Notwasserung - und wenn es einen Mallorca-Flieger träfe?

22-01-2009  
New York: Unmittelbar nach der Notlandung werden die Passagiere von herbeieilenden Fähren gerettet.
New York: Unmittelbar nach der Notlandung werden die Passagiere von herbeieilenden Fähren gerettet.  Foto: Efe

KARL-HEINZ EIFERLE Es gibt noch nicht mal einen Notfallplan. Plötzlich mussten die Schwimmwesten tatsächlich angelegt werden. Und nicht nur von der lächelnden Stewardess. Nur fünf Minuten nach dem Start legte am vergangenen Donnerstagnachmittag (15.1.) Flugkapitän Chesley Sullenberger (57) auf dem Hudson River in New York mit seinem Airbus A320 eine Notwasserung hin, die in die Geschichte der zivilen Luftfahrt eingehen wird. Wahrscheinlich durch die Kollision mit einem Schwarm Gänse waren zuvor beide Triebwerke ausgefallen. Dennoch landete Sullenberger den 70 Tonnen schweren Flieger fast so, als ob es ein Wasserflugzeug wäre. Alle 155 Passagiere und Besatzungsmitglieder konnten über die Tragflächen sofort aus dem zwei Grad kalten Wasser von herbeieilenden Fähren gerettet werden und kamen mit dem Schrecken davon. Mallorca ist von Wasser umgeben.

194.000 Mal starteten und landeten im vergangenen Jahr Flugzeuge auf Mallorcas internationalem Airport Son Sant Joan. Was wären wenn? Womöglich ginge es nicht so glimpflich aus. Das offene Meer birgt die Gefahr, dass der Flieger in den Wellen zerbirst. Erfahrungswerte gibt es nicht. Eine Not­wasserung hat es bei Mallorca­flügen noch nie gegeben.

"Die Wahrscheinlichkeit, dass alle Triebwerke gleichzeitig - aus welchen Gründen auch immer - ausfallen, ist sehr gering", beruhigt die Sprecherin der spanischen Flughafenbehörde Aena in Palma, Margarita Ferrándiz. In den vergangenen sieben Jahren sei außerdem erst ein Mal ein Flugzeug auf dem Flughafengebiet mit einem Vogel zusammengestoßen. Probleme hätte der Zwischenfall nicht verursacht. "Um Vogelschlag vorzubeugen, haben wir ja unsere Falken".

Da man sich nicht sicher sein kann, dass das auf alle Ewigkeiten so bleibt, muss trainiert werden. Doch da gibt es ein Problem: Eine Notwasserung kann nicht realistisch in einem Flugsimulator trainiert werden. Nach Angaben des deutschen Luftfahrtbundesamtes liegt dies zum einen daran, dass das physikalische Verhalten der Wasseroberfläche nicht abgebildet werden könne, und zum anderen mangele es an zuverlässigen Daten über das Verhalten von Flugzeugen bei Notwasserungen. Natürlich weiß auch Mallorcavielflieger Air Berlin - wie jede andere Fluggesellschaft auch - nicht erst seit dem Zwischenfall in New York von dem möglichen Risiko einer Notlandung auf dem Wasser. "Soweit man eine solche Situation trainieren kann, wird dies bei uns getan. Notwasserungen gehören zum festen Bestandteil unserer Pilotenausbildung", so Unternehmenssprecherin Nadine Bernhardt.

Auch die Flugbegleiter würden regelmäßig trainiert, um bei einer Notwasserung die erforderlichen Maßnahmen einleiten zu können. Das praktische Training umfasse dabei wesentlich mehr, als nur die Passagiere darüber zu informieren, wo sie ihre Schwimmweste finden und wie diese anzulegen ist. Das ist ohnehin vor allen Starts bei Flügen über Wasserstrecken vorgeschrieben. "Bei uns werden die Flugbegleiter schon in der Ausbildung nass. Im Schwimmbad wird so realistisch wie möglich das richtige Verhalten geübt." Dass das Zusammenspiel von Cockpit- und Kabinenpersonal für eine rasche Rettung der Passagier elementar ist, hat das "Wunder vom Hudson" deutlich belegt.Dass es sich bei dem Piloten um einen äußerst erfahrenen Mann mit 19.000 Flugstunden handelt, hat den glimpflichen Ausgang des Unglücks sicher begünstigt. Letztlich, so der Sprecher der deutschen Pilotenvereinigung Cockpit, Flugkapitän Markus Kirschneck, sei die Erfahrung aber nicht wirklich entscheidend. Eine gewisse Souveränität in Extremsituationen sei nie verkehrt. Da aber so gut wie kein Pilot jemals eine Notwasserung erlebt habe, sei es im Prinzip egal, ob ein alter Hase oder ein Berufsanfänger am Steuerknüppel sitze. Hoffentlich in Strandnähe In New York überlebten die 155 Passagiere und Besatzungsmitglieder auch deswegen, weil Fähren und Boote sehr schnell zur Stelle waren, um die Verunglückten zu retten. Wäre das in der Bucht von Palma auch möglich? Die Antwortet lautet: Man weiß es nicht. Auf eine solche Situation zugeschnittene Notfallpläne existieren weder bei der Flughafenbehörde noch beim balearischen Innenministerium, wie José Luis Montoya von der Einsatzleitung der 112-Notrufzentrale bestätigt. Ein derartiges Unglück sei "extrem unwahrscheinlich".

Und falls es doch eintrete, gebe es sehr viele mögliche Szenarien, für die man unmöglich einen jeweils speziellen Katastrophenplan haben könne. "Im günstigsten Fall schwimmt der Flieger strandnah. Je weiter auf dem Meer sich das Flugzeug befindet, umso schwieriger ist es für uns, die erforderlichen Rettungsmaßnahmen einzuleiten und zu koordinieren." Wichtig sei auch, wie lange die Maschine sich auf dem Wasser halten kann, bevor sie untergeht. Begünstigt würden die Überlebenschancen durch die relativ hohen Wassertemperaturen, die einen Kältetod lange hinauszögerten. "Welch Szenario es auch immer sein mag, im Notfall schicken wir alles los, was wir haben und kriegen können. Vom Hubschrauber bis hin zu Fähren und Privatbooten", verspricht Montoya.




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