Die Abfindung vergessen Sie am besten

In der Wirtschaftskrise werden auf Mallorca die Fronten zwischen Unternehmen und Arbeitnehmern härter – auch Deutsche sind davon betroffen

19-08-2010  
Bei Kündigungen geraten sich Arbeitgeber und Mitarbeiter in Spanien oft über die Höhe der Abfindung in die Haare.
Bei Kündigungen geraten sich Arbeitgeber und Mitarbeiter in Spanien oft über die Höhe der Abfindung in die Haare. Foto: Nele Bendgens

SILKE DROLL Nach knapp zwei Jahren im Unternehmen droht Uwe Weigand die Entlassung. Die Werkstatt, in der der 33-jährige Mallorca-Deutsche in Palma arbeitet, wirft dem gelernten Karosseriebauer zu langsames Arbeitstempo, eine schlechte Einstellung und zu lange Krankheitsphasen vor. Nun soll er im Rahmen eines spanienweiten Job-Abbaus der internationalen Gruppe das Team in Palma verlassen.

Doch mit der schlechten Nachricht allein ist es nicht getan, auch die Weigand zustehende Abfindung will sich die Firma sparen. Stattdessen schlägt sie ihrem Mitarbeiter einen dubiosen Deal vor. „Ich soll zwei Papiere unterschreiben, zum einen eine Auflösung meines Vertrags und zum anderen eine disziplinarische Kündigung. Die soll aber nur dafür gut sein, dass ich Arbeitslosengeld beantragen kann“, erzählt Weigand. Die Vorwürfe seines Arbeitgebers ihm gegenüber weist er zurück. „Ich halte mich genau an die vorgeschriebenen Arbeitsabläufe, ich habe die beste Bilanz von Schäden und Reklamationen, und mein Rückenproblem ist durch die Arbeit leider schlimmer geworden.“

Die Pläne seines Arbeitgebers will Weigand auf keinen Fall mitmachen, obwohl seine Chefin bereits mehr als subtilen Druck ausübt. Mit der Aussicht auf unangenehme Arbeitstage soll Weigand zur Einsicht bewogen werden. In einer Handy-Nachricht schrieb die Vorgesetzte ihrem Mitarbeiter: „Mach nur weiter mit deiner Krankschreibung, wenn du zurückkommst, wird sehr hart gearbeitet und so wird sich dein Rücken daran gewöhnen.“ Weigand will nun die zuständigen Stellen auf Mallorca einschalten, um zu seinem Recht zu kommen.

Ähnliche Probleme wie Weigand haben immer mehr Menschen auf den Balearen. Seit der Wirtschaftskrise ist nicht nur die Zahl der Arbeitslosen auf Rekordhöhe geschnellt. Auch die Anzahl der Streitfälle um Abfindungen nach Kündigungen und um andere Arbeitnehmern aufgrund von Tarifverträgen zustehende Zahlungen ist explodiert. Diese Probleme zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer werden auf den Balearen in einem kostenlosen Schlichtungsverfahren am Tamib (Fundación Tribunal de Arbitraje y Mediación de las Islas Baleares) behandelt.

Erst wenn dort keine Einigung zustande kommt, kann der jeweilige Fall am Sozialgericht verhandelt werden. Während im Vor-Krisen-Jahr 2006 noch 5.553 Schlichtungsverfahren mit Einzelpersonen am Tamib durchgeführt wurden, waren es im vergangenen Jahr bereits 10.723 Verfahren. Auch in diesem Jahr sei eine ähnlich hohe Zahl zu erwarten, sagt Schlichter Pedro Calvo von der Gewerkschaft UGT (siehe rechts). Entsprechend häuft sich auch die Arbeit beim Sozialgericht in Palmas Stadtteil sa Gerreria. „Da liegen tausende von Fällen“, sagt Calvo.

Für viele andere arbeitsrechtliche Probleme, die nicht im Zusammenhang mit dem jeweiligen Tarifvertrag, sondern mit staatlichen Vorschriften stehen, ist auf den Balearen die „Inspección de Trabajo y Seguridad Social“ zuständig. Die Behörde der Zentralregierung kümmert sich um Themen wie die Einhaltung von Arbeitszeiten und Pausen, die Abführung der Sozialversicherungs- und Arbeitslosenversicherungsbeiträge, die Diskriminierung am Arbeitsplatz und die Arbeitssicherheit.

