Höhlen auf Mallorca: Konkurrenzkampf im Untergrund

Fünf Höhlen buhlen auf der Insel um die Gunst der Besucher - und verfolgen dabei sehr unterschiedliche Strategien

18-08-2011  

FRANK FELDMEIER Dass zwischen den Höhlen ein verschärfter Wettbewerb stattfindet, zeigt schon der Schilderwald an der Ortseinfahrt von Porto Cristo. Vor kurzem ist ein weiteres Schild hinzugekommen, das sich nicht übersehen lässt. Mit mehr als 20 Metern Länge wirbt es für die Drachenhöhle und soll Autofahrer animieren, geradeaus weiterzufahren – statt zur konkurrierenden Hams-Höhle abzubiegen. Legal ist das nicht, die Stadtverwaltung von Manacor hat ein Verfahren eingeleitet. Es werde geprüft, ob sich das Schild legalisieren lasse, räumt Toni Servera ein, Enkel der Besitzer-Familie. Das sei aber ein langwieriger Prozess, bei dem auch der Inselrat zu entscheiden habe. Das Schild, so die Argumentation, sei keine Werbung, sondern rein informativ. Es soll augenscheinlich verhindern, dass Urlauber aus Versehen bei der Konkurrenz landen. Dort will man den Coup des Mitbewerbers nicht kommentieren.

Die Coves del Drach und die Coves dels Hams bei Porto Cristo sind zwei von fünf touristisch erschlossenen Höhlen auf Mallorca, die sehr unterschiedlich um Besucher buhlen – während sich einige Betreiber auf die Wirkung der Natur verlassen und mit fundierten Führungen punkten, greifen andere auf Musik, Show und Spezialeffekte zurück (siehe Printausgabe oder E-Paper). Was am besten ankommt, lässt sich schwer überprüfen – keine der allesamt in Privatbesitz betriebenen Höhlen veröffentlicht Besucher-Zahlen.

„Uns sind die Privatautos lieber als die Busse mit Reisegruppen", sagt Maria Antònia Siquier, Geschäftsführerin der Höhlen von Campanet. Geführt wird in kleinen ­Gruppen, statt Licht- und Musikshow stehe die Höhle mit ihren geologischen Besonderheiten im Vordergrund. Ähnlich ist das Konzept in Artà. Zwar gibt es ein dreiminütiges Licht- und Musik-Intermezzo, dieses diene aber vor allem dazu, die Akustik der Höhle zu demonstrieren, sagt Geschäftsführer Miquel Ginard. Die Besucher sollten vor allem die Natur der Höhle erleben können.

Tief in die Kiste mit Show-Effekten greift man dagegen in Porto Cristo – in der Drachenhöhle hat das eine jahrzehntelange Tradition. Man habe das Konzept praktisch seit den 30er Jahren beibehalten, sagt Servera – bis hin zum Repertoire der Streicher, die auf dem unterirdischen See ein kurzes Konzert geben. Die Höhlen-Tour sei eben nicht für Geologie-Studenten, sondern für Urlauber konzipiert. Kräftig aufgerüstet wurde hingegen in der nahe gelegenen Hams-Höhle, die mit einer Video-Projektion unterhält. Hier wie auch in der Gènova-Höhle peppen zudem bunte Lichter die Felsen auf.

Höhlenforscher sehen die touristische Erschließung mit gemischten Gefühlen: Je mehr Besucher, desto stärker können sich Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Kohlendioxidgehalt verändern. Rund um die Strahler bilde sich oft die sogenannte Lampenflora aus Mikroorganismen und Algen, sagt der Geologe Joan Fornés von der Balearen-Universität. Diese verändert nicht nur das Erscheinungsbild, sie kann auch den Kalkstein angreifen.

Dennoch machen sich Fornés und sein Kollege Joaquín Ginés keine allzu großen Sorgen: Ein erhöhter Kohlen­dioxidgehalt gefährde vor allem Höhlenmalereien, von denen auf Mallorca ohnehin keine bekannt sind. Und bei der Lampenflora hoffen die Forscher auf das Verantwortungsbewusstsein der Besitzer. „Sie müssten das größte Interesse am Erhalt der Höhle haben", sagt Ginés. Die Konzentration der Besuchermassen auf die fünf Höhlen habe jedenfalls den Vorteil, dass die weiteren cuevas der Insel weitgehend verschont blieben.

Die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit den Besitzer-Familien klappt unterschiedlich gut – wirkliche Schwierigkeiten gebe es keine, sagen die beiden Geologen diplomatisch, das Interesse an einer Kooperation sei allerdings unterschiedlich stark ausgeprägt. Nachholbedarf sehen die Wissenschaftler zudem beim meist dürftigen und mitunter holprig übersetzten Info-Material für die Besucher.

Im Gegensatz zu Mallorca sind die meisten Schauhöhlen in Deutschland in öffentlicher Hand, den Publikumsverkehr organisieren oftmals Pächter. Licht- und Tonspektakel seien Trends der Vergangenheit, sagt Anne Ipsen, Geschäftsführerin der Kalkberghöhle Bad Segeberg, genauso wie auch die Neigung, die Form der Tropfsteine mit allen möglichen Dingen zu vergleichen. „Wir wollen möglichst wenig Eingriff in den Naturraum Höhle", sagt Ipsen – die Schönheit eines Tropfsteins lasse sich auch ohne Vergleiche und bunte Lichter bewundern. Stattdessen setzen Ipsen und ihre Kollegen auf einfache Effekte: Zum Beispiel eine Minute das Licht ausschalten, um die Besucher Stille, Tiefe und Dunkelheit erfahren zu lassen.

Im Kampf gegen die Lampenflora kommen LED-Strahler zum Einsatz: Im Gegensatz zu Halogenstrahlern ist ihr Licht kalt. Auf Mallorca werden sie inzwischen in der Campanet-Höhle eingesetzt. Schon seit zwei Jahren seien die Tropfsteine in einem neutralen Licht zu sehen, betont Siquier. Die Geschäftsführerin will keine Vergleiche zu anderen Mallorca-Höhlen ziehen, betont aber, dass die Coves de Campanet als einzige von der Insel in der Vereinigung spanischer Schauhöhlen (ACTE) vertreten sind. Umgerüstet wird derzeit zudem in Artà – der dortige Bereich der „Hölle" erstrahlt nach Betreiber-Angaben bereits in LED.

Keine Konzeptänderungen sind dagegen in der Drachenhöhle geplant: Die im Jahr 1935 vollendete Beleuchtung des viel zitierten Ingenieurs Carlos Buigas soll nicht in Frage gestellt werden, betont Servera, auch wenn man etwa die Kabel austausche. Wie in der Zeit stehen geblieben wirkt zudem die kleine Höhle von Gènova – die Wärmeentwicklung der Lampen hält sich dennoch in Grenzen. Sie werden bei jeder Führung per Hand ein- und ausgeknipst.

In der Printausgabe vom 18. August (Nummer 589) lesen Sie außerdem:
- Informationen über folgende Höhlen: Coves del Drac, Coves dels Hams, Coves de Artà, Coves de Campanet, Coves de Génova

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