Mallorca - Die Insel der herrenlosen Tiere

In den Tierheimen Mallorcas weiß man nicht mehr wohin mit Hunden und Katzen. Palma zieht nun die Notbremse und verschärft die Auflagen. Auf Kosten der Tiere?

12.11.2009 | 14:20
 Neue Herrchen Mangelware: Tiere im Auffanglager Son Reus.
Neue Herrchen Mangelware: Tiere im Auffanglager Son Reus.

„Ich kann nicht mehr", sagt Josefina Vivancos, während im Hintergrund lautstark die Hunde bellen. „Dieses Jahr ist eine Katastrophe." Die Tierschützerin hat in ihrem refugi d´animals bei Pollença derzeit 70 Hunde und 50 Katzen – und beständig werden mehr ausgesetzt und abgegeben. Das Problem seien gar nicht mal die Tiere aus dem Gemeindegebiet, sondern solche aus anderen Orten, sagt Vivancos. „Alle werden zu mir gebracht, weil die Menschen wissen, dass die Tiere nicht in Son Reus landen."

Son Reus ist für die meisten Tierschützer ein rotes Tuch: In dem Auffanglager der Stadt Palma werden alle nicht abgeholten Tiere nach einer Frist eingeschläfert. Und weil derzeit wieder mehr Haustiere ausgesetzt werden und die meisten Gemeinden ihre Zuständigkeit sowieso an Palma abgegeben haben, spitzt sich die Lage dort weiter zu – so sehr, dass die Stadt Palma jetzt die Notbremse gezogen hat: Ab dem kommenden Jahr will Pedro Morell, der Leiter von Son Reus, nur noch Tiere aufnehmen, wenn die Gemeinden sie zunächst eine Woche bei sich behalten und erst einmal selbst nach dem Halter suchen.

Das Ultimatum zeigt, das beim Tierschutz auf Mallorca grundsätzlich etwas schiefläuft. In den 53 Insel-Gemeinden gibt es nur noch sieben rein kommunale Auffanglager. Die anderen Gemeinden geben ihre Verantwortung ab: Aufgefundene Tiere werden von der Stiftung Natura Parc direkt nach Son Reus in Palma gebracht – auf die Kommunen entfallen keine Kosten für Räumlichkeiten, Mitarbeiter oder Tierfutter.

Zwar nimmt sich ein weitverzweigtes Netzwerk von Tierschützern der herrenlosen Haustiere an – sie werden aufgepäppelt, in Pflegefamilien untergebracht, zur Adoption nach Deutschland geflogen. In einigen Gemeinden wie Porreres oder Felanitx übernehmen die Privatinitiativen sogar die Aufgaben der Gemeinden und verwalten eigentlich kommunale perreras praktisch in eigener Verantwortung.

Doch den Tierschützern fehlen die nötigen Mittel: Gezahlt werden müssen Impfungen und sonstige Tierarztbehandlungen, Sterilisierung, Mikrochip, Futter – und wenn dann auch noch wie in Felanitx der Herbstregen die gesamte Anlage überschwemmt, ist Not am Mann. „Eine Katastrophe", sagt Gina Brüggen von First Aid Animals. „Es ist zwar kein Hund ertrunken, aber das Gelände stand wochenlang unter Wasser." Um an Geld zu kommen, ist Kreativität gefragt. Das Centro Canino International veranstaltet beispielsweise veranstaltet eine Art Flohmarkt (www.ccipalma.com). Im vergangenen Jahr kamen so rund 11.000 Euro zusammen.

Zudem beklagen die Tierschützer bürokratische Hürden. „Obwohl den Gemeinden die meisten Tierschutzvereine und -organisationen bekannt sind, kommt es nur selten zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit", kritisiert Ralf Meier, Koordinator von Tierschutz Mallorca-Ost. Und während an eine Genehmigung zur Tierzucht vergleichsweise leicht zu kommen ist, kämpfen viele Vereine seit Jahren um eine Genehmigung für ihr Tierheim – Tierschutz in der rechtlichen Grauzone. Das ist ein Problem des Centro Canino International, aber auch von weiteren Tierheimen, die es offiziell gar nicht gibt. Auch zahlreiche Pflegestellen springen in die Bresche.

„Die Auflagen sind sehr viel strenger als bei einem normalen Hausbau", sagt selbst Rafael Oliver, Projektverantwortlicher für den Tierschutz bei Mallorcas Inselrat, und verweist auf den vor fünf Jahren verabschiedeten Raumordnungsplan. So müssten Antragsteller unter anderem das Allgemeininteresse des Projekts nachweisen. Das Thema Tierschutz habe bei Mallorcas Politikern bislang keine Priorität gehabt und sei wegen mangelnder Absprachen zwischen den Institutionen vernachlässigt worden.

