Mallorcas geraubte Kinder begehren auf

Bis in die 80er Jahre wurden in Spanien tausende Babys ihren Müttern weggenommen und illegal adoptiert. Auf der Insel sind rund 100 Fälle bekannt. Mütter und Kinder treffen sich dieses Wochenende

13.10.2011 | 03:00
Catalina Rodríguez (li.) brachte im Hospital General (hier im Hintergrund zu sehen) 1973 einen Sohn zur Welt, den sie bis heute sucht. Antònia Morro (re.) kam in dem Krankenhaus zur Welt, ihrem Vater erklärte ein Priester 1969, dass sie nach der Geburt, wie ihre Mutter, gestorben sei
Catalina Rodríguez (li.) brachte im Hospital General (hier im Hintergrund zu sehen) 1973 einen Sohn zur Welt, den sie bis heute sucht. Antònia Morro (re.) kam in dem Krankenhaus zur Welt, ihrem Vater erklärte ein Priester 1969, dass sie nach der Geburt, wie ihre Mutter, gestorben sei

Am 29. Mai 1973 brachte Catalina Rodríguez im Hospital General im Zentrum von Palma einen Jungen zur Welt. „Ich hielt ihn in den Armen, er hatte ein Grübchen im Kinn", erinnert sich die Mallorquinerin, die erst 16 Jahre alt war, als sie von ihrem heutigen Ehemann zum ersten Mal schwanger wurde. Damals, in der bigotten Franco-Zeit, noch ein Skandal. Ihr Vater warf sie aus dem Haus, und sie verbrachte vor der Geburt knapp zwei Monate in dem öffentlichen Krankenhaus, wo sie in einer speziellen Abteilung für unverheiratete junge schwangere Frauen untergebracht wurde. „Sie nannten es Zimmer der Schande", erinnert sich die 54-Jährige. Am Morgen nach der Geburt erschien eine Nonne an ihrem Bett und erklärte ihr, dass ihr Baby gestorben sei. Die Leiche wollte sie ihr nicht zeigen.

Heute glaubt Catalina Rodríguez, wie Tausende andere Mütter in Spanien, dass die Nachricht vom Tod ihres Neugeborenen eine Lüge war. „Ich glaube, dass sie es verkauft haben und einer Familie zur Adoption gaben." Seit etwa einem Jahr werden spanienweit immer mehr Fälle von Kindesraub und Babyhandel in der Franco-Zeit und darüber hinaus bekannt. Oftmals organisierten katholische Nonnen, Hebammen und Priester mit dem Wissen von Ärzten die illegalen Adoptionen. In ganz Spanien soll es Schätzungen der Opfer-Organisation Anadir zufolge nicht nur in der Franco-Zeit (1939-1975) sondern bis in die 80er Jahre hinein bis zu 300.000 Fälle von Kindesraub gegeben haben.

Die betroffenen Kinder, Geschwister und Eltern organisieren sich seither in Vereinen und fordern Aufklärung. Parallel zu Anadir, der nationalen Vereinigung von Betroffenen irregulärer Adoptionen, findet derzeit auch eine Gruppe auf Mallorca zusammen. Die Rede ist mittlerweile von rund 100 bekannten Fällen auf der Insel.

Einige Betroffene, wie Catalina Rodríguez, tauschen sich bei Facebook aus. Am Samstag (15.10.) sollen sich einige der Kinder, die nach ihrer Herkunft forschen, mit Müttern, denen ihre Babys abgenommen wurden, bei einer Informationsveranstaltung von Anadir in Palma persönlich kennenlernen.

Zunächst war der Kinderraub in Franco-Spanien ein weiteres ­Instrument der Repression. Im Bürgerkrieg (1936-1939) und während der Nachkriegsjahre wurden etwa weiblichen Gefangenen ihre Babys entrissen, um zu verhindern, dass sie von republikanisch gesinnten Familien erzogen wurden. Später ging die Kindesentziehung subtiler vonstatten. Die Opfer waren oftmals junge Frauen mit wenig Geld, die unverheiratet schwanger geworden waren. Nach der Geburt hieß es, das Kind sei gestorben. In Wirklichkeit wurde es meist gut situierten, kinderlosen und regimetreuen Paaren übergeben. Die Drahtzieher folgten einer verqueren Moral und spielten mit ihrem Einfluss Gott. „Das geschah aus einer falsch verstandenen Nächstenliebe heraus. Die beteiligten Personen dachten, sie übergeben das Kind einer Familie, die sie für besser geeignet hielten", sagte der leitende Staatsanwalt der Region Madrid, Eduardo Esteban, kürzlich in einem Interview mit „El País", der Zeitung, die bisher am ausführlichsten über das ungeheuerliche Thema berichtet hat. Anadir-Anwalt Enrique Vila dagegen macht kriminelle Netzwerke verantwortlich, die sich an dem Kinderhandel bereichern wollten.

