Vielflieger: Der Preis des schnellen Mallorca-Trips

In Kopenhagen tagt der Weltklimagipfel, ­die Menschheit muss umdenken. Auch im Luftverkehr, auch auf der Insel. Fliegen schadet der Umwelt

30-12-2009  
Grüner fliegen – die Fluggesellschaften arbeiten dran.
Grüner fliegen – die Fluggesellschaften arbeiten dran.  Foto: Efe

SILKE DROLL Palma-Münster, Münster-Palma, Palma-Münster. So geht das bei Manuel Stiff das ganze Jahr über. Der auf deutsch-spanisches Recht spezialisierte Anwalt hat in beiden Städten eine Kanzlei und arbeitet jeweils eine Woche auf Mallorca und die darauf folgende in Deutschland. „Mein Beruf verlangt es nun mal von mir, in beiden Ländern präsent zu sein. Außerdem transportiere ich oft deutsche Originaldokumente, die eventuell bei der spanischen Post verloren gehen könnten."

Manuel Stiff ist ein Klimakiller. Wie wir alle. Wir bekommen den Insel-Koller und wollen mal ein Wochenende nach Madrid, wir vermissen unsere Familie und reisen mehrmals im Jahr zu Besuch in die Heimat, oder wir haben geschäftlich in Deutschland zu tun und fliegen deshalb zum Teil sogar jede Woche hin und her. Wir Mallorca-Residenten sind Vielflieger. Und das heißt zugleich: Klimasünder.

Allein bei der einfachen Flugstrecke von Palma nach Berlin fallen pro Person 430 Kilo CO2 an. Hin und zurück sind es 860 Kilo. Und wer beispielsweise zehnmal im Jahr hin und her fliegt, kommt auf eine Pro-Kopf-Emission von 8.600 Kilo Kohlendioxid allein für das Pendeln zwischen Deutschland und Spanien. Dabei liegt das klimaverträgliche Jahresbudget eines Menschen bei 3.000 Kilo CO2 – alles andere – Auto fahren, Heizung, Elektrogeräte usw. – einberechnet.

Fliegen ist ein Klimakiller. Der Flugverkehr ist in den vergangenen Jahren unter anderem wegen der Angebote vieler Billigflieger stark gestiegen und wächst weiterhin. Nach dem aktuellen Forschungsstand trägt der weltweite Flugverkehr mit einem Anteil von 4,9 Prozent zur globalen Erwärmung bei. Manche Forscher gehen noch von einer deutlich höheren Klima-Belastung durchs Fliegen aus.

Fliegen bedeutet dabei nicht nur deutlich mehr Kohlendioxidausstoß pro Person als etwa Auto- oder Zugfahren. Die Abgase belasten das Klima zusätzlich wegen der Höhe, in der sie ausgestoßen werden. „Die CO2-Emission ist nur eine von mehreren Wirkungen", erklärt Werner Reh, Luftverkehrsexperte beim BUND, dem größten deutschen Umweltverband. Dazu komme der Ausstoß von Ruß und Stickoxiden und der aus den Triebwerken austretende Wasserdampf – das alles führe zu Kondensstreifen und Zirruswolken am Himmel. „Die Wolkenschleier, die da entstehen, sehen zwar nett aus, lassen aber die Sonnenstrahlen nicht durch, die Rückstrahlung wird behindert." Dies führe zu einer zusätzlichen Erwärmung.

Der Weltklimarat geht davon aus, dass die schädigende Wirkung des Kohlendioxid-Ausstoßes durch die zusätzlichen Emissionen und die große Höhe um das Zwei- bis Fünffache vervielfacht wird. Als besonders schädlich gelten Flüge über die Polkappen der Erde, weil sich dort aufgrund der großen Kälte noch mehr Zirruswolken bilden können und damit die Erwärmung verstärkt wird.

Die Fluggesellschaften arbeiten bereits an der Reduzierung des CO2-Ausstoßes. Denn weniger Kerosinverbrauch bedeutet auch eine Kostenersparnis. Mehrere Fluggesellschaften, darunter Air Berlin und Condor, setzen etwa sogenannte Winglets ein. Mit kleinen Anbauten an den Enden der Tragflächen wird die Aerodynamik des Flügels verbessert und so der Kerosinverbrauch reduziert. „Eine Flotte mit Winglets verbraucht drei Prozent weniger Treibstoff", erklärt Air-Berlin-Sprecherin Alexandra Müller. Auch die Beimischung von Biokraftstoff in den Flugzeug-Treibstoff könnte in Zukunft CO2-Emissionen reduzieren. „Air Berlin ist dazu mit den Herstellern Airbus und Boeing in Kontakt, wir stehen hier aber erst am Anfang einer Entwicklung."

