Deutsche Langzeiturlauber am Ballermann

Während der Wintersaison erholen sich in Mallorcas bekanntestem Urlaubsgebiet überwiegend Senioren. Oft bleiben sie mehrere Wochen. Statt Sonnenbaden und Sangría stehen bei ihnen Boccia und Bingo auf dem Programm.

21-01-2010  
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Winterurlauber an der Playa de Palma. Das Spiel heißt Kubb, häufig auch Wikingerspiel genannt.
Winterurlauber an der Playa de Palma. Das Spiel heißt Kubb, häufig auch Wikingerspiel genannt. Nele Bendgens

MARTIN ROLSHOVEN Quietschend schwingen die Werbeschilder der Vergnügungstempel entlang der balnearios hin und her. Unbeleuchtet und mit Laken verhängt, knarzen sie vor sich hin. Die monotonen ­Geräusche brechen die winterliche Stille auf der größten Partymeile Mallorcas. Doch die Ruhe täuscht. Während draußen die Bürger-steige hochgeklappt sind, pulsiert hinter den Betonfassaden der wenigen geöffneten Hotels eine andere touristische Schlagader des Urlaubs­paradieses: Durch sie strömen tausende Langzeittouristen, die zwischen Anfang November und Mitte Mai ihren Urlaub auf Mallorca verbringen. Die meisten kommen seit Jahren. Manche seit Jahrzehnten.

In der Regel sind es Rentner, die sich zwei Monate in ihrem Stammhotel einquartieren, hauptsächlich in Palma und Umgebung, Peguera, Cala Millor und Cala Ratjada. Sie buchen Halbpension oder Rundumverpflegung und bezahlen im Schnitt zwischen 1.300 und 1.800 Euro. Es sind beileibe keine Hunderttausende – genaue Zahlen will keiner nennen –, aber es werden mehr, wie die Reiseveranstalter Rewe, Tui und Alltours betonen. Die demografische Uhr tickt, die Menschen werden älter, der Markt wächst.

Schon jetzt verzeichnen die Anbieter große Zuwächse. „Die Zahl der Langzeiturlauber hat sich seit 2002 mehr als verdreifacht", sagt Alltours-Sprecher Stefan Suska. Auch der Tui-Konzern meldete in den vergangenen Jahren Zuwächse. Daniela Sauerwald vom Touristik-Zweig der Rewe spricht von einem Anstieg um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings hat die Wirtschaftskrise auch in diesem Segment ihre Spuren hinterlassen. Im Vergleich zur Wintersaison 2008/09 ist die Zahl der Buchungen etwa bei Alltours um 4,5 Prozent zurückgegangen. Alle anderen Bereiche hätten aber noch mehr verloren, sagt Suska. Tui bestätigt ebenfalls leichte Rückgänge, die auch im Zusammenhang mit der verschärften Konkurrenz stünden. Und dennoch: Die Senioren seien eine weitgehend krisensichere Zielgruppe, heißt es bei den Veranstaltern. Sie hätten auch in schlechten Zeiten Geld übrig – sei es, weil sie hohe Renten beziehen oder weil sie lange für ihren Urlaub gespart
haben.

Eine Hochburg dieser Zielgruppe ist das Hotel María Isabel an der Playa de Palma. Der massive Betonblock in 70er-Jahre-Optik gehört mit 14 Etagen und 132 Zimmern zu den größten seiner Art. Anfang Januar ist hier gut gebucht. Die Langzeiturlauber kommen überwiegend aus Deutschland und bleiben unter sich. Jeder Neue wird mit Argusaugen gemustert – eine halbrunde Panoramascheibe neben dem Haupteingang macht´s möglich. Stundenlang sitzen die Senioren dort und beobachten ihre Umgebung. Passiert nichts Spannendes, reden sie über alte Zeiten oder geben sich Tipps, die das Leben leichter machen. Da wird auch mal die ultimative Bügeltechnik diskutiert: Brett- und Tischbügler kämpfen leidenschaftlich um die besseren Argumente.

