Manipulativer Guru oder Lebensberater?

Ein auf Mallorca lebender deutscher Coach soll mentale Kontrolle über seine Klienten ausüben und so vor allem Frauen steuern. Alles Quatsch, sagt er. Ein Urteil von außen ist schwierig

29-12-2011  
Der erfolgreiche Coach zieht insbesondere Frauen in seinen Bann.
Der erfolgreiche Coach zieht insbesondere Frauen in seinen Bann.  Foto: Nele Bendgens

SILKE DROLL
Ist er nur ein gut verdienender Lebensberater mit alternativen Theorien und Methoden oder ein Guru, der seine Klienten mit mentaler Kontrolle manipuliert und betrügt? Der Mann, um den es geht, ist ein international arbeitender Coach aus Deutschland, der seinen Lebensmittelpunkt auf Mallorca hat. Seit mehreren Monaten beschäftigt sich die Justiz mit schwerwiegenden Vorwürfen gegen T. H., der auf Anraten seines Anwalts nicht mit vollem Namen in der Zeitung stehen will. Angezeigt wurde er wegen Betrug, Nötigung und der Bildung einer illegalen Vereinigung (gemeint ist damit eine Sekte). Eine Vereinigung zur Prävention der Manipulation durch Sekten hat ihn auf ihre schwarze Liste gesetzt. T. H. sieht sich dagegen als Opfer einer Hetzkampagne und streitet alles ab.

Fest steht, dass ­T. H. mit seinem auch im Internet präsentierten ganzheitlichen Ansatz kommerziellen Erfolg hat. Für seine Beratungen verlangt er zwischen 100 und 6.000 Euro pro Sitzung. €Es kommt darauf an, wie viel jemand verdient", erklärt er im Gespräch mit der Mallorca Zeitung, zu dem er sich nach wiederholten Anfragen bereit erklärt hat.

Erst kürzlich suchte er in einer deutschen Fernsehsendung ein Haus für vier bis fünf Millionen Euro. Doch noch wohnt er mit seiner Frau und seinen Kindern in einem kleinen Dorf auf ­Mallorca. Bei dem Treffen in seinem Zuhause präsentiert er sich als guter und seriöser Mensch, dem es vor allem darum geht, anderen zu helfen. Er zeigt einen Ordner, in dem er für das Gericht Nachweise zu früheren Tätigkeiten gesammelt hat. Von der freiwilligen Arbeit mit Behinderten als Jugendlicher in Bayern bis zu Sozialprojekten in Indien und einer eigenen Stiftung für benachteiligte Kinder in Deutschland.

Ein vollkommen anderes Bild hat Marta Ramírez (Name geändert) von T. H. gewonnen. €Er ist ein Psychopath", sagt die Frau aus dem Baskenland, deren drei erwachsene Kinder Einzelstunden und Gruppenkurse bei T. H. besuchten. Ihre älteste Tochter (38) sei seitdem nicht mehr sie selbst. €Für sie ist er wie Gott. Sie tut alles, was er sagt. Sie ist keine freie Person mehr." Ramírez macht T. H. dafür verantwortlich, dass ihre Tochter den Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen hat.

Die beiden jüngeren Geschwister suchten nach den Begegnungen mit T. H. einen Psychologen auf, um in einer Therapie zu verarbeiten, was ihnen mit diesem Mann passiert ist. €Zunächst konnte ich es nicht einordnen. Er spaltete meine Persönlichkeit auf. Er pflanzt dir Ideen ein, die nicht deine sind. Es ist so, als ob deine Gedanken ins Rutschen kommen", erzählt Patricia (Name geändert). Zunächst habe ihre ältere Schwester, eine Zahnärztin, T. H. kennengelernt. Ihre Begeisterung für den gut aussehenden, charismatisch wirkenden Coach übertrug sie auf ihre jüngeren Geschwister, so dass schließlich alle drei eine an wechselnden Orten im In- und Ausland organisierte fortlaufende Kursreihe besuchten und dafür pro Einheit jeweils 666 Euro bezahlten plus Kosten für Anreise und Unterkunft.