Jahrzehnte danach gibt es oft weder Beweise für den Tod der Kinder noch für deren Überleben. Auffällig sind aber Unstimmigkeiten in den zumeist wenigen Akten, das Fehlen von Dokumenten sowie irreguläre Verwaltungsvorgänge. Außerdem gibt es die vielen, heute erwachsenen Kinder, die von ihrer illegalen Adoption erfahren und nach ihren Eltern suchen.

Zu Catalina Rodríguez hatte die Nonne gesagt, dass es besser für sie sei, wenn sie die Leiche ihres Babys nicht sehe. „Ich solle den Jungen so in Erinnerung behalten, wie ich ihn gesehen hatte. Er müsse doch getauft werden, sagte ich. Sie antwortete, dass sie sich um alles kümmern würde. Die Leiche wollte sie mir auf keinen Fall zeigen. Ich war noch jung und was man mir sagte, zweifelte ich zunächst nicht an."

Doch das seltsame Verschwinden ihres angeblich toten Babys ließ Catalina Rodríguez nie wieder los. „Ich hatte immer diese Ahnung, dass es nicht gestorben ist." In den Akten, die sie mühsam zusammengetragen hat, gibt es viele Ungereimtheiten. In den Papieren steht, das Kind sei am 28. März zur Welt gekommen. Es kam aber an Catalina Rodríguez´ Geburtstag, am 29. März. Auch die Uhrzeit ist falsch. Festgehalten wurde dort, dass es nach 25 Minuten starb, Rodríguez sah es aber noch Stunden später lebendig im Brutkasten. Vom Friedhof kam die Auskunft, dass namenlose „Abgänge" aus dem Hospital General lediglich am 29. Mai und 9. Juni 1973 begraben worden wären. Hinweise auf die Mütter hat die Friedhofsverwaltung nicht. Im Laufe ihrer Suche stieß Rodríguez bereits auf einen ihr ähnlich sehenden jungen Mann, der adoptiert worden war. Doch ein DNA-Test ergab keine Verwandtschaft.

Auch Miquel Morro würde nur mit einem Gentest seine Zweifel klären können. Er sucht nach seiner Mutter. Erst vor sechs Jahren sagte ihm seine Adoptivmutter, dass sie ihn nicht zur Welt gebracht hatte. „Sie setzte mich in ihrer Wohnung in Palma auf das Besuchersofa und eröffnete mir, dass ich adoptiert sei. Sie übergab mir die Dokumente dazu und sagte, sie wisse nichts Näheres."

Seitdem antwortet Morro bei der Frage nach seinem Alter: „Ich bin 42. So geht es zumindest aus der Rechnung hervor, die meine Adoptiveltern für den Krankenhausaufenthalt meiner echten Mutter bezahlt haben. Wann ich wirklich geboren bin, weiß ich nicht." Morro wird zwar im Familienstammbuch als leibliches Kind geführt, doch das ist eine Lüge. Es gibt ein Dokument vom 10. August 1969, das nicht mehr als ein handgeschriebener Zettel ist (siehe rechts), in dem Morros leibliche Mutter mit ihrer Unterschrift auf ihre Rechte verzichtet. „Zusammen mit der Unterschrift eines Vertreters der Staatsmacht genügte das damals", sagt Morro. Auf dem Zettel unterschrieb auch der Schwager seiner Mutter, ein Guardia-Civil-Beamter.

Heute kann Morro seine Adoptiveltern nicht mehr fragen. Sein Vater starb, als er ein kleines Kind war, seine Mutter 2009. „Aber ich habe den Eindruck, dass sie immer etwas verheimlichen wollte." Kurz nach Morros Geburt zogen seine Eltern von ihrer Wohnung in der Straße Manacor in die Gegend bei der Stierkampfarena. „Wo kein Nachbar wusste, dass ich kein leibliches Kind war." Später erfuhr Morro, dass seine Mutter, die er als kühl und distanziert beschreibt, beim Roten Kreuz interveniert hatte, damit er zum Militärdienst nicht aufs Festland geschickt wurde. „Sie hatte Angst, dass ich dort irgendetwas herausfinden könnte."

Aus der Rechnung, die ihm seine Mutter gegeben hatte, ging hervor, dass Morro in der früheren Privatklinik Rotger in der Straße General Riera zur Welt gekommen ist. „Meine Eltern zahlten einem Gynäkologen 5.000 Peseten für seine Dienste." Ob sie abgesehen davon noch mehr Geld für ihn bezahlten – aus anderen Fällen sind Summen von 50.000 bis 500.000 Peseten bekannt–, weiß er nicht.

