Wenn die Madonna auf Mallorca auf den Putz haut

Heiligenverehrung, Folklore, Rambazamba: Mitte August wird auf der Insel gefeiert bis zum Umfallen

12-08-2010  
Steckenpferd Volksfest: die „cavallets
Steckenpferd Volksfest: die „cavallets" in Felanitx.  Foto: DM
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BARBARA POHLE Knallfrösche krachen, dumpf dröhnt das Tamburin, dann setzen mit hellem, klaren Ton die Flöten ein – die Fiesta kann beginnen. Am
15. August, Maria Himmelfahrt, erreichen viele Dorffeste auf Mallorca ihren Höhepunkt. Nicht von ungefähr ist das auch der Höhepunkt des Sommers. Die Schüler haben Ferien, viele Berufstätige Urlaub, die Touristen sind da.

Die Muttergottes wird in vielen Dörfern dadurch geehrt, dass am Tag zuvor die alfabague­ras (Basilikumsträucher) zur Kirche getragen und vor einer liegenden Madonna aufgestellt werden. Wahrscheinlich hat der uralte Brauch, an diesem Tag aromatische Kräuter in den Kirchen segnen zu lassen, heidnische Wurzeln. Gesundheit und langes Leben verspricht auch, Babys über die aufgebahrte Maria zu halten. Die llits, wie man die Bahre der Madonna nennt, gibt es auch in der Kathedrale, in der Iglesia de Santa Eulàlia und weiteren Pfarrkirchen Palmas. In einigen Inselgemeinden – Alaró, Porreres und Puigpunyent – wird gleich im Anschluss auch noch der Heilige Rochus, also der Schutzpatron Sant Roc (16.8.) geehrt.

Dabei ist die von vielen Jüngeren gar nicht mehr so ernst genommene Heiligenverehrung nur ein Teil des Festgeschehens, das sich gewöhnlich aus einer gehörigen Portion Folklore, einer weiteren Rambazamba, Essen und Trinken sowie einer kleinen Prise Kultur zusammensetzt. Wie genau die Mischung zwischen der Eröffnungsansprache (pregón) und dem abschließenden Feuerwerk (batucada) ausfällt, variiert von Gemeinde zu Gemeinde. Fest steht jedoch, dass für alle – Jung und Alt, Besucher und Einheimische – etwas dabei sein sollte.

Die Organisation der Fiestas ist Angelegenheit von Männern wie Biel Simonet ­Homar. Der Kulturstadtrat von Alaró ist seit Wochen dabei, das Festprogramm für die Festes de Sant Roc d´Alaró zusammenzustellen. Ähnlich wie seine Kollegen in anderen Gemeinden kann er dabei nicht mehr aus dem Vollen schöpfen. Auch in Sachen Fiestas muss auf Mallorca gespart werden. Schon 2009 war das Budget um 20 Prozent gekürzt worden. „Dieses Jahr müssen wir mit nur noch 40.000 Euro für zehn Tage auskommen", sagt er.

Die Lösung des 44-Jährigen, damit Festprogramm und Wählerschaft nicht allzu sehr in Mitleidenschaft gezogen werden: „Die Bürger organisieren ihr Fest weitgehend selbst." In der Halle des Rathauses wartet schon eine Gruppe Jugendlicher auf ihn: Es sind dimonis (Feuerteufel) in Zivil – und sie stammen diesmal aus dem Dorf. Auch die gegants, die Riesen, sind Eigengewächse. Die örtliche Galerie Addaya richtet „Alart 2010" aus, mit Ausstellungen in Son Tugores, im Rathaus sowie in Bars, Restaurants und Hotels. Und für die Konzerte sind Musiker und DJs aus dem Dorf verantwortlich.

Mit den Anfangszeiten der Veranstaltungen sollte man es auf den Dorffesten übrigens nicht so genau nehmen, viele beginnen später als angekündigt. Und nicht vergessen: An den Ausfahrtstraßen der Fiesta-Hochburgen finden in diesen Tagen vermehrt Alkoholkontrollen statt.


