Der falsche Doktor von der Playa de Palma

Ein Deutscher behandelte ohne Zulassung als Arzt auf Mallorca Touristen und Residenten und soll außerdem mit falschen Rechnungen Krankenversicherungen betrogen haben

01-09-2011  
Bei Notfällen an der Playa de Palma war Richard Kuntze (Name geändert) als Notarzt schnell mit Spritze und Verband zur Stelle.
Bei Notfällen an der Playa de Palma war Richard Kuntze (Name geändert) als Notarzt schnell mit Spritze und Verband zur Stelle.  Foto: Nele Bendgens

SILKE DROLL Kreislaufkollaps, Schnittverletzungen, Bronchitis, Knieschmerzen, Halsinfektionen, Magenschmerzen. All diese Krankheiten hat Richard M. Kuntze von Hasenberg (Name geändert) in den vergangenen Jahren bei deutschen Residenten und Touristen auf Mallorca behandelt. Er setzte Spritzen, gab Kortison, verordnete Antibiotika. Seine Patienten glaubten, dass Kuntze Arzt ist. So stand es auf seiner „Notarzt“-Jacke, mit der er im Nachtleben an der Playa de Palma unterwegs war. Als „Dr. med.“ und mit einem aristokratisch klingenden Namen wies er sich auf seinen Rezepten und Rechnungen aus. Laut der mittlerweile vom Netz genommenen Internetseite medicbeach-mallorca.vpweb.de war der 43-Jährige sogar „Leitender Direktor“ einer „Tages-Unfallklinik“ auf Mallorca und bot dort auch Schönheitsbehandlungen mit Botox und anderen Mittelchen an. Nach Angaben auf seinen Rechnungen und Internetseiten ist Kuntze „Plastischer Unfall-Chirurg“ und „Internist“, betreibt „Ästhetische Chirurgie sowie Notfallmedizin“.

Im Juni wurde es brenzlig für Kuntze. Er ließ sich für einen bereits gesendeten Beitrag eines deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders als Notarzt filmen, vor laufender Kamera versorgte er Verletzte im MegaPark, erzählte vom Medizin-Studium in Bochum, Madrid und den USA sowie einer früheren Tätigkeit an der Max-Grundig-Klinik in Baden-Baden. Doch die TV-Reporterin fand später heraus: „Er hat nie in der Max-Grundig-Klinik gearbeitet.“ Eine Auskunft der Ärztekammer auf Mallorca bringt noch mehr Zweifel an Kuntzes Tätigkeit. Ein Mann mit diesem Namen (dem echten) habe nie die obligatorische Zulassung für die Balearen gehabt, teilt die Kammer schriftlich mit.

Zur gleichen Zeit tauchte ein Patient mit einem Rezept von Kuntze bei Michael Springer im Internationalen Facharztzentrum Porto Pi auf. „Ich war wie vom Donner gerührt“, erinnert sich der Internist. Denn auf dem fremden Rezept war neben Kuntzes Namen auch sein eigener verzeichnet, sowie Springers Zulassungsnummer bei der Ärztekammer. So wurde der Anschein einer gemeinsamen Praxis erweckt. Springers selbst ernannter Kollege hatte dem Patienten ein Antibiotikum verordnet, das die Halsentzündung des Mannes aber nicht gebessert hatte. Kein Wunder. „Das verordnete Medikament Actira hilft nicht unbedingt bei Bakterien im Rachenbereich, es wird eher bei Harn- und Darmwegsinfektionen verwendet“, sagt Springer, der Kuntze vor zweieinhalb Jahren kennengelernt und ihn danach aber nicht wieder getroffen hatte. Als Arzt hatte er sich gegenüber dem Internisten damals nicht vorgestellt.

Bereits im Frühjahr begann die private Krankenversicherung Allianz in Deutschland mit Nachforschungen zu diesem deutschen Arzt auf Mallorca, von dem hohe Rechnungen eingereicht worden waren, darunter eine Summe von 2.334,72 Euro für einen notärztlichen Einsatz. Bei der Allianz trat Kuntze allerdings nicht nur als Arzt in Erscheinung, sondern auch als Versicherungsnehmer. „Er schloss unter verschiedenen falschen Namen mit Adressen in Deutschland mehrere Versicherungen ab und reichte dafür Rechnungen ein“, sagt Mitarbeiterin Diana Brömel. Die Versicherung bezahlte. „Erst später stellten wir fest, dass alles erstunken und erlogen ist.“ Auch bei anderen Versicherungen soll Kuntze falsche Rechnungen eingereicht haben. Die Allianz zeigte Kuntze an, die Staatsanwaltschaft Karlsruhe ermittelte wegen Betrugsverdacht.

Dann bekam die Allianz Rechnungen von echten Versicherungsnehmern, Touristen, die von Kuntze jeweils im Juni und Juli nach leichten Verletzungen im MegaPark (eine Schnittwunde und ein Glassplitter im Arm) behandelt worden waren. Deliktemanagerin Brömel begann nun, akribisch den auf der Internetseite medicbeach-mallorca.vpweb.de veröffentlichten Werdegang Kuntzes zu überprüfen. Nach und nach entpuppte sich der vollmundig dargestellte Lebenslauf als Lügengebäude (siehe Printausgabe oder E-Paper). Auf ihre Mails mit Bitten um Kopien der ärztlichen Approbations- beziehungsweise Zulassungsurkunde antwortete Kuntze nicht.