Morro fand heraus, dass es in Spanien fünf Frauen mit dem Namen seiner mutmaßlichen echten Mutter gibt. Auf gut Glück rief er sie an und fragte nach. Bei einem Anschluss in einem Dorf in Andalusien antwortete ein Mädchen, dass die Frau ihre Mutter sei. „Da nahm ich an, dass ich eine Schwester habe. Ich fuhr persönlich hin und konfrontierte die Frau mit meiner Geschichte, aber sie erschrak und stritt alles ab."

Das war 2007. Damals glaubte Morro noch, so etwas sei nur ihm passiert. Später erfuhr er von der Betroffenen-Organisation Anadir. Als der Verein am 27. Januar 2011 eine Sammelklage 261 Betroffener bei der Generalstaatsanwaltschaft einreichte, war Morros Fall einer davon. Doch als die Anzeigen dann auf die regionalen Staatsanwaltschaften verteilt wurden, lehnten die balearischen Staatsanwälte die Ermittlungen ab. „Sie sagen, das sei kein Fall von Babyhandel, sondern eine irreguläre Adoption", erklärt Morro.

Die Leiterin der Adoptionsbehörde in Mallorcas Inselrat, Maria Luisa Servera, kann das nicht nachvollziehen. „Das sind keine Adoptionen, das ist Kindesraub." Ihre Abteilung durchforstet für die Betroffenen derzeit mehrere Archive. Aufsehen erregte die vor zwei Wochen im „Diario de Mallorca" veröffentlichte Geschichte von Antònia Morro. Mit der Hilfe von Servera und ihrer Mitarbeiterin Joana Corró fand die Mallorquinerin (48) nach langer Suche ihren leiblichen Vater. Die Adoptionsbehörde hat allerdings schon in der Vergangenheit geraubte Kinder mit ihren leiblichen Eltern in Kontakt gebracht. „Normalerweise wollen die Leute das nicht an die Öffentlichkeit bringen", sagt Servera. Dabei machen Geschichten wie die von Antònia Morro auch den vielen Betroffenen Mut, die noch suchen.

Die Mallorquinerin kann ihr Glück selbst noch gar nicht fassen. „Es ist wie im Film", sagt sie. Derzeit trifft sie sich fast täglich mit ihrem leiblichen Vater (77), den sie vor wenigen Wochen zum ersten Mal gesehen hat und der wie sie in Palma lebt. „Er ist wunderbar. Auch er hat mich immer gesucht. Jetzt habe ich so viele Fragen an ihn", erzählt sie euphorisch. Ein DNA-Test brachte Antònia Morro und ihrem Vater Gewissheit. Die Mitarbeiterinnen der Adoptionsbehörde hatten zuvor die Unterlagen sämtlicher Geburten im August 1963 im Hospital General gesichtet. Erschwert war die Suche auch deswegen, weil Morro schon auf einen falschen Namen getauft worden war. „Im Adoptionszertifikat steht Maria del Carmen Ramis Cifre. Meine Mutter hatte aber einen anderen Nachnamen."

Anders als bei Miquel Morro, mit dem sie weder verwandt noch verschwägert ist, verheimlichten ihr die Eltern nie die Adoption. „Der damalige Leiter des Waisenhauses, der Priester Antonio Domenge, sagte ihnen, dass meine Mutter ein leichtes Mädchen war, das mich nicht wollte." Zu mehr Auskünften ließ sich Domenge auch bei weiteren Nachfragen nicht herab. Von ihren mittlerweile verstorbenen Eltern, für die sie nur gute Worte hat, erfuhr sie auch, dass sie bereits lange auf einer Warteliste standen, bis sie seltsamerweise auf einmal nach oben rutschten und ein Baby bekamen. „Kurz davor hatte mein Vater einem seiner Kunden erzählt, dass sie seit Jahren versuchten, ein Kind zu adoptieren. Später wurde bekannt, dass der Kunde zu Opus Dei gehörte."

Wie Morro heute weiß, kam sie am 30. August 1963 im Hospital General in Palma zur Welt – und nicht am 28. August, wie sie bisher glaubte. Ihre leibliche Mutter, eine Hotelangestellte, hatte bereits eine Tochter, doch lebte sie von ihrem Ehemann getrennt. Als sie kurz nach der Geburt im Krankenhaus starb, war der Vater von Antònia Morro bei einem Arbeitseinsatz auf Ibiza. „Als er am nächsten Tag ins Krankenhaus kam, sagte ihm ein Priester, dass wir beide gestorben seien." Als nicht verheirateter Partner bekam er keinerlei Dokumente. Weder er noch Angehörige der Mutter sahen jemals eine Babyleiche. Nach 48 Jahren will ihr leiblicher Vater sie offiziell als Tochter anerkennen. Und an diesem Sonntag (16.10.) wird sie – im Haus einer ihr bislang unbekannten Tante in Pollença – ihre gesamte neue Verwandtschaft kennenlernen.

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