Die Physiotherapeutin Patricia (29) stieg nach einer Einzelberatung zu ihrer Angst vor dem Autofahren ein. €Da lobte er mich, sagte mir, ich hätte eine gute Energie, könne viel mehr sein, als ich bin, würde die Menschen heilen können, ohne sie zu berühren. Da fühlt man sich natürlich geschmeichelt." Auch der Kreis der Menschen, den sie in T. H.s €Akademie" kennenlernte, gefiel ihr zunächst. €Alle sind supernett und lassen dich glauben, dass dies das beste Umfeld ist, das dir passieren kann."

Die Menschen in dem exklusiv wirkenden Zirkel hätten sich fast alle von ihrer Familie abgewandt. T. H.s Anhänger würden erzählen, dass er Drogensucht und andere Krankheiten geheilt habe. T. H. verstehe es zudem, mit einem subtilen Spiel aus Gesten, Blicken, Anspielungen und leichten Berührungen eine starke Anziehung zu schaffen. €Es war nicht normal, die Frauen waren alle hinter ihm her. Eine fing heftig zu weinen an, nur weil sie den Gedanken nicht aushielt, Weihnachten ohne ihn verbringen zu müssen", erinnert sie sich.

Bei den Wochenendkursen sei es um Themen wie €Aggression und Sexualität" gegangen. Nach einer Einführung am Freitagabend folgten am Samstag meist körperliche Aktivitäten, wie zum Beispiel Klettern. Es gebe viel Gruppenarbeit, man zeige Verständnis für die Probleme der anderen, umarme sich viel. Letztendlich hätte sich aber jeder Kurs um T. H. selbst gedreht. €Dann erzählte er wieder von seinem Leben." Die Frauen seien schließlich mit T. H. sexuell intim geworden, die Männer wollten so sein wie er. €Er sagt, dass er nicht zwischen privat und beruflich unterscheidet", sagt Patricia. Es sei auch sehr schwierig gewesen, T. H. zu widersprechen. €Ich hatte Angst, etwas zu sagen, was ihm nicht gefallen könnte."

Auch Patricias Bruder Julio (Name geändert) war zunächst beeindruckt von T. H.s Auftreten. Er brachte seine kleine Tochter, die unter einem Ausschlag litt, zu ihm. €Er sagt ja, dass er die Fähigkeit hat, Menschen zu heilen. Unserem Kind legte er die Hände auf und sagte meiner Frau und mir, wir sollten mehr miteinander reden und unsere Beziehung ändern." Dem Ratschlag seien sie gefolgt, doch gebessert habe sich die Hautkrankheit deswegen nicht, später habe sich herausgestellt, dass das Baby eine Allergie hatte. Auch von den Kursen, die der 34-jährige Zahnarzt im Jahr 2008 wie seine Schwestern bei T. H. besuchte und bei denen er T. H.s Methode erlernen wollte, zeigte er sich letztendlich enttäuscht. €Er wirkt wie ein guter Mensch, aber er weiß sich zu verkaufen, er ist sehr eloquent, man lernt nichts."

Dennoch habe es der Coach geschafft, die Teilnehmer an sich zu binden. €Er spielte mit meinen Gefühlen. Einmal heißt es: Du hast alles sehr gut gemacht. Einmal: Das hast du katastrophal gemacht." Im Grunde ginge es ­
T. H. nur um Geld und das Anwerben weiterer Klienten. €Meine ältere Schwester brachte ihm Patien­ten aus ihrer Praxis." Sie habe sich aufgrund des Einflusses von T. H. von ihrem Mann getrennt und sich von der übrigen Familie distanziert. Ihre Erfahrungen mit T. H. schilderte die Familie schließlich der Polizei.

Wenn man den Coach mit derlei Vorwürfen konfrontiert, hat dieser freilich eine komplett andere Erklärung für die Anschuldigungen der Familie. €Sie haben Angst, dass sie kein Geld mehr bekommen." Denn nach der Insolvenz des Vaters habe die ältere Tochter, eine gut verdienende Zahnärztin mit zwei Praxen, Geschwister und Eltern finanziell unterstützt. Er habe der gestressten Frau geraten, mehr auf sich zu achten, sich ihre Träume zu erfüllen und sich Zeit für ihre Kinder zu nehmen. Dagegen habe die Familie rebelliert. €Als die ältere Tochter sagte, sie geht, und ihr Bruder die Praxis für wenig Geld wollte, kam es zum Kampf."