Eine weitere Maßnahme zur Verringerung der umweltschädigenden Wirkung vom Fliegen ist das Projekt „Single European Sky" (SES) der EU. Bereits seit Jahren treibt die Europäische Kommission die Vereinheitlichung des Luftraums in Europa voran. Ziel ist es, die Flugstrecken zu straffen und die Flugabwicklung effizien­ter zu gestalten. Bisher müssen Flugzeuge oft Umwege in Kauf nehmen, weil sie Militärzonen umgehen müssen. Außerdem gleicht der europäische Luftraum einem Flickenteppich und wird umständlich kontrolliert, weil der Flugverkehr national geregelt wird. Bei einer Vereinfachung des Systems könnten zwölf Prozent Emissionen eingespart werden, so die Air-Berlin-Sprecherin.

Doch die Umsetzung der bereits beschlossenen Verbesserung der Verkehrsströme wird sich voraussichtlich noch mehrere Jahre hinziehen. Müller: „Die einzelnen Mitgliedstaaten müssen sich jetzt untereinander verständigen und Absprachen treffen. Das ist zeitintensiv." Umweltschützer gehen zudem lediglich von einer Einsparung von maximal 5 Prozent der Emissionen aus. „Das entspricht dem jährlichen Wachstum des Flugverkehrs", sagt Reh.

Mehrere Fluggesellschaften bieten außerdem in ihrem Online-Buchungsprozess eine freiwillige Ausgleichszahlung für den CO2-Ausstoß beim Fliegen an. Bei den Mallorca-Reisenden ist die Resonanz darauf aber gering. Bei EasyJet sind es drei Prozent der Online-Kunden, die die Klimakompensation zahlen, bei Tuifly immerhin 7 Prozent. „Damit zahlten unsere Kunden im vergangenen Jahr rund 650.000 Euro an Myclimate", berichtet Tuifly-Sprecher Jan Hillrichs. Der Schweizer CO2-Kompensationsanbieter Myclimate übernimmt für umweltbewusste Tuifly-Kunden die Förderung von Klimaschutzprojekten in Entwicklungsländern (siehe S .6). Vielleicht muss sich das noch mehr herumsprechen: „Von dieser Möglichkeit wusste ich bisher nichts. Wenn ein Öko­pfennig bei einer Fluggesellschaft automatisch angeboten wird, mache ich das schon," sagt Manuel Stiff.

Von Kritikern wird die Ausgleichszahlung zwar immer wieder als „moderner Ablasshandel" und „Greenwashing" bezeichnet, doch Umweltschützer sehen darin derzeit die einzige Möglichkeit, dem Klimakiller Fliegen überhaupt etwas entgegenzustellen. „Weniger zu fliegen und dafür länger zu bleiben, ist natürlich noch besser", sagt Reh.

Um das Klima zu schützen, wäre auch ein weltweiter Emissionshandel für den Luftverkehr notwendig. Bisher versucht lediglich die EU, mit dem vorgeschriebenen Kauf von Verschmutzungsrechten die Abgas-Emissionen zu senken. Ab 2012 müssen Flugzeuge, die in Ländern der EU starten und landen, Emissionszertifikate nachweisen. Sie können dann nur so viel Schadstoffe abgeben, wie ihnen Emissionszertifikate zur Verfügung stehen. Die Idee dahinter: Fluggesellschaften mit schadstoffarmen Flotten, die es schaffen, weniger CO2 zu produzieren, können überschüssige Rechte an einer Börse verkaufen. So sollen die Airlines klimafreundlicher werden. Allerdings werden sie nach dem vom EU-Parlament verabschiedeten Gesetz nur 15 Prozent ihrer Abgas-Rechte kaufen müssen, den Rest bekommen sie in den ersten Jahren gratis. Dagegen muss die bei weitem umweltfreundlichere Bahn alle ihre Emissionszertifikate kaufen. Das trägt dann dazu bei, dass die Bahn weiterhin verhältnismäßig teuer ist. „Mit dem Flugzeug bin ich meistens bedeutend schneller unterwegs und die Preise sind zudem auch noch günstiger", sagt Manuel Stiff über sein Mobilitätsverhalten innerhalb Deutschlands.

Wegen der zusätzlichen Kosten durch den Emissionshandel für die Airlines dürften auch die Tickets teurer werden. Der mit dem Thema befasste EU-Parlamentarier Peter Liese (CDU) schätzt, dass ein Ticket Frankfurt-Mallorca deswegen rund sechs Euro mehr kosten wird.

Teurer könnten Flugreisen nach Deutschland auch bei einer Aufhebung der Steuerfreiheit für Flugbenzin in der Bundesrepublik werden. Umweltschützer fordern dies seit Langem. Sie gehen davon aus, dass bei höheren Flugpreisen weniger Menschen fliegen würden. In anderen Ländern wie Großbritannien und Frankreich werden bereits entsprechende Abgaben erhoben. Aller Voraussicht nach werden Mallorca-Flüge also in Zukunft teurer. Manuel Stiff – und wir alle – werden dann vielleicht wirklich einmal auf den einen oder anderen Flug verzichten.

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