpfen der Spanier ist dabei eher Nostalgie als Euro-Skepsis. Unternehmer aller Branchen loben anlässlich des zehnten Geburtstags des Euros seine Vorzüge - gesamtwirtschaftliche Stabilität, mehr Möglichkeiten für Investitionen und Wachstum, Ausschaltung der Währungsschwankungen und der Kosten für den Divisentausch. "Als wir die Telefongesellschaft O2 in England kauften, brachten wir 26 Milliarden Euro in 24 Stunden auf", erinnert sich Santiago Fernández, Finanzdirektor der Telefónica, in der Zeitung "El País". Ohne den Euro wäre das sehr viel komplizierter gewesen. So hat die spanische Wirtschaft dem Euro viel zu verdanken. Nicht verzeihen können die Spanier der neuen Währung allerdings, dass viele Geschäftsleute die Umstellung dazu missbrauchten, die Preise zu erhöhen. Dieses Image bleibt - auch wenn Statistiken belegen, dass es sich insgesamt eher um eine gefühlte Preissteigerung handelte.

Heute lebt die Pesete nicht nur in Gedanken weiter, sondern hier und da auch im Zahlungsverkehr. Als beispielsweise der Deko-Laden "Crack" in Manacor im Mai 2008 im Rahmen einer Marketing- Aktion wieder Peseten annahm, nutzten Kunden täglich diese Möglichkeit. Eine weitere Aktion sei schon in Planung, sagt Geschäftsführer Albert Martínez - trotz des Aufwands: "Nach einem Monat hatten wir so viele Münzen, dass ich einen großen Koffer mit Rollen brauchte, um sie zur Bank zu schaffen."

So werden sie alte Peseten los

Wer Peseten zu Hause findet, kann diese ohne zeitliche Begrenzung umtauschen. Möglich ist das allerdings nur noch bei der spanischen Nationalbank und ihren Filialen. Wer größere Geldmengen eintauschen will, muss sich zudem darauf einstellen, dass seine Personalien aufgenommen werden - ab 3.000 Euro besteht Ausweispflicht. Hintergrund ist der Kampf gegen Schwarzgeld und Schattenwirtschaft. Umgetauscht werden können alle Scheine, die ab 1939 ausgegeben wurden. Exemplare der Bürgerkriegszeit (1936-1939) werden einzeln geprüft, ebenso wie die Münzen (www.bde.es/billemone/peseta/canje.htm). Banco de España San Bartolomé, 16 07001 Palma 971-72 59 50 (Schalterzeiten Mo - Fr, 8.30 Uhr bis 14 Uhr)

In der Printausgabe lesen Sie außerdem

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Da gab es eine Münze mit Loch

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