´Erzherzog tot. Denke an alles´

Mit Familie saß der Mallorquiner Antonio Vives im Ersten Weltkrieg in einem Schloss der Habsburger fest – und erbte es am Ende. Die dramatischen letzten Jahre im Leben des Sekretärs von Ludwig Salvator

27-01-2011  
Blick auf Schloss Brandeis
Blick auf Schloss Brandeis Foto: Archiv

Die Dürftigkeit dieser Leute ist nahezu packend", schreibt ein Zeitzeuge. „Ich sah den alten Vives in einem verschlitzten Sommerüberzieher, der ihn vor der ungewohnten nordischen Kälte (...) nicht zu schützen vermochte. (...) Die beiden alten Männer Vives und Calafat baten mit Tränen in den Augen, ihnen nun recht bald die Heimreise zu ermöglichen."

Die Worte stammen aus dem Bericht eines Beamten, den das „Obersthofmarschallamt" des Österreichisch-Ungarischen Kaiserhofs im November 1915 in das böhmische Städtchen Brandeis entsandte, um nachzusehen, wie es den ehemaligen Begleitern des Erzherzogs Ludwig Salvator ging.

Der Habsburger, der einen großen Teil seines Lebens im Mittelmeerraum und speziell auf Mallorca verbracht hatte, war knapp einen Monat zuvor (am 11. Oktober) ebendort verstorben. Wie alle Erzherzöge der Monarchie war er nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs vom Kaiser persönlich angewiesen worden, sich auf sein Stammschloss zurückzuziehen. Mit Salvator war auch dessen Gefolge nach Böhmen gekommen, darunter Antonio Vives, sein langjähriger Sekretär und Vertrauter.

Nun, nach dem Tod seines Herrn nur Monate nach der Ankunft, saß der Mallorquiner mitsamt eines Teils seiner Familie im Schloss fest. An eine Rückkehr nach Mallorca war wegen der Kriegsereignisse nicht zu denken. Das harsche Klima setzte den Insulanern ebenso zu wie ihre unklare Situation. Zu Lebzeiten des Erzherzogs hatten sie an dessen Reisen teilgenommen und nie materielle Not gelitten. Doch nun wusste niemand, wie es weitergehen sollte. Das Schloss war faktisch herrenlos und sollte es bis 1917 bleiben. Das Testament des Erzherzogs war zwar rasch entdeckt worden – in einem Koffer im Landgut Son Moragues bei Valldemossa –, lag jedoch zwei Jahre lang ungeöffnet in der österreichischen Botschaft in Madrid. Vermutlich trugen die Kriegswirren ebenso wie der heikle Inhalt des Dokuments dazu bei, dass der Nachlass mit großer Verzögerung abgewickelt wurde.

Dazu kam, dass Ludwig Salvator seine finanziellen Angelegenheiten eher salopp gehandhabt hatte. Seinen zahlreichen Mitarbeitern und Begleitern hatte er zwar alle Sorgen bezüglich Wohnung, Kost, Kleidung und Wäsche abgenommen, doch nie regelmäßige Gehälter bezahlt, lediglich hie und da ein Taschengeld.

Mit Salvators Tod zerfiel auch der Zusammenhalt in seinem Gefolge. War die „Familie" des Erzherzogs, der nie geheiratet hatte, zu dessen Lebzeiten eine harmonische Gruppe gewesen, verwandelte sich der nunmehr führerlose Haushalt in eine Schlangengrube, wie Salvator-Biograf Juan March* berichtet: „Sie waren nun unkontrolliert und verfolgten ihre eigenen Interessen."

Des Weiteren trat mit dem Ableben des unorthodoxen Adeligen ein bis dahin gut gehütetes Geheimnis zutage: Salvator hatte weit über seine Verhältnisse gelebt und war bei seinem Tod praktisch pleite. Auf seinem Stammschloss lastete eine riesige Hypothek, überdies hatte sich der abenteuerlustige Habsburger bei seiner Schwester, der Fürstin Luise zu Isenburg-Birstein, verschuldet.

Da saß sie also, die bunte Truppe des Erzherzogs, in einem prächtigen Schloss und bibberte in einem klammen Herbst einem eiskalten böhmischen Winter entgegen: Atonio Vives, damals 61 Jahre alt, mit seiner zweiten Gattin Ana Vives, Tochter Luisa (Luigina) und dem Sohn aus erster Ehe, Luis Antonio Vives y Venezze.

