Deutsche Obdachlose am Flughafen Mallorca: Wohnzimmer Terminal

22-07-2010  
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Adresse Ankunftshalle: Brigitte mit ihrer Katze, ihrem Freund Ludwig und ihrem kompletten Hab und Gut.
Adresse Ankunftshalle: Brigitte mit ihrer Katze, ihrem Freund Ludwig und ihrem kompletten Hab und Gut.  Foto: Silke Droll

Weil sie am Flughafen lebt, ist eine 51-jährige deutsche Obdachlose zu einer kleinen Medienberühmtheit geworden. Eine Residentin wollte das nicht mehr mit ansehen und verschaffte ihr Job und Wohnung. Doch so einfach ist das nicht

SILKE DROLL Sie ist die gestrandete „Katzenfrau von Mallorcas Flughafen" und als solche eine kleine Medienberühmtheit: Die obdachlose Deutsche Brigitte (51) lebt seit Jahren immer wieder für mehrere Monate am Flughafen. Erst diesen Frühling machte eine Reportage von „Spiegel TV" wieder auf die ehemalige Zoll-Sachbearbeiterin aufmerksam, die nach diversen Schicksalsschlägen auf der Straße landete. Beziehungsweise auf dem Flughafen.

Auch die Mallorca-Deutsche Gabriele Berger sah diesen Bericht. Sie hatte die aus der Pfalz stammende Brigitte bereits vor Jahren in einem Restaurant am Flughafen kennengelernt und erschrak über die Veränderung der Frau. „Damals wirkte sie sehr gepflegt und ordentlich. Ich habe mich gefragt, wie ein Mensch so tief sinken kann." Berger, die ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen will, beschloss, ­Brigitte ihre Hilfe anzubieten.

Bei ihrer nächsten Reise nach Deutschland suchte Berger die Obdachlose auf und fragte sie: „Wollen Sie hier raus?" „Ja, natürlich", sei die Antwort gewesen. Berger versprach, nach ihrer Rückkehr Wohnung und Job zu organisieren. Der komplette Neustart in ein normales Leben sollte es sein. In Port de Pollença mietete Berger eine kleine Wohnung in Strandnähe, bezahlte die Miete gleich für ein Jahr im Voraus, füllte den Kühlschrank, besorgte Katzenfutter, brachte Bettzeug, Lampen, Kerzen und sogar eine kleine Palme für den Balkon vorbei. „Dass sie erst mal was Schönes hat." Im Bekanntenkreis hörte sie sich nach Arbeit um, und tatsächlich versprach der Betreiber eines Supermarkts einen Job. Eine befreundete Ärztin wollte sich Brigittes schlimme Hauptprobleme anschauen.

An einem Sonntag Mitte Juni war es dann so weit. Die Bergers holten Brigitte mit ihrer Katze, ihrem Hab und Gut und einem weiteren am Flughafen lebenden obdachlosen Deutschen am Flughafen ab. Brigitte hatte darum gebeten, auch ihm zu helfen. Zunächst zeigte sich Brigitte glücklich und gerührt. Sie freute sich über die Waschmaschine, wusch ihre Kleidung, fragte, wie sie sich für die Hilfe bedanken könne.
Doch schnell fingen die Probleme an. Berger, die selbst mehrere Hunde und Katzen hat, kritisierte Brigittes Umgang mit ihrer Katze. „Sie wollte nicht, dass sie mehr als eine Dose Futter frisst, dabei besteht sie nur aus Haut und Knochen. Bewegen durfte sie sich auch nicht. Das Tier wurde angeleint aufs Sofa gelegt." Außerdem habe sich Brigitte geweigert, ihre Hautprobleme untersuchen zu lassen. Bei einem weiteren Besuch in der Wohnung fand Berger Brigitte bei schweißtreibenden Temperaturen mit geschlossenen Türen und Fenster und brennenden Kerzen vor. In der Nacht verschwand schließlich über die Terrasse die eigentlich wie ein Augapfel gehütete Katze. Für Brigitte ein Albtraum. Es kam zu Streit mit ihren Helfern. Berger verbat sich Brigittes Ton. Nach nur drei Tagen wollte Brigitte den Neuanfang nicht mehr, sondern zurück zum Flughafen. Ihr Begleiter blieb noch kurze Zeit länger, dann ging auch er. Die Bergers bezahlten ihm einen Flug nach Deutschland, damit er dort Hartz IV beantragen kann.

Brigitte und ihre wiederaufgetauchte Katze sitzen nun wie vorher so gut wie den ganzen Tag auf einer Stuhlreihe im Außenbereich der Ankunftshalle von Son Sant Joan. Schlecht sieht sie aus. Dünn, blass, an vielen Hautstellen hat sie blutig gekratzte rote, schuppige Flecke. „Reine Nervensache", sagt sie dazu.

Neben ihr sitzt ihr Freund Ludwig. Er lebt, wie etwa fünf bis sieben weitere Menschen, ebenfalls am Flughafen, wenn er nicht gerade als Tellerwäscher auf Ibiza arbeitet. Zwischen den beiden kauert die Katze. Davor stehen überfüllte Gepäckwagen, mit ihrer Kleidung und Essen. Es riecht leicht muffelig. Die Frage, warum sie denn hierher zurückgegangen sei, wehrt sie zunächst ab: „Was soll ich mit einer Vier-Zimmer-Wohnung. Für mich reicht ein Studio." Dann aber erklärt sie: „Ich habe meinen eigenen Willen und bin kein kleines Kind." Sie lasse sich nicht gerne überwachen und sich vorschreiben, wie die Katze zu behandeln sei.

Gabriele Berger hat ihrerseits gelernt, dass Hilfe nur möglich ist, wenn sie auch angenommen wird. Sie warnt: „Ich möchte nicht, dass noch einmal jemand kommt, und Brigitte dasselbe Ding wie mit mir noch mal macht", sagt sie. Bedürftigen helfen wolle sie aber weiterhin. „Ich finde, wenn es einem selbst nicht schlecht geht, ist man verpflichtet zu helfen."

Auch der Berliner Psychologe und Obdachlosen-Experte Theo Wessel sagt: „Was diese Frau gemacht hat, ist hervorragend. Aber es hat nicht ausgereicht." Für die erfolgreiche Rückkehr von Obdachlosen in ein normales Leben brauche es oftmals auch psychotherapeutische Unterstützung. Etwa die Hälfte der obdachlosen Frauen seien psychisch krank. „Und wenn sie keinen inneren Halt haben, kippen sie um."

In der Printausgabe vom 22. Juli lesen Sie außerdem im Report 50 Jahre Flughafen:
- Fluglotsen verderben die Feier
- Quiz zu Mallorcas Airport
- Die Geschichte von Son Sant Joan

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