NACH DEM ETA-KOMMUNIQUÉ

Palmas Gefängnisdirektor: ´Meine Kinder durften damals niemandem sagen, wer ihr Vater ist´

Manuel Avilés lernte viele ETA-Mitglieder persönlich kennen. Ein Interview

27-10-2011  

SILKE DROLL Wenige Spanier haben so viele ETA-Mitglieder persönlich kennengelernt wie Palmas Gefängnisdirektor Manuel Avilés (57). Er leitete unter anderem das Gefängnis von Nanclares de la Oca in der baskischen Provinz Álava. Später arbeitete er als Berater im Justizministerium und schrieb ein Buch über Terrorismus.

Ist die Ankündigung des Gewaltverzichts der ETA glaubwürdig?
Ja. Und zwar deswegen, weil die Ankündigung nicht aus dem guten Willen der Bande geboren wurde, sondern von äußeren Bedingungen bestimmt ist. Die Organisation hat erkannt, dass mit Terrorismus im Europa des 21. Jahrhunderts nichts zu holen ist. Die spanische und die baskische Gesellschaft lehnen die Gewaltanwendung zum Erreichen von politischen Zielen ab. Außerdem gab es sehr großen Druck von der Polizei und den Gefängnissen. Die staatlichen Institutionen haben in dieser Hinsicht sehr gut funktioniert.

Welche Schritte müssen folgen?
Jetzt sind die spanische Regierung und das baskische Parlament gefragt, eine politische Lösung für das Baskenland zu finden. Die gewählten Volksvertreter müssen die Ausgestaltung der Autonomie bestimmen.

Anfang der 90er Jahre wurden Sie als Gefängnisdirektor im Baskenland selbst von der ETA bedroht. Wie gingen Sie damals mit der Gefahr um?
Die Sicherheitsbehörden hatten herausgefunden, dass drei einsitzende ETA-Terroristen und zwei Anwälte meinen Mord planten. Sie bezeichneten mich als Carrero Blanco der 90er (von der ETA ermordeter Ministerpräsident der Franco-Diktatur). Aber ich versuche immer, Privates und Berufliches nicht zu vermischen. Als mich damals ein Journalist auf die Morddrohung ansprach, sagte ich ihm: Das wird von der Sonder­zulage meines Gehaltes abgedeckt. Meine Vorgesetzten veranlassten dann meine Versetzung. Und das, obwohl ich das Baskenland gar nicht verlassen wollte. Ich fühlte mich wohl dort. Mehrere Jahre hatte ich dann Personenschützer. Ständig musste das Auto untersucht werden, ob darunter keine Bombe angebracht worden war.

Wie gingen Sie damit um?
Ich bat ausdrücklich darum, den Personenschutz in meinem Fall zu beenden. Ich sagte, ich übernehme die Verantwortung dafür, was mir passiert. Es war furchtbar. Wenn ich zum Essen in ein Restaurant ging, saßen nebenan vier Polizisten. Das schreckte auch die Menschen aus meinem Umfeld ab. Die Beziehung mit meiner damaligen Freundin ist daran kaputtgegangen. Sie hatte Angst. Ich hatte Verständnis dafür. Wegen der Gefahr besuchte ich auch meine Kinder äußerst selten. Sie waren noch sehr klein, aber perfekt unterrichtet. Sie durften damals niemandem sagen, wer ihr Vater ist.

Mehrere Todesopfer der ETA kannten sie persönlich.
Ja, und das schmerzt unendlich. Darunter ist etwa Juan María Jáuregui, der Vertreter der Zentralregierung in der Provinz Guipúzcoa. Kurz bevor er ermordet wurde, demonstrierten wir noch gemeinsam gegen den ETA-Mord an Gregorio Ordóñez (PP-Politiker). Oder Joseba Echevarría (Polizeibeamter), mit dem ich befreundet war. Und besonders schlimm war, als sie mich anriefen und mir sagten, dass sie Máximo ermordet hatten. Ich hatte ihn zum Dienstleiter im Gefängnis Nanclares de Oca ernannt, er arbeitete viel und gut und war Gewerkschafter. Ich erinnere mich jeden Tag an ihn.

Inwiefern unterscheiden sich die ETA-Terroristen von anderen Häftlingen in den Gefängnissen?
Sie legen immer viel Wert darauf, anders als die anderen Häftlinge zu sein. Sie fühlen sich nicht als Verbrecher. Die Terroristen sehen sich als mit Idealen ausgestattete Krieger im Kampf gegen einen Unterdrückungsstaat.

Sind auch in Palmas Gefängnis ETA-Häftlinge?
Nein.

Welche Rolle spielte die Verteilung der ETA-Häftlinge auf das gesamte spanische Staatsgebiet?
Wenn ich eine Gruppe habe, die sich in ihrem Wahnsinn bestätigt und anstiftet, muss man die Mitglieder trennen. Das ist Teil der Therapie. Terrorismus hat viel Ähnlichkeit mit Sekten. Die Anhänger glauben, dass sie mit Attentaten eine bessere Welt erreichen. Im Gefängnis muss der wichtigste Teil der Therapie also sein, sie von diesem falschen Glauben abzubringen.

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 2. Oktober (Nummer 599) lesen Sie außerdem:
- Spanien atmet nach ETA-Kommuniqué auf

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