Bei Tisch entspannen sich die Gemüter wieder. Im Speisesaal wird morgens, mittags und abends ein Buffet aufgebaut. Vor dem Eingang bilden sich lange Schlangen. Wer zuerst sitzt, ist auch als Erster fertig. Gerade beim Frühstück wird mit den Füßen gescharrt. Um acht Uhr geht es offiziell los, aber Ungeduldige verschaffen sich gerne auch schon vorher Zutritt. Meist umsonst: Sowohl das Personal als auch der geduldige Teil der Schlange weisen die Ausreißer in ihre Schranken. Da hilft auch eine oft gehörte Ausrede nicht: „Ich dachte, es wäre schon alles fertig."

Früher oder später aber ­bekommt im Hotel María Isabel jeder etwas zu essen. Aufgetischt wird eine Mischung aus lokalen Produkten und gutbürgerlicher Küche aus der Heimat. Die Auswahl ist groß. „Und es gibt hier immer reichlich", freut sich ein Rheinländer. Woher die Lebensmittel kommen oder was sie enthalten, ist nebensächlich. Die Gäste sind bescheiden. Wer die Speisen probiert, merkt, dass das Hotel hart kalkulieren muss, um am Ende noch etwas mit den Langzeiturlaubern zu verdienen.

Die hilfsbereiten Kellner sind für die Getränke zuständig. Sie kennen viele Gäste seit Jahren und sprechen teilweise auch Deutsch. Allerdings längst nicht so gut wie einige Gäste glauben. Die höflichen Angestellten lächeln dann leicht gequält, wenn ihnen mal wieder eine Salve Deutsch entgegengeschossen wird. Kommt ein Gast nicht zur gewohnten Zeit in den Speisesaal – was selten passiert – hat das meist einen triftigen Grund. „Wo ist der Herr von dem Tisch da vorne?", fragt ein Ober besorgt, auf seiner Stirn machen sich Sorgenfalten breit. In diesem Fall sind die Verkehrsbehinderungen in und um Palma während der Feiertage schuld. Sie waren in den vergangenen Tagen im Hotel María Isabel Aufreger Nummer eins, weil auch jene Busse im Stau steckten, in denen die Se­nioren saßen. Das Verkehrs­chaos hat die penibel ausgearbeitete Tagesplanung einiger Hotelgäste über den Haufen geworfen. Für die Teilnehmer ein willkommener Anlass, die Playa de Palma beziehungsweise die Hotelanlage nicht mehr zu verlassen. Hier sei es sowieso am schönsten.

15 Uhr Boccia, 17.30 Uhr Waffeln backen, 20 Uhr Bingo – die Klassiker des Freizeitprogramms sind gut besucht. Geliebt wird, was gesellig ist. Und voll ist die Lounge, wenn am Abend der „International Dance Music Player" auftritt – ein Alleinunterhalter, der mit Mikro und Mischpult durch die Hotels der Insel zieht. Allerdings: Immer mehr Gäste möchten sich auch sportlich betätigen, etwas lernen. Die Veranstalter reagieren und bieten ihren Kunden Vortragsabende sowie Fitness- und Sprachkurse an. Die Tui-Gruppe will ihre Kunden zum Beispiel verstärkt mit Yoga­einheiten, Gedächtnisübungen und Walken auf Trab halten. „Die älteren Menschen von heute bezeichnen sich nicht mehr als ­Senioren", glaubt Tui-Sprecher Michael Blum. Jetzt sei das Zeitalter der Best-Agers angebrochen. Dementsprechend taucht das S-Wort auch immer seltener in den Programmbeschreibungen der Veranstalter auf. Unterstrichen wird die Neuausrichtung auch mit anderen neuen Namen, mit denen die Veranstalter ihre Angebote bewerben: Club Elan oder Club Vital, zum Beispiel – da schwingen Hüfte und graue Zellen schon beim Lesen mit.

In der Printausgabe lesen Sie außerdem:
- Senioren an der Playa: 100 Wörter Spanisch in einer Stunde - "Ich will doch nicht herumgammeln"

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