Eine Schwangerschaft war verantwortlich dafür, dass ein Teil der Vives-Familie noch knapp vor Ausbruch des Krieges nach Spanien zurückgekehrt war: Luisa, seine Tochter aus erster Ehe, mit ihrem Gatten sowie ihrem Bruder Luis Salvador Vives. Der Letztgenannte wurde zum Gewährs- und Kontaktmann des Salvator-Haushalts auf Mallorca. Als der Erzherzog starb, schickte ihm die Gouvernante ein Telegramm mit der knappen Nachricht: „Erzherzog tot. Denke an alles. Lass alles versiegeln."

Antonio Vives und seine Familie waren nicht die einzigen Mallorquiner in Brandeis. Bei dem im eingangs aufgeführten Zitat erwähnten Calafat, der gemeinsam mit Vives den kaiserlichen Beamten anflehte, ihnen die Rückkehr zu organisieren, handelte es sich um Bartolomeo Calafat, vormals Kapitän der Salvator-Yacht „Nixe II" (die bei Kriegsausbruch offiziell in die k.u.k. Marine übernommen wurde).

Mit ihm lebten seine in Venedig geborene Gattin, die als Kindermädchen im Salvator-Haushalt gearbeitet hatte, und ihre beiden Töchter. Neben weiteren Personen unterschiedlichster Herkunft, die dem polyglotten Umfeld des Erzherzogs angehört hatten.

Der nun herrenlose Haufen hatte Glück im Unglück. Das „Obersthofmarschallamt" reagierte rasch und organisierte die Auszahlung von Gehältern, sodass die in Brandeis gestrandeten Salvator-Begleiter ihren Lebensunterhalt bezahlen konnten. Doch über ihnen allen, die dem Erzherzog nahe gestanden hatten, schwebte die Frage der Erbschaft. Laut Biograf Juan March wussten oder ahnten sie alle, dass Antonio Vives, der alte, rauschebärtige Mallorquiner, der in allzu dünnem Gewand dem Winter entgegenschlotterte, zum Besitzer der ganzen Pracht auserkoren war. Das hatte, wie die österreichische Historikerin und Salvator-Biografin Helga Schwendinger** meint, einen ganz einfachen Grund: Alle Kinder aus beiden Ehen des Sekretärs waren in Wahrheit leibliche Nachkommen des Erzherzogs. Indem dieser seinen Besitz nicht an die Krone zurückfallen ließ, wie es hätte geschehen müssen, sondern Vives zum Universalerben machte, „stellte Salvator sicher, dass seine Kinder den Besitz erhielten", sagt Schwendinger. „Es ist die einzige stichhaltige Erklärung für dieses Testament."

Die ganze Pracht von Brandeis – das war trotz der erwähnten Verschuldung des Hausherrn noch ein stattlicher Besitz. Die erzherzöglichen Güter 20 Kilometer nordöstlich von Prag befanden sich seit dem 16. Jahrhundert im Besitz der Habsburger, erstreckten sich über 7.000 Hektar und waren reich bestückt: zwei Schlösser (Brandeis und Prerov), zwei Villen, eine Bierbrauerei mit einer Jahresproduktion von 2.000 Hektolitern, Jagdgründe, eine Fischerei ein Sägewerk und landwirtschaftliche Betriebe.

Trotz dieses Reichtums hatte Ludwig Salvator seinem Stammsitz nie viel abgewinnen können. Nur in seiner Jugend hatte er das Renaissanceschloss bewohnt, und dann die letzten fünf Monate seines Lebens. Das Klima dürfte einer von mehreren Gründen für die Abneigung gewesen sein: Salvators Drang in den Süden war nicht nur romantisch motiviert, eine fortschreitende Elefantiasis – der Habsburger litt mit zunehmendem Alter unter immer größeren Geschwüren – war im milden Klima des Mittelmeers weniger virulent.

Lediglich seiner Brauerei fühlte sich der Aristokrat zeit seines Lebens herzlich verbunden: Nach Mallorca ließ er sich kistenweise Bier aus dem Stammschloss nachschicken …

Als im Juni 1917 in der österreichischen Botschaft in Madrid endlich das Testament geöffnet wurde, platzte die Bombe: Vives und seine vier Kinder waren auf einen Schlag reich. Ihnen fielen nicht nur sämtliche Besitztümer des Erzherzogs auf Mallorca zu, im Wesentlichen acht Landgüter, sondern auch Anwesen in Ägypten, Triest und Nizza.

