Schiffsfriedhof Mallorca: Das ungelöste Entsorgungsproblem

26-02-2009  
Kann bei gestrandeten Wracks der Besitzer nicht ermittelt werden, ist die Gemeinde für das Boot verantwortlich.
Kann bei gestrandeten Wracks der Besitzer nicht ermittelt werden, ist die Gemeinde für das Boot verantwortlich.  F.: Khe

KARL-HEINZ EIFERLE Eigentlich sollte Josep Lliteres Vidal für jedes Müllproblem auf Mallorca eine Lösung kennen. Aber dieses Mal ist der für Abfall­entsorgung zuständige Direktor des balearischen Umweltministeriums sichtlich überfordert. Eine gesetzliche Regelung für die Entsorgung von Schiffen gibt es in Spanien nicht.

Als ihm MZ-Reporter Sebastián Terrassa seine Fotoserie über illegale Schiffsfriedhöfe auf der Insel vorlegt, runzelt der Umweltmann nur die Stirn und schickt nach seinem Experten für Sondermüll­belange. Aber auch Miquel Colom Altès kann seinem Chef nicht wirklich helfen. "Das ist wirklich eine gute Frage", konstatieren die beiden Fachleute. Und sagen, dass das balearische Umweltministerium in letzter Instanz gar nicht für die Wracks zuständig sei. Es seien die Besitzer der Schiffe, die für die umweltgerechte Entsorgung ihrer Boote verantwortlich seien.

"Wir können nur dann reagieren, wenn Umweltverstöße bei uns angezeigt werden", sagt Lliteres. Sollte bei der Behörde ein in der Landschaft illegal herumliegendes Schiff gemeldet werden, werde man versuchen, den Halter ausfindig zu machen und diesen zur Entsorgung seines Kahns verpflichten. Sollte er nicht ermittelt werden können, hafte der Besitzer des Grundstückes, auf dem das Wrack vergammelt. Sollte es sich dabei um einen öffentlichen Strand handeln, werde die für den Abschnitt zuständige Gemeinde in die Pflicht genommen.

Als Druckmittel stehe dem ­Ministerium ein Bußgeldkatalog zur Verfügung, der leichte, nicht umweltgefährdende Verstöße gegen das Umweltschutzgesetz mit Strafen bis zu 600 Euro ahnde. Für schwere und umweltschädigende Verstöße könnten bis zu 1,2 Millio­nen Euro verhängt werden.

Dass Strafen das Entsorgungsproblem aber nicht lösen können, ist auch Lliteres klar. "Generell gelten Schiffe nicht als Hausmüll und müssen daher auch nicht von den Gemeinden abgeholt werden", versucht er das Problem zu umschiffen. Außerdem gebe es auf den Balearen ohnehin keine offiziellen Schiffsfriedhöfe, auf denen die Wracks deponiert werden könnten. Deshalb seien die Eigner angehalten, sich mit einer der 40 auf den Balearen ansässigen Firmen in Verbindung zu setzen, die eine Lizenz zur Entsorgung von umweltgefährdenden Substanzen haben. Eine detaillierte Liste könne auf der Web-Page des Ministeriums als PDF-Datei heruntergeladen werden.

Diese Firmen, so Lliteres weiter, würden dann Öle, Lacke, ­Batt­erien, Schwermetalle und andere gefährlichen Materialen entfernen und auf die Sondermülldeponie bringen. Außerdem würden die Bootsrümpfe von diesen Firmen in kompakte Stücke zersägt. Von Lacken befreite Holzrümpfe könnten problemlos in Son Reus verbrannt werden, GFK-Rümpfe müssten auf der einzigen dafür geeigneten Deponie bei Santa Margalida endgelagert werden. Entgegen der weitverbreiteten Vorstellung handle es sich bei mit Glasfaser verstärkten Kunstoffrümpfen üblicherweise nicht um Sondermüll, bei mit Lacken und Holzschutzmitteln behandelten Holzrümpfen dagegen schon. "Eine Pflicht seitens der Firmen, Boote zu entsorgen", so Lliteres, "gibt es aber nicht." Auch bestünde zumindest theoretisch die Möglichkeit, dass die Schiffsbesitzer selbst ihr Boot entgiften und ihr GFK-Schiff dann auf die Sondermülldeponie nach Santa Margalida brächten oder zum Verbrennen zersägte Holzboote zu den Hochtemperaturöfen nach Son Reus. Dort sei man aber nicht verpflichtet, den Müll anzunehmen.