Auf den Vorwurf der Manipulation antwortet T. H. mit einer Gegenfrage. €Was ist denn Manipulation?" €Ist Manipulation schon, wenn ich Informationen gebe? Dann manipuliert auch jeder Journalist. Jeder Psychologe, jeder Coach hilft seinen Klienten, Aspekte zu sehen, die diese vorher nicht gesehen haben." Die Techniken, die er benutze, könne jeder studieren und lernen. Auch sei die Argumentation unlogisch. €Wenn ich ein Manipulator wäre, dann suche ich mir doch nicht diese zwei Geschwister aus, die kein Geld haben." Denn den Großteil der Sitzungen und Kurse bei ihm hätte die große Schwester bezahlt.

Ein Psychologe, der sich mit mentaler Kontrolle beschäftigt, ist dagegen überzeugt: €Das ist ein typischer Fall eines New-Age-Gurus." T. H. habe sich als €Super-Therapeut" dargestellt, als Vertreter einer Avantgarde, der die anderen aufwecke, der in der Lage sei, alle Probleme zu lösen und Krankheiten zu heilen. Bei seinem Vorgehen habe er Techniken mentaler Kontrolle angewendet. €Er erreicht, dass sich die Menschen elitär fühlen und glauben, in seiner Schuld zu stehen." Wie auch in Sekten üblich beginne der Kontakt mit einem €Liebesbombardement", über das eine emotionale Bindung zu den Teilnehmern aufgebaut werde. Diese werde dann genutzt, um den Personen neue Werte und Verhaltensmuster einzutrichtern. Die Opfer bekämen so Ängste und Phobien. Als Beweis führt er an, dass Patricia geglaubt habe, dass T. H. Einfluss auf ihren Autounfall gehabt habe. Sexuelle Kontakte von Anhängerinnen mit einem solchen Guru seien unter Missbrauch einzuordnen. €Die Frauen sehen das nicht so, sie sehen es als Bestandteil ihrer Therapie, aber sie werden hinters Licht geführt." Einem Menschen wie T. H.
bereite es Vergnügen, andere Menschen €auseinanderzunehmen" und über sie Kontrolle auszuüben.

T. H. will den Psychologen wegen ähnlicher Äußerungen in seinen gerichtlichen Gutachten demnächst verklagen, genauso wie den Vorsitzenden der Vereinigung zur Prävention der Manipulation durch Sekten. Dieser warnte in E-Mails die Familien von Klienten T. H.s vor dem deutschen Coach. €Ich habe ihm zweimal geschrieben und ihn eingeladen, mich persönlich kennenzulernen. Darauf bekam ich keine Antwort", sagt T. H.

Verklagen will er auch den spanischen Fernsehsender, der T. H. in einer Boulevard-Sendung ausführlich als falschen Therapeuten darstellte. In der Sendung führt ­T. H. die Krebskrankheit eines Klien­ten auf dessen ungelöste psychischen Probleme zurück, spricht von unterdrückten Instinkten. Während er sich an die Körperregion unterhalb des Bauchnabels greift, sagt er: €Von hier kommt Sexualität, Aggressivität und Vitalität." Zur Therapie habe er Tagebuchschreiben und eine Reise empfohlen, berichten die TV-Journalisten. Außerdem habe er von einem früheren Klienten berichtet, bei dem die Metastasen während seiner Beratung zurückgegangen seien ? bevor er nach Abbruch des Kontakts mit dem Coach gestorben sei.

T. H. sagt dazu, der Beitrag sei sinnverzerrend zusammengeschnitten worden. Seine Aussagen seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. Im Gespräch mit der MZ äußert er sich vorsichtiger zum Thema Krebs. €Die Zellen können sich verändern, durch Chemotherapie, durch alternative Medizin, et cetera. Meine Arbeit ist es, so einen Prozess zu begleiten und bewusst zu machen in Zusammenarbeit mit Ärzten."

