Insel-Finanzinstitute: Häuslebauer, Global Player, kleiner Wicht

Sie sind urmallorquinisch – und doch grundverschieden: die Finanzinstitute Sa Nostra, Banca March und Colonya Caixa. Drei Geschichten vom Umgang mit dem Geld in der Finanzkrise

08-12-2011  
Geld-Experten Carbonell, Cifre und Nieto (von links)
Geld-Experten Carbonell, Cifre und Nieto (von links) Foto: Ramón/Lorenzo/Mielniezuk

TOM GEBHARDT Kaum zu glauben, dass sie alle drei auf der gleichen Insel groß geworden (oder eben klein geblieben) sind. Die drei mallorquinischen Finanzinstitute Sa Nostra, Banca March und Colonya Caixa Pollença haben ihre jeweils ganz eigene Entstehungsgeschichte. Und auch auf die Finanz- und Bankenkrise reagieren sie völlig unterschiedlich. Während zwei fusionieren (Sa Nostra mit drei weiteren Kassen zur Banco Mare Nostrum, Sitz in Madrid) oder mit börsennotierten Unternehmen verwachsen (Banca March mit dem Firmenkonglomerat Corporación Financiera Alba, Sitz in Madrid), bleiben andere ihren Prinzipien treu und sehen die Krise sogar als Chance (Colonya Caixa übernimmt die ureigentlichen Funktionen der Sparkassen, Sitz Pollença).

Sa Nostra – auf Mallorquinisch „Die Unsrige" – wurde 1882 in Palma von 38 wohlhabenden Männern gegründet, um das Sparen unter der Bevölkerung zu fördern. 1897 öffnete die erste Dorffiliale in Alaró, im Laufe der Jahre entstand in jedem Ort der Insel eine
Sa-Nostra-Niederlassung. Erst 1983 wurde eine Filiale in Madrid eingerichtet.

„Die Unsrige" blieb statutengemäß eine Sparkasse ohne Gewinnabsicht, deren große Überschüsse zu einem nicht unerheblichen Teil in gemeinnützige Projekte der Fundación Sa Nostra flossen: Kulturförderung, Seniorenbetreuung, große thematische Kunstausstellungen, Forschung im Dienste der heimischen Agrarwirtschaft usw. All diese Dinge wurden mit den Einlagen vieler Klein- und einiger Großsparer unterstützt.

Im Vergleich zu anderen Regionen wie Valencia konnte die Sa Nostra dabei eine gewisse Distanz zur Landesregierung bewahren. Nur Mitte der 90er Jahre wurde der derzeitige Direktor Joan Forcades zum Rücktritt gedrängt, als er sich auf eine zu große Nähe zur damaligen PP-Regierung unter Gabriel Cañellas einließ. Seitdem herrscht wieder mehr Distanz. Dementsprechend steht die Sa Nostra heute auch etwas besser da als die valencianischen Kassen CAM und Bancaja, die viele gescheiterte Großprojekte der Landesregierung mittrugen.

Die geplatzte Immobilienblase ist dennoch nicht spurlos an Sa Nostra vorbeigegangen – im Gegenteil. Ab Ende der 90er Jahre wurden immer mehr Hypotheken für den Erwerb von Erst- und Zweitwohnsitzen vergeben. An den Zinsen verdienten die Kreditinstitute nicht schlecht. Doch während die Höhe der Hypotheken in den 80er Jahren noch auf 60 Prozent des Immobilienwertes begrenzt war, stieg diese Deckelung in den 90ern auf 80 bis 100 Prozent. Ab der Jahrtausendwende wurden mitunter sogar 120 Prozent ausgezahlt. Da die Preise immer weiter stiegen und entsprechend gekauft und verkauft wurde, war das ein so gutes Geschäft, dass Sa Nostra auch mit Hunderten Millionen Euro die großen Bauträger finanzierte.

Als die Blase schließlich 2008 platzte – symbolisch steht hierfür auf Mallorca die Insolvenz des Bauunternehmers Vicente Grande –, war es auch um das wichtigste Geschäft der Sa Nostra geschehen. Viele Familien konnten ihre Hypotheken nicht mehr abbezahlen, viele Eigenheime mussten unter Wert zwangsversteigert werden und gingen an die Sparkasse zurück. Inzwischen versucht Sa Nostra in ihren Filialen verzweifelt, ihre „zurückgewonnen" Häuser zu verkaufen.

Sa Nostra steht mit diesen Problemen nicht alleine da – alle großen spanischen Sparkassen leiden unter der geplatzten Immobilienblase. Das hat auch die spanische Zentralbank auf den Plan gerufen, die eine massive Umstrukturierung des Sparkassensektors angeordnet hat. Sa Nostra musste mit drei weiteren Kassen (Caja Murcia, Caixa Penedès und Caja Granada) zur Gruppe Banca Mare Nostrum (BMN) fusionieren. Faktisch wird die Gruppe damit zur Bank; die mallorquinischen Verantwortlichen haben nicht mehr viel zu melden.

