AUS BERLIN BERICHTET HOLGER WEBER
Die Lust der Deutschen am Verreisen ist trotz der Wirtschaftskrise ungebrochen, heißt es bei den Reiseveranstaltern und in Meinungsumfragen. Noch nicht eindeutig absehbar ist hingegen, ob Mallorca davon so wie in der Vergangenheit profitieren wird. Die Insel entwickelt sich immer mehr zur einem Ziel für Spätbucher. Das ist die Kernbotschaft der wichtigsten deutschen Reiseveranstalter, die am Mittwoch (10.3.) bei der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin ihre Prognosen für den kommenden Sommer abgaben.
„Diese Saison wird so spannend wie nie zuvor", sagte Volker Böttcher, der Chef des Branchenprimus Tui. Auch der Veranstalter Rewe geht davon aus, dass sich erst kurz vor Saisonbeginn ein Urteil über den bevorstehenden Sommer fällen lässt. Während die Tui rückläufige Zahlen für Mallorca und Ibiza vermeldete, gingen die Buchungszahlen beim Konkurrenten Rewe nach oben.
Auch die Anbieter Thomas Cook und Alltours wollten sich noch nicht festlegen. Michael Tenzer, Chef für Flugreisen bei Thomas Cook, hofft auf ein ähnliches Ergebnis wie im vergangenen Jahr. Alltours peilt nach Angaben seines Geschäftsführers Willi Verhuven ein leichtes Plus von fünf Prozent an, machte aber keine Angaben über die aktuellen Zahlen.
Alle Veranstalter appellierten an die Hoteliers auf Mallorca, angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Situation ihre Preise nach unten zu korrigieren, um in den kommenden Monaten für den Preiskampf mit den Konkurrenten gewappnet zu sein. Diese sitzen nach Angaben der Unternehmen vor allem im östlichen Mittelmeer. Länder wie die Türkei, Tunesien und Ägypten profitierten von einem günstigen Wechselkurs und geringen Produktionskosten.
Außerdem habe sich die Konkurrenz der Balearen auch auf dem Gebiet der touristischen Dienstleistungen merklich verbessert. „Sie haben neue Hotels und einen zunehmend besser werdenden Service", so Sören Hartmann.
Die Reiseveranstalter wollen nun mit einer Qualitätsoffensive die im reinen Preiskampf unterlegenen Balearen für die Zukunft rüsten. Dabei verfolgen die Unternehmen unterschiedliche Strategien. Die Tui strebt laut Böttcher auf den Balearen langfristige und exklusive Partnerschaften mit den Hoteliers an. „Nur so können wir gewährleisten, dass wir dem Kunden ein gleichbleibendes Niveau bieten können", sagte er. Man solle auf Mallorca vor allem die Tendenz zum späten Buchen als Chance begreifen und an der Qualität der Angebote arbeiten.
Im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit der Balearen-Regierung zeigte sich der Tui-Chef zufrieden. Man habe bei der ITB eine engere Kooperation beschlossen, die noch vor dem Beginn der Tourismussaison Erfolge zeigen soll. Dabei handelt es sich um gemeinsame Marketingmaßnahmen, auf die der Tui-Chef jedoch nicht näher eingehen wollte.
Der Rewe-Konzern, der mittlerweile Thomas Cook als zweitwichtigsten Reiseveranstalter auf den Balearen abgelöst hat, startete seine Qualitätsoffensive nach eigenen Angaben bereits im vergangenen Jahr. „Wir haben unser Portfolio geändert. Wenn ein Hotel nicht mehr unseren Anforderungen genügt, fliegt es raus", so Unternehmenssprecher Tobias Jüngert.
Wichtig seien bei der Neuaufstellung des Portfolios vor allem die Substanz und die Serviceleistungen der Hotels gewesen. Auch habe man sich stark nach den Bewertungsportalen im Internet gerichtet. „Wir haben die Angaben der Gäste dort sehr genau ausgewertet und unsere Schlüsse daraus gezogen."
Thomas Cook möchte in den kommenden Wochen gemeinsam mit der Balearen-Regierung neue Marketingstrategien entwickeln. Auch will das Unternehmen in die Fußstapfen des Konkurrenten Tui treten, der jedes Jahr im Oktober mehr als 6.000 Ausdauersportler zum Tui-Marathon auf die Insel bringt. Thomas Cook will ebenfalls ein sportliches Großevent auf die Beine stellen, das erstmals 2011 ausgerichtet werden soll. „Wir gehen von etwa 2.000 Teilnehmern aus", sagte Michael Tenzer, ohne nähere Angaben zu machen.
Auch will Thomas Cook an besonderen Rabatten für Frühbucher festhalten. Im vergangenen Jahr bekamen Familien, die bis Dezember ihren Sommerurlaub auf den Balearen gebucht hatten, von dem Reisekonzern ein „Kindergeld" in Höhe von 100 Euro pro Kind angerechnet. Zudem wurden die ersten 55.000 Gäste mit einem Rabatt von 40 Euro belohnt. Er appellierte an die Hoteliers, jetzt auch ihren Beitrag zu leisten, um die Sommersaison auf den Balearen zu retten. In die gleiche Kerbe schlug Böttcher: „Wir sitzen alle in einem Boot.
Nur gemeinsam können wir erfolgreich sein."
Die Vertreter der Inselwirtschaft nahmen die Forderungen der Reiseveranstalter mit gemischten Gefühlen auf. „Wir befinden uns in einer Sackgasse", sagte Pedro Iriondo, der Vorsitzende des mallorquinischen Fremdenverkehrsverbandes. „Auf der einen Seite fordert man von uns Investitionen, auf der anderen Seite geringere Preise." Für Iriondo gibt es nur einen Ausweg aus dem Dilemma: „Wir müssen im Ausland endlich die Werbetrommel rühren." Als Vorbild nannte er die Türkei, das diesjährige Partnerland der ITB in Berlin.
Die Plakate der türkischen Ferienziele prägen in diesen Tagen nicht nur die Messehallen unter dem Funkturm, sondern auch das Straßenbild der Hauptstadt.
Mallorca habe gegenüber der aufkommenden Konkurrenz im Mittelmeer viele Vorteile wie das große Freizeit- und Kulturangebot sowie die gute Sicherheitslage, so Iriondo. Allerdings müsse man dies auch im Ausland entsprechend vermarkten. Das Werbebudget von 30 Millionen Euro sei im Vergleich mit der Konkurrenz viel zu gering.
Antoni Horrach, der Präsident der mallorquinischen Hoteliersvereinigung, sieht die Inselwirtschaft dennoch auf dem richtigen Weg. „Wir haben bereits große Anstrengungen unternommen, um unser Angebot den wandelnden Ansprüchen anzupassen." Als Beispiel nannte er den sogenannten Plan Renove, der auf Mallorca großen Anklang gefunden habe. Rund 225 Millionen Euro stellt die spanische Zentralregierung den Hoteliers demnach für Modernisierungsmaßnahmen zur Verfügung. Die Wettbewerbsfähigkeit der Inseln werde allerdings stark durch die geplante Mehrwertsteuererhöhung der Zentralregierung beeinträchtigt, meint Horrach. „Das hat uns in der Krise noch gefehlt."
Horrach warnte gegenüber der MZ davor, die Forderungen der Reiseveranstalter überzubewerten. „Der Ruf nach Preisnachlässen ist so alt wie die ITB selbst."
In der Printausgabe vom 11. März (Nummer 514) lesen Sie außerdem:
- Großes Interview mit dem balearischen Ministerpräsidenten Francesc Antich: Tourismus und institutionelle Krise
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