Nicht müde werden die Tierschützer zudem in ihren Appellen für einen verantwortungsvolleren Umgang mit den Haustieren auf Mallorca. Doch gerade vor dem Hintergrund der jetzigen Wirtschaftskrise werden so viele Tiere ausgesetzt und abgegeben wie nie zuvor. „Es ist zu leicht, an einen Hund zu kommen", sagt Maxi Lange, Koordinatorin des Tierschutzdachverbands Baldea. „Die Menschen müssen sich damit auseinandersetzen, dass man ein Tier 15 Jahre hat und nicht nach drei Jahren abgeben kann wie einen Kühlschrank."

Tierschützer erhoffen sich nächstes Jahr eine Besserung der Lage – der Consell wird ab Januar die Zuständigkeit für den Tierschutz von der Landesregierung übernehmen. „Frau Armengol hat uns versprochen, dass noch in dieser Legislaturperiode ein Tierheim gebaut wird", sagt Maxi Lange über die Inselratspräsidentin, der man bereits im vergangenen Jahr eine erste Studie über die Situation präsentiert habe. Das Projekt macht allerdings nicht allzu viele Hoffnungen. Der Bau werde zwar geprüft, doch die Suche nach einem geeigneten Grundstück sowie Projektplanung und Finanzierung seien eine langwierige Sache, die Umsetzung werde mindestens zwei Jahre dauern. Vorrang habe deswegen zunächst der Ausbau bestehender Zentren.

Bereits in Vorbereitung sind laut Oliver konkrete Hilfen für die Gemeinden auf Mallorca, die sich nun in Folge des Ultimatums von Son Reus zumindest eine Woche lang selbst um abgelieferte oder aufgefundene Tiere kümmern müssen. „Ich habe die Kostenvoranschläge für Käfige und Mikrochips bereits vorliegen", so Oliver, der Abkommen mit den einzelnen Kommunen in Aussicht stellt.

Die Folgen der neuen Auflagen beurteilen die Tierschützer auf Mallorca unterschiedlich. „Ich frage mich, wo die Tiere hin sollen", sagt Lange. So sei es beispielsweise mit einem Zwinger pro Gemeinde nicht getan, da neu eingelieferte Hunde nicht zusammen gehalten werden könnten. Neben der Ausstattung müsse zudem fachkundige Betreuung garantiert sein. Ganz klar, die Gemeinden müssten sich stärker einbringen – aber bitte nach Absprache und im Konsens. Es sei jedenfalls zu begrüßen, dass nun die Kommunen wieder in der Pflicht seien, argumentiert Brüggen von First Aid Animales. „Sonst sieht dort ja keiner, wie viele Hunde es in einer Gemeinde gibt."

Stattdessen drängen sich die Tiere derzeit beispielsweise bei Uschi Mesquida in Sant Llorenç ,in einem der wenigen genehmigten privaten Tierheime. Seit Beginn des Jahres hat sie rund 300 Hunde aufgenommen und zum Teil weitervermittelt, derzeit sind 140 Tiere in ihrer Obhut. „Eine Lösung ist das sicher auch nicht", sagt Mesquida über die neuen Auflagen. „Die Gemeinden müssen dann im Grunde wieder das machen, was sie schon früher nicht geschafft haben."

Infos
Wo ausgesetzte Hunde und Katzen landen
Palma
Das städtische Tierheim Son Reus übernimmt Hunde und Katzen aus dem Umland, schläfert viel davon ein. Das privat geführte Centro Canino International im Stadtbezirk kämpft seit Jahren um eine Genehmigung.

Calvià
Die Gemeinde betreibt ein eigenes Tierheim. SOS Animal hat seinen Sitz direkt daneben und kann die herrenlosen Tiere von dort übernehmen.

Andratx
Eigenes kommunales Tierheim, Zusammenarbeit mit der Ortsgruppe von SOS Animal.

Llucmajor
Eigenes kommunales Tierheim, Tiere werden seit zwei Jahren nicht mehr nach Son Reus gebracht, sondern laut Gemeinderat Sebastián Artigues direkt vermittelt. Derzeit rund 40 Hunde.

Inca
Die kleine kommunale Tierauffangstation wird von der Stiftung Natura Parc geleitet.

Felanitx
Das frühere kommunale Hundeauffanglager, in dem auch eingeschläfert wurde, betreiben heute Tierschützer von First Aid Animales. Rund 40 Hunde.

Ses Salines
Die Initiative „Hunde aus Mallorca" verwaltet das kommunale Tierheim, die Gemeinde stellt Grundstück und Futter. Rund 16 Hunde.

Sant Llorenç

Uschi Mesquida betreut in ihrem privaten Tierheim rund 140 Hunde, auch aus umliegenden Gemeindegebieten. Sant Llorenç führt zudem eine kommunale perrera, in der Hunde auch eingeschläfert werden.

Pollença
Privates Tierheim von Josefina Vivancos. Derzeit rund 70 Hunde und 50 Katzen.

Kontaktmöglichkeiten zu den Tierschutzorganisationen unter www.baldea.de

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