Ein Recycling für Schiffe ist in Spanien noch nicht möglich. Zwar wird in Katalonien darüber nachgedacht, aber das Projekt ist noch nicht weit gediehen. Im Gegensatz zu Auto­wracks gibt es für Schiffswracks keinen Markt. Eine Verwertung, sagt Lliteres, sei nicht rentabel. Wie viel die Verschrottung eines Schiffswracks seinen Besitzer letztlich kostet, weiß er nicht. "Aber da läppert sich je nach Größe sicherlich einiges zusammen."

Was sich da genau zusammenläppert, vermögen nicht einmal die auf Abfallbeseitigung spezialisierten Firmen zu sagen. Und den Schwarzen Peter in Form von Schrott­schiffen lassen sie sich auch nicht gerne zuschieben. Keine von ihnen führt in der ebenfalls auf der Ministeriumsseite hinterlegten Tätigkeitsbeschreibung explizit die Entsorgung von Booten auf.

Auf telefonische Anfrage bei vier dieser Unternehmen gab es nur negative, dafür immer dieselben Auskünfte. Man selbst lehne derartige Aufträge ab und wisse auch nicht, wer in der Branche dafür in Frage käme. Am besten lasse man seinen Kahn irgendwo dezent verschwinden, so der wenig umweltfreundliche, wenngleich ehrliche Rat der umweltfreundlichen Profi-Entsorger.

Tatsächlich ist diese Art und Weise, sich des Problems zu entledigen, gängige und auch offizielle Praxis. Der Meeresgrund ist voll mit versenkten Schiffen aller Größe. Selbst die vor Ibiza untergegangene Iscomar-Fähre "Don Pedro", die im Juli 2007 für Schlagzeilen sorgte, wird für immer dort bleiben. Vermutlich weiß die Expertenkommission aus Regierungsmitgliedern und Bergungsfachleuten, die am Montag die Entscheidung traf, letztlich auch nicht, wohin das riesige Wrack gebracht werden könnte.

Privatboote müssen in Spanien weder zum TÜV, noch unterliegen sie einer jährlichen Steuerpflicht. Mit einer einmaligen Zulassungsgebühr in Höhe von zwölf Prozent des Kaufpreises ist für Schiffe mit einer Größe von mehr als 6,5 Metern die Steuerpflicht abgegolten. Damit sind die Boote registriert und angemeldet. Abgemeldet werden müssen sie nicht. Im Gegensatz zu Autos ist somit der Verbleib der Schiffe nur schwer nachvollziehbar. Ein abgehalftertes Schiff kann im wortwörtlichsten Sinne leicht in der Versenkung landen.

Und es werden von Jahr zu Jahr mehr werden. Nicht nur wegen der auf durchschnittlich 40 Jahre begrenzten Lebensdauer von Kunststoffschiffen, sondern auch zunehmend wegen der finanziellen Nöte ihrer Besitzer.