Fiesta-Glossar: Von Alfabaguera bis Xeremies

Alfabaguera: Basilikumstrauch, er wird am 15.8. in der Kirche geweiht.
Ammollada d´anneres: Von Booten aus werden Enten ins Wasser geworfen, Schwimmer müssen sie einfangen. Früher waren es lebende Enten, heute sind es nur noch Plastikentchen. Höhepunkt der Fiestas von Can Picafort.
Atoxa: Katalanische Bezeichnung der berühmten schwarzen Madonnenstatue in Madrid. Die Virgen de Atocha ist die Schutzheilige von Ariany bei Santa Margalida.
Batucada: Knallfeuerwerk zum Anfang und Ende des Festes.
Capgrossos: Übergroße Masken aus Pappmaché.
Carrosses: Thematische Festwagen: Die drei besten carrosses erhalten Preise. Viel ist es nicht, der Gewinn wird meistens für ein Fest der Beteiligten ausgegeben.
Castellers: Menschen, die sich gegenseitig auf die Schultern steigen und so Türme bilden.
Cavallets: Volkstanz mit Reiterfiguren.
Colles: Vereine, die bei den Festen als Riesen, Teufel, capgrossos oder castellers auftreten.
Concurs de dibuixos: Malwettbewerb für Kinder.
Correfoc: Teufelstanz mit Funkenregen. Das Publikum wird vorher über die Sicherheitsvorkehrungen aufgeklärt.
Corregudes de joies: Wettrennen, bei dem die Kinder Süßigkeiten, die an einem Schilfrohr hängen, abgreifen. Früher ging es dabei um Schmuck.
Corsa popular: Volkslauf.
Desfilada: Modeschau oder auch Festzumzug.
Escuma: Schaum. Wenn im Festprogramm davon die Rede ist, handelt es sich um eine Schaumparty. Für Kinder das Größte. Der Dresscode empfiehlt einen Badeanzug.
Gegants: Riesenfiguren, die in traditionellen Trachten umherziehen und meist als Paare auftreten. Sie stellen Figuren aus der Inselgeschichte oder Berühmtheiten aus der Landbevölkerung dar.
Gimcana bruta: Spiele und Wettbewerbe, bei denen Kinder mit Schlamm, Matsch und Wasser toben. Es gibt auch Gimcana mit Mountainbikes und Mopeds.
Misa de festa major: Die wichtigste Messe am Tag des Schutzpatrons oder der
-patronin, meist ein Hochamt mit Chor und Orgelmusik.
Natació: Dörfer mit öffentlichem Schwimmbad veranstalten zu den Festen häufig Schwimmmeisterschaften.
Pintada de carrers: Straßenmalerei für Kinder.
Pregó de festes: Festansprache des Bürgermeisters oder eines Prominenten.
Pujada de banderas: Das Hissen der Fahnen zu Festbeginn.
Revetlla: Der Abend vor  dem eigentlichen Festtag. Man feiert rein.
Sopar de carrer: Abend­essen unter freiem Himmel (auf der Straße). Die Dorfbewohner kochen häufig selbst und legen für die Getränke Geld zusammen.
Verbenas: Abendliche Aufführungen von mallorquinischer Musik- und Tanzfolklore, die meist am Vorabend eines Feiertages stattfinden.
Titelles: Marionetten-­Theater.
Trobada de Gegants: Beim Treffen der Riesen versammeln sich die XXL-Figuren aus mehreren Dörfern.
Versiones: Coverversionen. Inselmusiker spielen bekannte Hits nach.
Xeremía: Inseltypischer Dudelsack, der auf den Sommerfesten meistens von Flöte und Tamburin begleitet wird.
Alaró: Bis zum 16.8. findet das Dorffest zu Ehren des Schutzpatrons Sant Roc statt: Party Alaró yè yè: 14.8. um 24 Uhr, Umzug der Festwagen: 15.8. ab 19 Uhr.
Can Picafort: 15. August, 12 Uhr: Entenfangen vor dem Hotel Mar i Pax, das Fest ist am 21.8. zu Ende.
Cala d´Or: Die Fiestas gehen noch bis 21. August. Wer an der kostenlosen Schiffs-­Prozession (15.8.) teilnehmen will, kann sich beim Tourismusbüro in Cala d´Or anmelden.
Porreres: Am 13. 8. um 20.30 Uhr spielt die Filharmònica Porrerenca. Das Fest zu Ehren von San Roc steigt am 16.8.
Sineu: Fiestas bis zum 21. August, der Circ Bover lädt am 14. und 15.8. zur Feier seines fünften Geburstags ein, www.circbover.com.
Sant Lorenç des Cardassar: Am Samstag, dem 14. 8., findet ab 20 Uhr eine Tapas-Degustation mit Flor de Sal (s´Estació) statt. Danach tanzt man auf der Plaça. 
Ariany: Fiestas vom 27. bis 30. August. Die Schutzpatronin dieses Dorfes ist die Mare de Déu de Atotxo. Am Vor­abend des Hauptfestes (28.8.) spielen Musikgruppen, am Sonntag (29.8.) zieht man von Haus zu Haus und sammelt Basilikumzweige.
Felanitx, Fest des Schutzpatrons Sant Augustí am 28. August. Am Freitag (27.8.) tanzen die cavallets ab 19 Uhr. Am Samstag (28.8.) um 18 Uhr: castellers, 18.30 Uhr, Circ Bover. 

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