Bei der Behörde ist seit der Wirtschaftskrise vor allem die Arbeit für die sogenannten sub­inspectores gewachsen, die sich ausschließlich mit Problemen rund um die Sozialversicherung und Arbeitslosengeld beschäftigen. Immer mehr Arbeitgeber versuchen, sich die Zahlung der Sozialversicherungsbeiträge an die Seguridad Social zu sparen. „Das waren im vergangenen Jahr 15 Prozent mehr als im Jahr zuvor“, sagt Behördenleiter Pablo Páramo. Mitarbeiter, deren Arbeitgeber nicht korrekt vorgehen, können das jeweilige Unternehmen bei der inspección anzeigen. „Sie können persönlich kommen oder wenn Sie dazu keine Gelegenheit haben, auch einen Brief mit Ihrer Anzeige schicken. Auf alle Fälle aber müssen Ihre persönlichen Daten enthalten sein, anonyme Anzeigen verfolgen wir nicht“, sagt Páramo. Die Inspektoren der Behörde überprüfen dann das jeweilige Unternehmen, die Hintergründe dazu werden der Firma nicht erläutert.

Auch die Mallorca-Deutsche Hildegard Taschner (Name geändert) will demnächst eine Anzeige gegen ihren Arbeitgeber bei der Inspección de Trabajo einreichen. „Mir wurde mein Gehalt gekürzt, als ich eine Woche krank war“, berichtet sie. Inzwischen hat sie herausgefunden, dass dieses Vorgehen auch in Spanien nicht rechtens ist. „Das ist nicht legal“, sagt auch Pablo Páramo, „wir können gegen das Unternehmen eine Sanktion aussprechen.“ Die Angestellte müsse aber die ihr zustehende Ersatzzahlung von der Seguridad Social einfordern. Diese hole sie sich dann vom Arbeitgeber.

Viele Probleme zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern sind aber auch komplizierter und lassen sich, wenn überhaupt, nur vor Gericht klären. So klagt die Mallorca-Deutsche Eva Triebenbacher (Name geändert) derzeit mit Hilfe eines Anwalts gegen ihren früheren Arbeitgeber, einen Notar im Norden der Insel. Der Jurist, der sie aus einem befristeten Arbeitsverhältnis mit einem Festvertrag abwarb, forderte sie zunächst dazu auf, sich vor der Einstellung bei ihm arbeitslos zu melden, um so eine staatliche Förderung zu kassieren. Dann machte er der gelernten Fremdsprachenkorrespondentin das Leben zur Hölle. „Er war total aggressiv, suchte ständig nach Fehlern, man konnte ihn nicht ansprechen, weil er bei jeder Kleinigkeit total ausflippte“, erzählt Triebenbacher. Manchmal habe er ganze Tage ohne Grund kein Wort mit ihr gesprochen, oder er schrie so laut, dass man es auf der Straße hören konnte. Gegen Ende der Probezeit bekam die Deutsche dann die fristlose Kündigung.

Die 43-Jährige fühlt sich unfair behandelt. „Als er mich einstellte, wusste er, dass ich keine Erfahrung in einem Notariat hatte, trotzdem erledigte ich bereits nach zwei Monaten einen großen Teil der Arbeit selbstständig.“ Ihre Vorgängerin sei auf die gleiche Art behandelt und gefeuert worden, Triebenbacher vermutet dahinter System. „Ich gehe vor Gericht, auch wenn es mir finanziell nicht viel bringen wird, aber ich will mein Recht.“

Anlaufstellen bei Ärger mit dem Arbeitgeber:

Inspección de Trabajo y Seguridad Social
C/. Miguel Capllonch, 12, Palma, Tel.: 971-77 16 10, E-Mail: itbaleares@mtin.es

Tamib (Fundación Tribunal de Arbitraje y Mediación de las Islas Baleares)
Avinguda Comte de Sallent, 11, Palma, Tel.: 971-76 35 45
E-Mail: info@tamib.es

Gewerkschaft UGT, C/. Font i Monteros, 8, Palma, Tel.: 971-76 44
88, E-Mail: uca@baleares.ugt.org

In der Printausgabe vom 19. August (Nummer 537) lesen Sie außerdem:
- Schlichter Pedro Calvo im Interview

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