Medizinisches Wissen und Erfahrung in der Behandlung von Patienten hat Kuntze aber durchaus. In seinen Rechnungen verwendet er zahlreiche Fachvokabeln. Viele seiner Patienten, die er wohl hauptsächlich über Mund-zu-Mund-Propaganda an der Playa de Palma gewann, waren zufrieden. „Er spritzte mir mehrfach Kortison ins Knie, ich kann nicht sagen, dass er dabei gepfuscht hat“, sagt eine deutsche Residentin. Als die Schmerzen nicht weniger wurden, habe Kuntze sie zum Röntgen in eine Klinik verwiesen. Zu den Behandlungen kam Kuntze zu seinen Patienten nach Hause oder empfing sie in seiner laut Besucher „sehr bescheidenen“ Wohnung in einem in die Jahre gekommenen Block in Arenal. Eine Klinik, wie auf der abgeschalteten Internetseite medicbeach-mallorca dargestellt, gibt es dort nicht. Bei starken Schmerzen soll Kuntze laut einem Patienten auch Morphium gespritzt haben.

Besonders aktiv war Kuntze in der Nacht. Dann kümmerte er sich etwa öfter um eine deutsche Wirtin an der Playa, die regelmäßig mit starken Kreislaufproblemen kämpft. „Das Gute ist, er ist immer gleich da. Er gibt mir dann eine Spritze und dann geht es wieder“, erzählt die Frau. Sie vertraut dem Mann, den sie schon vor 16 Jahren, als sie nach Mallorca kam, als Gastronom in der Schinkenstraße kennengelernt hatte. „Dort hatte er ein Lokal. Dann ging er zurück. Er sagte damals, dass er seinen Arzt fertig machen will.“ Vor drei, vier Jahren sei Kuntze dann wieder nach Mallorca gekommen.

Oftmals betreute Kuntze Patienten im Touristen-Vergnügungstempel MegaPark. Dort war er bis vor kurzem regelmäßig mit seiner „Notarzt“-Jacke unterwegs. „Er ist einer von mehreren Ärzten, die wir in Notsituationen anrufen“, bestätigt Geschäftsführer Gerry Arnsteiner. Laut einer früheren MegaPark-Mitarbeiterin soll Kuntze während der Fußball-Weltmeisterschaft dort sogar einen speziellen Versorgungsbereich gehabt haben. Doch auch dort hat man Zweifel an Kuntzes Qualifikation bekommen. „Wir haben eine Kopie seines Arztscheins. Wenn der nicht stimmt, sind auch wir Opfer und vorsätzlich getäuscht worden“, sagt Arnsteiner. Anwälte seien zu dem Fall bereits eingeschaltet worden.

Auch kranke Mitarbeiter des MegaParks wandten sich an Kuntze. „Mich hörte er ab und verschrieb Antibiotika, als ich Bronchitis hatte“, erinnert sich Jana Steiner (Name geändert). Die 22-jährige Deutsche jobbte im vergangenen Sommer im MegaPark. Als sie Kuntze noch einmal in der Nacht rief, weil ein Bekannter starke Schmerzen hatte, ärgerte sie sich allerdings über sein Verhalten. „Es war sehr ernst, wir mussten dringend ins Krankenhaus. Aber er schien mir mit der Situation überfordert und wollte uns nicht einmal in die Klinik begleiten.“ Steiner, die selbst Ärzte in der Familie hat, wunderte sich außerdem über Kuntzes ungeschliffenes Auftreten. „Er kam nicht so gebildet rüber wie ein Arzt.“

Neben seiner Tätigkeit als Arzt engagierte sich Kuntze an der Playa de Palma in der Unterhaltungsbranche. Auf einer Internetseite wird er als Leiter eines Cabarets mit Travestieshows in Arenal beschrieben. Ausgerechnet in diesem Lokal kam es zu einem Notfall, als im Juni das Fernsehen einen Beitrag über Kuntze drehte. Dort hatte sich ein Künstler den Fuß verstaucht. Später fand die Reporterin heraus, dass Kuntze offenbar Teilhaber des Cabarets ist. „Er kennt wohl alle Beteiligten des sogenannten Notfalls. Der Unfall und die Reaktionen waren also komplett unecht.“ Einer der Anwesenden war sogar Kuntzes Lebenspartner.

Seit einigen Wochen warnt das Internetportal Verbraucherschutz Spanien (www.vsspanien.info) vor Kuntze und berichtet über ihn als „Falschen Arzt an Mallorcas Ballermann“. Daraufhin ging Kuntze in die Offensive. Zunächst erklärte er auf seiner medicbeach-Seite, eine Sonderzulassung der „Ärzte ohne Grenzen der Europäischen Staaten zu haben“, sprach von einem Rückzug in seine „Sommerresidenz auf Gran Canaria“. Dann tauchte im Internet plötzlich ein neues News-Portal namens www.spanische-deutsche-infothek.com auf. In einem der wenigen Beiträge wird ausführlich für Kuntze Partei ergriffen und der Arzt als Opfer von Rufmord dargestellt. Seltsamerweise wurde die Seite über den gleichen Domain-Anbieter erstellt wie die medicbeach-Seite, die Kontakt-Telefonnummer ist identisch mit der Nummer bei medicbeach.

Zu einem Gespräch mit der Mallorca Zeitung war Kuntze nicht bereit. Er wies allerdings in einem Fax die Vorwürfe von sich. Nicht er, sondern seine Patienten hätten Versicherungsbetrug mit verfälschtem Briefpapier und abgeänderten Rezepten begangen, schrieb er. Dokumente, die ihn als Arzt ausweisen, würden den Ermittlungsbehörden vorliegen.




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