Und natürlich Brandeis. Dort brach umgehend ein bitterer Kleinkrieg um die nicht eindeutig zugewiesenen Teile des Erbes aus. Denn viele hatten wegen ihrer persönlichen Nähe zum Erzherzog mit einem Stück des Kuchens gerechnet.

„Ludwig Salvator, der zeit seines Lebens keine Beziehung zum Geld hatte und damit zwangsläufig nicht umzugehen vermochte, hat durch sein zweifellos sehr unpräzise formuliertes Testament den Rechtsanwälten und Hinterbliebenen eine Menge Arbeit und Ärger verursacht", schreibt Helga Schwendinger in ihrer Salvator-Biografie. „Vieles blieb ungeklärt, die Entfernung zwischen Mallorca und Wien war aufgrund der Kriegsereignisse unüberbrückbar."

Klar war, dass Vives und seine Nachkommen die richtig dicken Brocken des Nachlasses erhielten. Die Mallorquiner wiederum hatten nichts Eiligeres zu tun, als Brandeis zu verkaufen, um die Schulden zu bezahlen, die ihnen Salvator ebenfalls vererbt hatte.

Nur vier Monate lang konnte sich Antonio Vives aus Deià als Besitzer eines Habsburger-Schlosses in Böhmen fühlen. Im Oktober 1917 fand der herrschaftliche Besitz einen solventen Käufer: Karl I., Österreichs letzter Kaiser. Um acht Millionen Kronen kaufte er die Domäne Brandeis (die nach dem Krieg prompt vom neu gegründeten tschechoslowakischen Staat enteignet wurde).

Von all dem bekam Vives nichts mehr mit. Sehnsüchtig erwartete er die Gelegenheit, nach Jahren des ungewollten Exils nach Mallorca zurückkehren zu können. Doch verstarb er am 19. Juni 1918, ohne seine Heimat wiedergesehen zu haben. Er wurde auf dem Ortsfriedhof von Brandeis ehrenvoll beigesetzt.

Fünf Monate nach seinem Tod endete der Krieg. Nun konnte die Vives-Witwe Anita mit ihrer Tochter und ihrem Stiefsohn zurückkehren. Und nun beginnt ein weiteres, nicht weniger surrealistisches Kapitel der Odyssee.

Denn die Familie hatte sich den Kaufpreis für Brandeis – abzüglich Schulden und Hypothek – bar ausbezahlen lassen. Buchstäblich mit Koffern voller Geld durchquerten die Mallorquiner halb Europa und betraten die Heimat-insel als Millionäre.

Doch war in der Zwischenzeit nicht nur die Österreichisch-Ungarische Monarchie zusammengebrochen, sondern auch deren Währung. Kaum eine ausländische Bank nahm die entwerteten Kronen-Noten noch an. Die Familie Vives konnte mit ihrem sagenhaften Geldschatz die Zimmer tapezieren – kaufen konnte sie damit nichts mehr.

Deshalb versilberten die Erben des Erzherzogs nach Brandeis auch alle anderen Besitztümer außerhalb Mallorcas. Die possessions auf der Insel samt Inhalt – zum Teil umfangreiche Archive des Erzherzogs – wurden unter den Nachkommen aufgeteilt, heute befinden sich jedoch nur noch wenige wie Miramar und Son Marroig im Besitz von Nachkommen der Familie. Erst vor kurzem verkauften Vives-Nachfahren die possessió Son Moragues bei Valldemossa.

Allerdings hatte schon Ludwig Salvator damit begonnen, Familienbesitz zu versilbern, weil er zuletzt derart in der Klemme gesteckt hatte, dass die Banken ihm kein Geld mehr liehen.

Miramar und Son Marroig sind heute die einzigen Landgüter, deren Besitzer zwei wichtige Bedingungen des Testaments erfüllen: Dass nichts zu verändern sei und die Gebäude öffentlich zugänglich bleiben sollten.

Ironisch mutet an, dass der Erzherzog und sein Vertrauter – zwei Männer, die den Süden liebten – im kalten Norden begraben liegen: der Mallorquiner Vives auf dem Friedhof von Brandeis und Ludwig Salvator standesgemäß in der ganzjährig klammen Kapuziner-gruft in Wien.

* „El Archiduque", Juan March Sencillo (Olañeta, 1983).
** „Erzherzog Ludwig Salvator – der Wissenschaftler aus dem Kaiserhaus", Helga Schwendinger (Amalthea Verlag, 1991, Olañeta, 2005).




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