Relativ ungeschoren oder sogar gestärkt kommt hingegen das zweite große mallorquinische Kreditinstitut, die Banca March, durch die Finanzkrise. „Ein Großteil unserer Kunden sind Unternehmen oder vergleichsweise finanzstarke Privatkunden", erklärt Alberto del Cid, Finanzvorstand der 1926 vom mallorquinischen Großunternehmer Joan March i Ordinas gegründeten Bank. Durch die relativ konservative und wie sich jetzt herausstellte weitsichtige Vergabepolitik bei Krediten konnte die Banca March – die sich noch immer vollständig im Besitz der Familie March befindet – in der Krise sogar punkten. Internationale Schlagzeilen machte die Banca March, als sie bei beiden Stresstests der europäischen Bankenaufsicht (2010 und 2011) jeweils als Beste abschnitt. Zuletzt wurden europaweit 91 Geldinstitute darauf geprüft, wie sie im Fall von Konjunktureinbrüchen und Marktturbulenzen dastünden. Für das selbst bei den widrigsten Umständen als sicher geltende Kernkapital wurde die Messlatte bei 5 Prozent festgelegt. Immerhin jede fünfte spanische Bank erreichte diese Marke nicht, fiel also durch (Unnim, CajaSur, Caixa Catalunya, Caixa Manresa und Caixa Tarragona).

Mallorcas Geldinstitute bestanden den Belastungstest hingegen stressfrei. Doch während Colonya Caixa (6,2 Prozent) und der Sparkassen-Zusammenschluss Banco Mare Nostrum (7 Prozent) die Hürde nur relativ knapp nahmen, kam die Banca March auf satte 19 Prozent. Die als Favoritin geltende spanische Großbank Banco Santander erreichte lediglich 10 Prozent. Auch das Familienunternehmen der vier Brüder March hat sich im Zuge der Globalisierung immer weiter von seinem Ursprung auf der Insel entfernt. Wenn auch noch rund 60 Prozent des Bankengeschäfts auf der Insel abgewickelt werden, liegt der Schwerpunkt des Unternehmen längst in der mehrheitlichen Beteiligung im Firmenkonglomerat Corporación Financiera Alba. Darüber ist die Banca March längst zum Global Player mit Beteiligungen in der Stahlproduktion (Acerinox), an weltweit agierenden Sicherheitsdiensten (Prosegur) oder in der Bau-und Energiebranche (Mischkonzern ACS) geworden.

Ganz im Gegensatz zur kleinsten Sparkasse Spaniens, der Colonya Caixa Pollença. „Uns für das Allgemeinwesen einzusetzen, für das Wohl aller, ist unser Daseinszweck", definiert Sparkassendirektor Josep Antoni Cifre den Sinn des Instituts. Aus dem Munde eines normalen Bankers würde das nach einer leeren Floskel klingen. Cifre hingegen meint das völlig ernst und sowohl die Geschichte als auch die Gegenwart des Finanzzwergs geben ihm recht.

Gegründet wurde die ­Colonya Caixa 1880 in Pollença von dem mit der Deutschen Clara Hammer verheirateten Pädagogen Guillem Cifre de Colonya, der wie viele fortschrittliche Denker in Spanien damals Anhänger der Philosophie des deutschen Humanisten Karl Christian Friedrich Krause war. Er setzte sich für eine weltliche Schulbildung ein und wandte sich gegen die Macht der Großgrundbesitzer. Um es den Tagelöhnern zu ermöglichen, ihren Herren Parzellen abzukaufen, gründete er die Sparkasse Colonya Caixa. Sie hat sich bis heute als kleine, bürgernahe Sparkasse gehalten, die sich den Prinzipien ihres Gründers verbunden fühlt.

Und vielleicht wird gerade das Finanzinstitut, das damals im kleinen Ort Pollença wie ein Fremdkörper in der mallorquinischen Gesellschaft gegründet wurde, durch die Finanzkrise zum Nachfolger der bisherigen Sparkassen. Zumindest erfüllt sie glaubhaft das Ziel, das Geld in gemeinnützige Projekte auf der Insel fließen zu lassen, ohne dabei auf prestigeträchtige Großprojekte zu setzen. Und immer mehr vom Bankensystem enttäuschte Bürger setzen auf das ethische Sparen der Caixa Colonya.

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 8. Dezember (Nummer 605) lesen Sie außerdem:
- Interview mit Finanzprofi Antoni Amengual: "Wir behandeln Menschen menschlich"

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