T. H. selbst ist kein Mediziner und hat auch kein Psychologiestudium abgeschlossen. Bereits während seiner Abiturzeit habe er seine erste eigene Firma gegründet, erzählt der aus Süddeutschland stammende und viel gereiste Mann. Bis zum Alter von 27 Jahren habe er eine Marketing- und Recruiting-Firma mit zuletzt 185 Mitarbeitern geführt. An der Universität sei er zwar für Philosophie und Psychopathologie eingeschrieben gewesen, habe aber darin keinen Abschluss gemacht. Später absolvierte er eine Ausbildung zum Psychotherapeuten an einer Heilpraktiker-Akademie. Mit seinem ganzheitlichen Ansatz habe er mittlerweile auch in der konservativen Medizin Erfolg. Er verweist auf Vorträge, die er in Universitäten, Krankenhäusern und einem Krebsforschungszentrum gehalten hat. Viele seiner Klienten seien Prominente oder kämen selbst aus Gesundheitsberufen.

Unter ihnen war auch ein Fußpfleger aus Palma, der T. H. im Jahr 2005 bei einem Vortrag kennenlernte. Daraufhin besuchte er Einzelsitzungen zu 250 Euro, um mehr von seinen Deutungen und Konzepten erfahren. €Ich hatte den Eindruck, dass er genau richtig lag. Es war so, als ob ich nur einen Teil sehen würde und er mehr sah." Der 42-Jährige besuchte auch eine ähnliche Coaching-Ausbildung bei T. H. wie später die Geschwister aus dem Baskenland und reiste dazu mehrmals nach Deutschland.

Die Kurse, für die er insgesamt rund 10.000 Euro bezahlte, hätten ihn sehr bereichert, sagt er noch heute. T. H. sei eine Ausnahmeerscheinung. €Er ist hochbegabt, hat eine besonders schnelle Auffassungsfähigkeit, sieht gut aus, tanzt gut, ist sehr sportlich, spricht mehrere Sprachen." Da sei es normal, dass andere Menschen ihn bewunderten. In der Zeit, in der er bei T. H. lernte, habe dieser mit drei bis vier Frauen, zum Teil €Schülerinnen" von ihm, in einem Haus in Süddeutschland gelebt. Es stimme, dass viele Frauen hinter ihm her gewesen seien. Aber ob T. H. seine Position ausgenutzt habe, wisse er nicht. Jedenfalls sei niemand gezwungen worden, und eine Sekte sei es mit Sicherheit nicht gewesen.

Neben der Familie im Baskenland fühlen sich allerdings noch weitere Menschen von ­T. H. geschädigt. Eine 72-jährige Frau in Palma klagt ebenfalls, dass ihre erwachsene Tochter dem deutschen Coach €hörig" sei und sich aufgrund seines Einflusses von ihrem Mann getrennt sowie von ihren Freundinnen und ihren Eltern distanziert habe. €Er hat uns die Freude am Leben genommen. Wir wollen sie zurück, wir wollen, dass sie aus diesem Tunnel kommt und wieder das Licht sieht", sagt die Frau, die ihre Tochter und ihren Enkel heftig vermisst. T. H. sagt dazu, die Tochter habe massiv unter ihrer dominanten Mutter gelitten und deswegen bereits zehn Jahre eine Psychologin aufgesucht, bevor sie sich an ihn wandte.

Eine weitere Frau zeigte T. H. im vergangenen Februar an, weil sie für eine Beratung wegen ihrer schwer zu behandelnden Ohrprobleme 2.000 Euro zahlen sollte. Laut ihrer Anzeige legte ihr T. H. lediglich die Hände auf und murmelte unzusammenhängende Sätze wie: €In diesem Moment vergessen wir den Schwiegervater." T. H. erklärt, die Frau sei eine Arzt­hopperin, die Zuwendung suche. Sie reagiere mit der Anzeige nur auf seine Zahlungsforderung, die sie nicht erfüllen wolle. Zudem habe sie sich mit ihrer Unterschrift mit dem Preis der Behandlung einverstanden erklärt.

Der Coach selbst fürchtet um seine Existenz. €Für mich ist es superschlimm, was da läuft. Ich verstehe nicht, warum die damit durchkommen." Sein Anwalt Jaime Campaner hat die Anschuldigungen mit einem bei Gericht eingereichten Schriftstück bestritten und die Einstellung des Verfahrens gefordert. Dieser Forderung habe sich der zuständige Staatsanwalt bereits angeschlossen.




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