"Ich habe die ganze Halle voller Schiffe", sagt der Chef einer Firma in Palmas Industriegebiet Son Castelló, die sich der Einlagerung von Booten verschreibt. Fast könnte man meinen, in dem hangarartigen Blechgewölbe werden Leichen und nicht nur trailerbare Boote gestapelt, denn weder der Inhaber noch seine Firma wollen namentlich zitiert werden. "Bei fünf Skippern ist bereits klar, dass sie ihre Schiffe nicht mehr abholen werden. Und die Wirtschaftskrise wird mir wohl noch mehr Kähne bescheren, mit denen ich nichts anfangen kann. Verkaufen kann ich sie nicht, weil sie mir nicht gehören. Und eine Beschlagnahmung dauert ewig. Ganz davon abgesehen, dass die meisten aufgrund ihres Zustandes keinen Käufer finden würden." Dann hätte er auch noch die Entsorgung am Hals. Glücklicherweise gehöre ihm die Halle, so dass er nicht monatlich auch noch Miete für etwas zahlen müsse, das ihm immer wenig Gewinn einbringe.

Dass ihr Schiff einmal ein Entsorgungsproblem darstellen könnte, beschäftigt die wenigsten Skipper auf Mallorca. Zumindest solange sie sich ihr Hobby leisten können und ihre Yacht gut in Schuss ist. Im Gespräch mit mehreren Eignern im Hafen von Andratx gab es immer nur weit aufgerissene Augen und dieselbe Antwort: "Gute Frage. Keine Ahnung. Habe ich mich noch nie mit beschäftigt."

Darüber, was mit so manchem nie zurückgekehrten Schiff geschehen sein könnte, wird dagegen gerne in den Kneipen der Inselhäfen spekuliert. Vor allem dann, wenn das Schiff gut versichert war und an einer besonders tiefen Stelle im Meer gesunken ist.

"Eine Selbstversenkung ist nicht nur möglicher Versicherungsbetrug, sondern auch ein Verbrechen gegen die Natur", wettert Umweltdirektor Josep Lliteres und bittet, so etwas unverzüglich bei seiner Behörde oder der Polizei zur Anzeige zu bringen.

Aber Anzeigen gibt es so gut wie nicht, von Aufklärungsraten ganz zu schweigen. Daran kann auch das grüne Schlüsselanhängermännchen, das Lliteres seinen Besuchern zum Abschied überreicht, nichts ändern. Auf dessen Rücken ist dafür die einprägsame Telefonnummer 900-15-16-17 vermerkt, über die sich jeder Bürger einen Gratisrat in Sachen Umweltschutz einholen kann. Es sei denn, er fragt, was er mit seinem ramponierten alten Boot machen soll.

Spanien ist nicht das einzige Land, das mit der Entsorgung von Schiffen überfordert ist. Europaweit wird zwar versucht, künftig zumindest das weitere Abwracken großer Pötte in Drittweltstaaten zu umgehen, die nicht für die Entsorgung gefährlicher Materialien gerüstet sind. Was aber mit den vielen ausgedienten Sportbooten geschehen soll, ist unklar.

Selbst Deutschland, das doch in dem Ruf steht, alles zu regeln, was es zu regeln gibt, ist keine Ausnahme. Darauf, was mit ausrangierten Privatbooten geschehen soll, gibt es bei bundesdeutschen Behörden auch nur eine Antwort. "Gute Frage", sagt die Sprecherin des Bundesamts für Seeschifffahrt und verweist an den Germanischen Lloyd, einer Art TÜV für Schiffe. "Gute Frage, das müssten die Versicherer doch wissen", heißt es dort. Doch auch beim Schiffsversicherer Pantaenius weiß man nicht weiter: "Gute Frage, aber bei uns stellt sich das Problem nicht. Wir erstatten nur den vom Gutachter ermittelten Schaden. Um die Entsorgung muss sich der Versicherungsnehmer selbst kümmern. Aber fragen Sie doch mal bei den Herstellern."

Zumindest bei der Bavaria Yachtbau GmbH blieb die Gute-Frage-Antwort aus. "Wir verkaufen ausschließlich an Händler. Von daher hat auch noch nie jemand sein ausrangiertes Schiff zu uns zurückgebracht."

Die Fotoserie mit abgewrackten Schiffen auf der Insel finden Sie unter www.mallorcazeitung.es (Zum Ansehen auf den Pfeil in der oberen rechten Ecke des Fotos klicken).




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